GA-Klimazeitung

Interview mit Sven Plöger über den Klimawandel

Sankt Augustin. Die Wetterextreme haben zugenommen. "Der Klimawandel wird für viele Menschen jetzt fühlbar", sagt ARD-Wettermoderator Sven Plöger. Mit ihm sprach Bernd Eyermann.

Herr Plöger, die Menschen kennen Sie vor allem als Wetterfrosch. Warum engagieren Sie sich auch als Klimaerklärer?

Sven Plöger: Weil Klima die Statistik des Wetters ist. Nach 20 Fernsehjahren setzen zahlreiche Zuschauer das Vertrauen in mich, dass ich ihnen auch ihre Fragen zum Klima beantworte.

Wie fing das an?

Plöger: Mit dem Orkan Lothar 1999, der viele Wälder in Süddeutschland zerstört hat. Danach habe ich begonnen, die vielen Zuschauerfragen zu sortieren, Vorträge zu halten, später auch Bücher zu schreiben und Filme zu drehen.

Welche Fragen haben die Menschen?

Plöger: Viele wollen wissen, was sie selbst gegen den Klimawandel tun können. Das zeigt mir, dass eine große Bereitschaft da ist, etwas zu ändern.

Was antworten Sie?

Plöger: Natürlich soll man nicht mit dem SUV zum Bäcker fahren, das weiß heute jeder. Endlos viele Tipps, die oft auch noch Geld sparen, gibt es in zahlreichen Ratgebern. Und wir müssen immer in die Zukunft schauen und die Chancen sehen.

 

Zum Beispiel?

Plöger: Heute hat ein Elektro-Auto noch Nachteile. Wenn aber die Batterietechnologie moderner und der Input des Stroms erneuerbarer wird, überwiegen die Vorteile. Man darf sich nicht darauf beschränken, zu sagen, was schlecht läuft.

Sven Plöger, der Optimist?

Plöger: Naiv bin ich nicht, aber wir brauchen mehr positives Denken. Seit den 80er Jahren drohen wir mit Katastrophenszenarien, doch das hat unser Handeln im Alltag bisher kaum verändert. Erste Politiker rufen nun, dass es nicht mehr fünf vor, sondern fünf nach zwölf ist. Hilft uns diese verbale Dramatik?

Was wäre Ihre Antwort?

Plöger: Ich fürchte sogar, das Gegenteil ist der Fall, denn warum soll ich eigentlich noch etwas tun, wenn es eh zu spät ist? Auch mit dem ausschließlichen Predigen von Verzicht werden wir die Masse nicht mitnehmen. Natürlich wird es ohne nicht gehen, aber die Lust auf Veränderung, auf Erfindung neuer Technologien und das Aufzeigen erfolgreicher Leuchtturmprojekte sollten wir in den Mittelpunkt stellen, um Menschen mitzunehmen. Also: Positives Denken!

Vielen fällt das schwer.

Plöger: Aber nur so geht es. Wir brauchen die Leute, die Ideen nach vorn bringen, und das Verständnis dafür, wie wir das Ziel erreichen können, dass die Erderwärmung zwei Grad oder besser 1,5 Grad nicht überschreitet. Beim Zwei-Grad-Ziel passen noch 720 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Derzeit emittieren wir 36 Milliarden pro Jahr. Dann hätten wir noch 20 Jahre Zeit. Wir wollen aber das 1,5-Grad-Ziel erreichen.

Was also ist zu tun?

Plöger: Wir müssen in den nächsten zehn bis 15 Jahren die Dinge tun, die wir uns auf der Klimakonferenz in Paris versprochen haben, um zu einer Abschwächung des Klimawandels zu kommen. Das ist noch möglich.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Plöger: Dass die erneuerbaren Energien einen kaum für möglich gehaltenen Aufschwung erlebt haben. Dass 71 Prozent der Bevölkerung in Deutschland und 67 Prozent weltweit die Klimaänderung für die größte Bedrohung halten. Die Europawahl hat gezeigt, dass es genau das ist, was die Menschen beschäftigt. Jetzt auf diesen Zug aufzuspringen und in dieser emotionalen Phase zu zeigen, was man ändern kann, darauf kommt es an.

Woran denken Sie da?

Plöger: Nehmen Sie den Radverkehr. In Kopenhagen kann man beobachten, wie eine Fahrradstadt funktioniert. Und das nicht, weil der Däne ständig so schönes Wetter hätte. Wir müssen unsere Städte viel radikaler umkrempeln und Lust machen, zum Beispiel mit dem Elektroroller oder dem E-Bike unterwegs zu sein. Heute bin ich als Radfahrer der langsamste Verkehrsteilnehmer, wenn ich mich korrekt verhalte. Wir müssen dafür sorgen, dass der Autofahrer am häufigsten warten muss und so bei ihm die Erkenntnis wächst: Mit dem Auto in die Stadt zu fahren, bringt nichts - anders geht es viel leichter und entspannter.

Pendler sehen das anders.

Plöger: Was wir brauchen ist ein vernünftiger ÖPNV, der nicht zu teuer ist und kostenlose Parkplätze für Pendler. Am Ende ist Klimaschutz eine Kombination aus technischen Neuerungen, Verzicht auf Dinge, Ordnungspolitik, einem vernünftigen Emissionshandel und der Erkenntnis, dass umgesteuert werden muss.

Was halten Sie von Fridays for Future?

Plöger: Ich finde die Bewegung hervorragend, und ich finde es auch richtig, dass die Jugendlichen freitags auf die Straße gehen. Wenn sie samstags demonstrieren und die Schule nicht schwänzen würden, wäre das Interesse der Politik viel geringer.

Was bewirken die Demos?

Plöger: Die Parteien spüren, dass sie den Rückhalt bei der Jugend verlieren. Junge Leute sind viel mehr als ältere bereit, etwas zu verändern. Sie sind die Wähler von morgen und die Entscheider von übermorgen. Das gibt mir Hoffnung, denn jemand, der mit 18 nicht als erstes im Sinn hat, den Führerschein zu machen, der wird später, wenn er mal Bürgermeister ist, auch nicht darauf hinarbeiten, seine Stadt gänzlich aufs Auto auszurichten.

Ist die Gesellschaft weiter als die Politik?

Plöger: Definitiv. Auch weil die Politik mit dem steten Hinweis auf Arbeitsplätze viel zu langsam umsteuert. Wir hätten zu einem viel früheren Kohleausstieg kommen können, wenn wir mehr auf innovative Arbeitsplätze hingearbeitet hätten.

Viele sagen: Allein in Deutschland können wir das Klima nicht retten.

Plöger: Richtig, aber Deutschland hat eine besondere Verantwortung und darf bei seiner wirtschaftlichen Stärke auch mal Vorreiter sein. Und: Wenn man alle Emissionen seit 1750 aufaddiert, kommt Deutschland mit seinen Vorläuferstaaten auf Platz vier von 196 Ländern. Auch jetzt emittieren wir viel mehr als andere Länder. Pro Kopf und Jahr liegen wir bei 8,9 Tonnen. Wenn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen, dürften es weltweit pro Kopf und Jahr nur zwei Tonnen sein. Wir sind derzeit also keinesfalls Klimaretter oder Klimavorreiter.

Reizt es Sie selbst, in die Politik zu gehen?

Plöger: Ich finde Politik hoch spannend, aber in den nächsten Jahren möchte ich weiter der Übersetzer der Inhalte bleiben. Ist man politisch tätig, kommt schnell der Vorwurf, man sei Ideologe. Die Sachargumentation würde dann viel schwieriger.

Wie hat sich diese Übersetzerarbeit denn verändert?

Plöger: Früher war ich nur Wissenschaftler, inzwischen bin ich ein viel politischerer Mensch. Und ich sehe, wie schwierig es ist, ein kompliziertes Thema wie den Klimawandel so an die Menschen zu bringen, dass es inhaltlich richtig ist, und gleichzeitig verstanden werden kann, was die Forscher herausgefunden haben. Dieses Übersetzen ist wahnsinnig wichtig, weil trotz aller Kenntnisse vieles verkürzt, vereinfacht und dann auch falsch dargestellt wird.

Wie meinen Sie das?

Plöger: Nach den heißen Ostertagen geisterte die Nachricht durch die Medien, dass der Sommer 2019 noch viel trockener würde als der davor. Das ist zu dem Zeitpunkt noch überhaupt nicht abzusehen gewesen. Statt so einer wilden und sinnlosen Aufgeregtheit möchte ich lieber die Zusammenhänge erklären und erwarte, dass die Medien, die so etwas verbreiten, anständig zitieren.

Sie haben gesagt, dass der Dürresommer 2018 den Klimawandel fühlbar gemacht hat. Wie geht es Ihnen dabei, wenn Sie für Ihre Heimatstadt Sankt Augustin Hitzerekorde vermelden? Am 7. August waren es zum Beispiel 38,7 Grad, das war NRW-Jahreshöchstwert.

Plöger: Als ich mit den Wettervorhersagen angefangen habe, fand ich es spannend, Rekorde zu verkünden. Inzwischen sehe ich sie eher im Kontext des Klimawandels. Die Häufung der Hitzerekorde bewegt mich immer mehr, zumal es uns Menschen ja wirklich belastet. Zuletzt hatte fast jedes Jahr lange Hitzewellen, man denke an 2016, 2014, 2013, 2006 und 2003. Früher waren die Abstände viel größer: 1994, 1976, 1959, 1947, 1934, 1911 - und dann kann ich mich nicht mehr erinnern (lacht).