Kommentar zum Tod der 17-Jährigen

Hetzern im Netz nicht das Feld überlassen

An der Unterkunft sind Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt.

An der Unterkunft sind Blumen niedergelegt und Kerzen aufgestellt.

Der Fall der getöteten 17-Jährigen zeigt erneut, dass es keine Fakten braucht, um im Netz einen menschenverachtenden Sturm an Beschimpfungen und Mutmaßungen auszulösen. Dabei wären einmal mehr kluges Nachdenken und Besonnenheit gefragt.

Als noch niemand wusste, was in der Flüchtlings- und Obdachlosenunterkunft in Sankt Augustin wirklich passiert ist, war der Kampf um die Deutungshoheit bereits entbrannt. Denn es gibt einen Verdächtigen, der nicht in Deutschland geboren ist. Das reicht, um bei Facebook einen menschenverachtenden Sturm an Beschimpfungen, Mutmaßungen und Beleidigungen auszulösen. Alle Rassisten dieser Republik nutzen die Gelegenheit, die Deutungshoheit an sich zu reißen. Ihr prominentes Opfer ist die Wahrheit, die offenkundig keine Rolle spielt. Ihre Argumente sind Gerüchte, Verleumdungen, Verdrehungen und Unterstellungen.

Dass den meisten dieser Autoren das Schicksal des getöteten Mädchens völlig gleichgültig ist, dass es nur darum geht, eine politische Aussage gegen alles Fremde zu platzieren, dass es darum geht, Angst zu machen, verdient gleichwohl noch einmal herausgestellt zu werden. Fatal an diesen inzwischen regelmäßig so verlaufenden Debatten ist nur, dass sie es zunehmend unmöglich machen, realistisch und lösungsorientiert über Ursachen und Folgen von Gewalt in solchen Sammelunterkünften zu diskutieren, das Allgemeine von der individuellen Schuld des mutmaßlichen Täters zu trennen.

Verantwortliche Politiker müssen sich über diese Hass-Debatten hinwegsetzen. Natürlich muss alles getan werden, um solche Taten zu verhindern. Dabei hilft nur kluges Nachdenken und Besonnenheit. Wenn die Vernünftigen den Hetzern das Feld überlassen, gibt es keinen Weg mehr, der unsere Gesellschaft friedlicher macht und das Leben aller schützt.