Vergeblicher Kampf gegen die Behörden

Familie Khabuliani muss im Container in Sankt Augustin bleiben

Schlafen gemeinsam in dem kleinen Zimmer: Die georgische Familie (v.l.) Tinatin Natroshvili, Khaki, Mate und Gabriel Khabuliani.

Schlafen gemeinsam in dem kleinen Zimmer: Die georgische Familie (v.l.) Tinatin Natroshvili, Khaki, Mate und Gabriel Khabuliani.

Sankt Augustin. Die Stadt Sankt Augustin und der Kreis lehnen die Kostenübernahme für eine Wohnung ab, obwohl Sohn Khaki schwer krank ist. Die Familie aus Georgien lebt seit Oktober 2017 im Klostergarten der Steyler Missionare.

Als Gabriel Khabuliani (32) und Tinatin Natroshvili (35) am 26. März vergangenen Jahres mit dem Flugzeug aus Georgien in Deutschland landeten, hatten sie bereits ein Odyssee mit ihrem Sohn Khaki Khabuliani (5) hinter sich. Dass sich das in Deutschland fortsetzen würde, hätten sie damals nicht gedacht.

„Wir waren in mehreren Kliniken in Georgien, in Russland und in der Türkei, und eigentlich hörten wir überall, dass wir mit diesem seltenen Krankheitsbild nur in Deutschland Hilfe bekommen könnten“, sagt Khabuliani. Sie hatten ein gar nicht so schlechtes Leben in Georgien, Tinatin arbeitete in der Pressestelle des Sport- und Jugendministeriums, verlor jedoch nach dem Regierungswechsel ihre Stelle. Ihr Ehemann Gabriel leitete mehrere kleinere Lebensmittelläden, was ihm 600 Euro im Monat einbrachte – ein Durchschnittsgehalt.

Mit der Geburt ihres jüngsten Sohnes Khaki am 23. April 2013 änderte sich ihr Leben komplett. Sein komplexes Fehlbildungssyndrom, das als spinales Regressionssyndrom bezeichnet wird, ist äußerst selten. Hilfe in ihrer Heimat? Fehlanzeige. Vier Jahre lang konsultierten sie immer wieder andere Ärzte. Das war teuer, brachte aber keine eindeutige Diagnose. „Die Ärzte meinten, so Gott will, wird es ihm besser gehen“, sagt seine Mutter, und damit wollte sie sich nicht zufrieden geben.

Deutschland als letzte Hoffnung

Die beiden gaben ihr Leben in Georgien auf und packten die Koffer. Als letzte Hoffnung für den inzwischen fünfjährigen Khaki flogen sie nach Deutschland. Dort verlief ihr Aufenthalt jedoch nicht so, wie sie sich das gewünscht hätten. Ihr Antrag auf Asyl wurde vom Bundesamt für Migration am 11. Juli 2017 abgelehnt, sie klagen auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand. Die Klage ist beim Verwaltungsgericht Köln anhängig.

Letztendlich war es die Asklepios Kinderklinik, die die Familie nach einem Umweg über Bonn, Leverkusen, Kerpen und Hürth am 24. Oktober 2017 nach Sankt Augustin führte. „Die Familie hatte Mitte November einen Termin in der Klinik, um endlich eine Diagnose zu bekommen, den sie leider nicht wahrnehmen konnte, da die Zustimmung des Gesundheitsamtes erst am 6. Januar kam“, ärgert sich Andreas Buderus, der Ehemann der zuständigen Physiotherapeutin für Khaki, über die seiner Meinung nach „Verschleppungstaktik der Behörden“. Er unterstützt die Familie, die dringend aus den Containern im Klostergarten in eine Privatwohnung umziehen möchte.

Sie gelten nach den EU-Aufnahmerichtlinien gleich in zweifacher Weise als besonders schutzbedürftig. Zum einen wegen der Mehrfachbehinderung von Khaki, zum anderen wegen der Schwangerschaft von Tinatin, die im September ihr drittes Kind erwartet.

Wohnung ist vorhanden

Die Wohnung wäre da, sie wäre auch günstiger als der Container, eine Übernahme der Kosten durch das Sozialamt gibt es jedoch nicht, obwohl schon im Mai ein entsprechender Antrag gestellt wurde. „Das ist strukturelle Gewalt seitens der Stadt Sankt Augustin, in vollständiger Kenntnis des Gesundheitszustandes des Kindes“, ereifert sich Buderus.

Seine Frau Michelina Hüsgen ist seit gut einem Monat die behandelnde Physiotherapeutin des Jungen. Sie attestiert, dass die Sammelunterkunft für Khaki erhebliche Gefahren birgt. Wegen seines komplexen Fehlbildungssyndroms der Beine und der Wirbelsäule könne er sich nur robbend und krabbelnd fortbewegen. Zudem besitze der Junge nur eine Niere, die ebenfalls nur eingeschränkt funktioniert. Sowohl von der Kinderklinik als auch von der Kinderärztin liegen zusätzlich Atteste vor, die bescheinigen, dass die Lebensumstände im Container ein erhöhtes Infektionsrisiko bergen. Daraus resultierende Komplikationen werden nicht ausgeschlossen.

Sauberkeit ist ein ständiges Thema

Sauberkeit ist ein ständiges Thema im Container, der derzeit von neun Menschen bewohnt wird. Jeder läuft durch den Flur zur Toilette, und wenn dann Khaki vom Schlafzimmer der Familie in den kleinen Wohnraum robbt, bekommt der ohnehin für Infektionen besonders anfällige Junge alles mit, was an den Schuhen von draußen hereingeschleppt wurde. Das Sozialamt der Stadt Sankt Augustin zieht sich auf die geforderte Amtshilfe vom Gesundheitsamt des Rhein-Sieg-Kreises zurück, die noch nicht vorliege. Das änderte sich im Zuge der GA-Recherche. Am Dienstag, 3. Juli, gab das Gesundheitsamt der Stadt Auskunft. Kreissprecherin Rita Lorenz fügte hinzu, dass eine Bearbeitungszeit von sechs Wochen üblich und normal sei.

Den Inhalt des Schreibens teilte die Stadt Sankt Augustin dem GA jetzt mit, und der dürfte für die Familie niederschmetternd sein. „Der Fachbereich des Kreises für Kinder, Jugend und Gesundheit hält die Unterbringung in einer Privatwohnung für medizinisch nicht zwingend erforderlich“, teilt Stadtsprecherin Eva Stocksiefen mit. Deshalb werde die Stadt einen Umzug auch nicht finanzieren. „Wir verstehen zwar sehr gut, dass die Familie das gerne haben möchte“, sagt Stocksiefen. Das seien allerdings zusätzliche Kosten, die von der Allgemeinheit getragen werden müssten. „Deshalb machen wir es nicht.“