Sankt Augustiner Verein "cantando parlando"

Musik trifft Literatur

Musik und Literatur: Kristian Gerwig und seine Tochter Christine haben ein neues Konzept für "cantando parlando" entwickelt.

Musik und Literatur: Kristian Gerwig und seine Tochter Christine haben ein neues Konzept für "cantando parlando" entwickelt.

SANKT AUGUSTIN. Im kommenden Jahr feiert der Verein "cantando parlando" seinen zwölften Geburtstag. Die Hauptspielstätte der literarischen Konzerte ist seit jeher das Haus Menden.

Es gibt nur ein Problem: Derzeit kennt kaum jemand den Sankt Augustiner Verein und das was er macht. Das weiß auch die neue Vorsitzende Christine Gerwig, die seit 2014 im Vorstand mitarbeitet und nach dem Tod eines der beiden Vereinsgründer, Krafft-Aretin Eggert, die Leitung 2015 übernommen hat. "Sein plötzlicher Tod hat uns alle vor eine gewaltige Herausforderung gestellt", erinnert sich Gerwig an die erste Zeit.

Übernommen hatte sie einen Verein mit einem klangvollen Namen, sehr guten Grundlagen im Blick auf die Fördergelder und mit dem Haus Menden eine hervorragende Spielstätte. Was fehlte war die Öffentlichkeitsarbeit und entsprechende Kontakte zu den Künstlern, stellte Gerwig sehr schnell fest. "Niemand kennt uns, einen Presseverteiler gab es nicht." Hinzu kam das fehlende, durchgängige Konzept, damit die Besucher auch wissen, worauf sie sich einlassen.

Erste Aufgabe nach Eggerts Tod war jedoch zunächst, den von ihm initiierten Lied-Duo-Wettbewerb zu Ende zu bringen, denn Fördergelder waren bereits geflossen und der Verein stand in der Bringschuld. "Wir haben stundenlang Ordner gewälzt, um uns einen Überblick zu verschaffen", erinnert sich Gerwig. Schließlich schafften sie es, die dritte Runde des Wettbewerbs und das Finale der vier Preisträger zu organisieren. "Es war ein vielbeachteter Erfolg, da die Veranstaltung auf hohem Niveau stattfand."

Aber es gab auch Tiefpunkte für "cantando parlando". So habe es Konzerte mit nur fünf Zuschauern gegeben. "Unser erster Reflex nach Sichtung der Unterlagen: Wir schmeißen die Literatur raus." Dazu kam es am Ende jedoch nicht. Im Gegenteil: Man verständigte sich darauf, dass die Verbindung von Literatur und Musik dafür sorgen soll, Besucher zu den Veranstaltungen zu locken und Erlebnisse zu kreieren, über die noch lange gesprochen werden kann. Es gab ein Auftaktkonzert zu Goethes Zeit in Italien. Mehr als 100 Besucher kamen, und damit war klar, dass auch Literatur die Menschen anzieht, wenn man sie von bekannten Schauspielern rezitieren lässt und entsprechend bewirbt.

Durchaus erfolgreich waren auch die Konzerte zum Thema Flucht, die gemeinsam mit dem Freundeskreis Mewasseret Zion organisiert wurden. Nach vielen Gesprächen und Erfahrungen aus 2014 wuchs schließlich das neue Konzept für den Verein. Die Idee blieb, Konzerte zu organisieren, die sich um Literatur ranken.

"Das war genau das Gegenteil von dem, was wir ursprünglich vorhatten, nämlich die Literatur komplett aus dem Programm zu nehmen", kommentiert die heutige Vorsitzende das Ergebnis. Die Besucher der neuen Reihe von "cantando parlando" erwartet im kommenden Jahr literarische Konzerte mit Werken von Wilhelm Busch, Erich Kästner und Herrmann Hesse. Vereint unter dem griffigen Titel: "Literaturkonzerte sonntags um 6" werden die Literaten rezitiert sowie musikalisch präsentiert.

Dass es bei Wilhelm Busch garantiert keine ernste Angelegenheit werden wird, das können Christine Gerwig und ihr Vater und Rezitator Kristian Gerwig garantieren. Virginie Gerwig singt und wird am Klavier von Frank Hoppe begleitet. Songs, Chansons und Texte gibt es auch von Erich Kästner. Sein Gedicht-Zyklus "Die 13 Monate" wurde von seinem Freund, dem Komponisten Edmund Nick, vertont. Die Gedichte ruhten lange Zeit in der Schublade, bis sie Ulrich Schütte wiederentdeckte, heißt es im noch druckfrischen Programmheft. Schütte selbst wird sie singen und rezitieren, begleitet von Christine Gerwig am Klavier.

Das letzte Literaturkonzert aus dieser Reihe widmet sich Hermann Hesse. Mit der Musik von Bach, Mozart und Chopin war der Schriftsteller eng verbunden. "Wir tauchen ein in das musikalische Empfinden des großen Dichters", steht es in der Konzertankündigung. Seine Texte liest Henning Freiberg, am Flügel sitzt an diesem Abend Jamina Gerl. Was die musikalische Präsentation von Literatur ausmacht, das versucht Christine Gerwig mit dem Begriff "klangmalerisch" zu verdeutlichen. "Man kann zum Beispiel bei Gretchen am Spinnrad in der Musik das Spinnrad laufen hören oder aber das Glitzern des Mondes und genauso den Sturm vertonen", beschreibt sie die besonderen Möglichkeiten der Musik. Für Komponisten sei es deshalb immer ein großer Anreiz, Lyrik zu vertonen. Für die neue Spitze von "cantando parlando" ist es ein ebenso großer Anreiz, diese Kombination dem Publikum näher zu bringen.