Pflegefamilie gab Pasqual und seinem Bruder die vermisste Zuwendung

Kinder fanden ein liebevolles Zuhause

Ein lebensbejahender junger Mann ist aus Pasqual (Mitte) geworden. Das hat er zum großen Teil seinem Pflegevater (l.) zu verdanken und der Vermittlung von Edelgard Eßer vom Jugendamt.

Ein lebensbejahender junger Mann ist aus Pasqual (Mitte) geworden. Das hat er zum großen Teil seinem Pflegevater (l.) zu verdanken und der Vermittlung von Edelgard Eßer vom Jugendamt.

SANKT AUGUSTIN. Pasqual ist 22 Jahre alt. Seine Ausbildung hat er bereits abgeschlossen, seit April arbeitet er als Kfz-Lackierer in seinem Ausbildungsbetrieb in Troisdorf. Der sympathische junge Mann strahlt neben Optimismus und Lebensfreude auch eine gewisse Besonnenheit aus.

Nach jeder Interviewfrage überlegt Pasqual kurz, bevor er antwortet und man spürt, dass es ihm eine Herzensangelegenheit ist, seinen Pflegeltern zu danken. Trotz des schwierigen sozialen Umfeldes, in das er hinein geboren wurde, durfte er eine "normale" und glückliche Kindheit - jedenfalls zum großen Teil - erleben.

Pasqual lacht viel und schaut heute gerne in die Zukunft, für die er sich eine Familie und zwei Kinder wünscht, denen er das geben will, was er bei seiner Mutter in den ersten Lebensjahren oftmals vergeblich suchte: Liebe, Zeit und eine gute Versorgung

Pasqual wurde in Köln-Zollstock geboren und lebte dort mit seinem Zwillingsbruder und zwei älteren Geschwistern sowie dem damaligen Freund der Mutter. "An die Wohnung damals kann ich mich nicht mehr erinnern", meint er. Auf dem benachbarten Bolzplatz verbrachte er seine Freizeit.

Als Pasqual acht Jahre alt war zog die Familie nach Sankt Augustin an die Ankerstraße - und eines Sonntagsabends stand die Polizei vor der Tür und nahm die Kinder aus der Familie heraus.

Das war am 11. März 2001 - ein Datum, das Pasqual nie vergessen wird. "Wir haben damals überhaupt nicht verstanden, was da vor sich ging", erinnert sich der junge Mann. Die Geschwister wurden zunächst in ein Bonner Kinderheim gebracht. "Man sagte uns, dass wir wieder zu unserer Mutter zurückkämen." Das sei auch der Plan des Jugendamtes gewesen, ergänzt die damals zuständige Sozialpädagogin Edelgard Eßer, die eine so genannte "In Obhutnahme" veranlasste, nachdem die Mutter bei einem angekündigten Besuch samt der Kinder nicht in ihrer Wohnung war. "Das Ganze hatte einen langen Vorlauf", erinnert sich Eßer.

Zunächst habe das Jugendamt die Meldung der Grundschule bekommen, dass die Kinder nicht zur Schule kämen. Daraufhin sei sie in die Wohnung gegangen und habe sehr schnell eine Familienhilfe organisiert, die drei- bis viermal in der Woche die Mutter bei der Erziehung der Kinder unterstützte.

Irgendwann blieb die Tür jedoch geschlossen - sowohl für die Familienhelferin, als auch für Edelgard Eßer. "Die Kinder lebten in sehr schlechten hygienischen Umständen, gemeinsam mit einem Waran, Schlangen und Skorpionen", so Eßer.

Eine Krankenversicherung fehlte, Spielzeug gab es keines in der Wohnung. Da die Mutter nicht mehr kooperierte, musste das Gericht eingeschaltet werden. Nach vielen vergeblichen Versuchen des Richters, mit der Mutter zu sprechen, habe er ihr schließlich das Sorgerecht für die Kinder entzogen.

"Wir konnten machen, was wir wollten", beschreibt Pasqual seine Kindheit. "Unsere Mutter war schon lieb zu uns, versuchte uns zu versorgen und ließ uns fernsehen", aber immer dann, wenn sie Alkohol getrunken habe, seien auch Gewalttätigkeiten ins Spiel gekommen.

Nach einem Jahr im Heim und der Tatsache, dass die Mutter nach der Wohnungsräumung zu ihrem neuen Freund ein Stockwerk höher zog und wieder schwanger wurde, entschloss sich das Jugendamt gegen die Rückführung der Kinder. Pasqual und sein Zwillingsbruder kamen zu einer Pflegefamilie in Sankt Augustin und für die beiden begann ein neues Leben.

"Es gab gemeinsame Spieleabende, Spaziergänge und Ausflüge", berichtet Pasqual von neuen Eindrücken, die er bis dahin nicht kannte. Auch regelmäßiges Essen stand auf dem Tisch und der tägliche Schulbesuch wurde Pflicht.

"Das war schlimm, denn wir beide konnten einfach nix", beschreibt er die Anfänge in der Schule. Mit einer täglichen Nachhilfe gelang jedoch beiden Jungen der Hauptschulabschluss nach der 9. Klasse und Pasqual sogar der Abschluss seiner Ausbildung. Seine psychisch kranke Mutter hat den Kontakt zu Pasqual und seinem Zwillingsbruder mit deren 18. Geburtstag abgebrochen.

Für Pasqual ist jedoch ohnehin die Pflegefamilie "seine Familie", denn dort bekam er das, was ihm in den ersten Lebensjahren verwehrt wurde. "Wenn ich Kinder habe, sind meine Pflegeeltern deren Oma und Opa", kündigt Pasqual schon heute an. Er freut sich diebisch, dass er in seiner neuen Wohnung schon eine Waschmaschine hat, die er auch bedienen kann.

"Das haben mir meine Pflegeeltern alles beigebracht". Auch eine "absolut neuwertige Küche", soll er schon bald bekommen. "Dann brauche ich nur noch ein bisschen Deko-Material und ein oder zwei Regale", richtet sich der junge Mann in seinem neuen, selbstständigen Leben ein. Auch eine Freundin gibt es und damit hat Pasqual schon fast alles, was er braucht zum Glücklichsein.

Immer, wenn er seine Pflegefamilie besucht, wird gekocht und geredet. Im Gegenzug repariert Pasqual den Rasenmäher oder hilft bei anderen Tätigkeiten. Er kann sein Leben selbstständig meistern, das war ein wichtiges Ziel.

Auch wenn das zweite Ziel, die Rückführung der Kinder zur leiblichen Mutter, nicht umgesetzt werden konnten, so sei es gelungen, den Zwillingen in den Pflegefamilien eine Kindheit, in der sie sich versorgt und geliebt fühlten, zu ermöglichen, resümiert Eßer.

Im Austausch mit dem Jugendamt

Derzeit gibt es in Sankt Augustin 30 Pflegefamilien, die 70 Kinder betreuen. Mit den Familien unterhält das städtische Jugendamt einen regelmäßigen Austausch, es werden Fortbildungen durchgeführt und gemeinsame Ausflüge am Wochenende. Neue Pflegeeltern werden nach einheitlichen Standards im Verbund mit den Jugendämtern im Rhein-Sieg-Kreis auf die Zeit mit den Kindern vorbereitet. Die Jugendämter suchen immer Elternpaare, die bereit sind, Pflegekinder aufzunehmen.