Enkel des "Fahr-Hannes"

Erinnerungen an den letzten Fährmann von Menden

SANKT AUGUSTIN. Wirklich gut kennengelernt hat Hans Hinterkeuser seinen Großvater Johannes "Hannes" Hinterkeuser nicht, denn der starb 1950 - und da war sein Enkel gerade mal sechs Jahre alt. Dennoch: Er ist der letzte direkte Nachfahre des letzten Mendener Fährmannes, der auch dessen Namen trägt.

Was er über ihn weiß, hat er aus den Erzählungen seines Vaters erfahren, und auch der sprach eigentlich nicht so häufig über seine Kindheit in Menden, in dem kleinen Fachwerkhaus an der Siegstraße/Ecke Martinstraße, mit einem großen Ahornbaum vor der Tür.

Dort lebte der Fährmann mit seiner Frau Helene und den drei Kindern. Es gab eine Ziege, Kühe und den Garten, den Helene versorgte. Der Fahr-Hannes hingegen verbrachte jeden Tag am Fährhaus - und zwar bei jedem Wetter. Auch ihn versorgte seine Frau Helene jeden Mittag, indem sie mit einem Henkelmann das Essen zur Fähre brachte.

Die Erinnerung an das kleine Wohnhäuschen, das es heute nicht mehr gibt, ist seinem Enkel jedoch geblieben. "Da gab es einen Kriechkeller, Fachwerk, das von Zierziegeln verdeckt wurde, und eine winzige Stiege nach oben, wo man schlief", berichtet er.

Er zog mit seiner Familie 1949 von Mülheim an der Ruhr nach Menden, um dem Fahr-Hannes, dem es gesundheitlich immer schlechter ging, beizustehen. Seinen Großvater bezeichnet Hans Hinterkeuser als "Sonderling", der seine Zeit auch bei klirrendem Frost an seinem Fachwerk-Fährhäuschen, das auf der Troisdorfer Seite stand, verbrachte.

Dort wartete er entweder auf Kundschaft oder auf seine Fischer-Freunde, die, selbst wenn die Sieg längst zugefroren war, Aale, Lachse und Forellen aus dem sauberen Fluss fischten, nachdem sie Löcher in die Eisschicht geschlagen hatten. Trotz des kargen Lebens erreichte der Fahr-Hannes das stolze Alter von 84 Jahren. "Er war abgehärtet und zuvor nie krank", erinnert sich sein Enkel an die Erzählungen des Vaters. Geboren wurde der Fahr-Hannes 1866 in Niedermenden, gestorben ist er 1950 in Obermenden.

 "Hannes Hinterkeuser setzte als letzter Spross die jahrhundertealte familiäre Tradition des Fährmanns in der Familie Hinterkeuser fort", schreibt sein Sohn Johann in einem Zeitungsartikel im Jahr 1975. Von 1902 bis 1928 hat er die Fähre über die Sieg gesteuert, und erst mit dem Bau der Siegbrücke endete die Tradition des Fährmannes an dieser Stelle des Flusses.

Sein Sohn berichtet in der Zeitung, dass diese Fähre der Gemeinde Menden gehörte, von der sein Vater auch bezahlt worden sei. Ein großes Ereignis war die Anschaffung des neuen schweren Nachens. Das ist ein Arbeitsboot, auf dem auch zwei Pferdezüge bequem über den Fluss gelangen konnten.

Dieses neue Fährschiff holte Hinterkeuser damals höchstpersönlich von der Werft in Linz am Rhein ab und schipperte von dort aus bis zu seiner Anlegestelle an der Sieg. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, weil das neue Gefährt "erhebliches Gewicht" hatte, schreibt sein Sohn. Von der Siegmündung bis nach Menden ging es zudem gegen den Strom. Verordnete "Unterstützung" bekam der Fährmann damals von russischen Kriegsgefangenen, die das Gefährt "nach Art der Wolgaschiffer bergan bis zur Fährstelle treidelten", schreibt Johann Hinterkeuser.

Passagiere mit großem und kleinem Gepäck sowie Vieh aller Art gelangten mit dem Fahr-Hannes und seiner Fähre auf kürzestem Weg über die Sieg. Auch die Prominenz nutzte Hinterkeusers Fähre, darunter der Erzbischof von Köln ebenso wie Prinz Heinrich von Preußen.

Johann Hinterkeuser beschreibt seinen Vater als "zuverlässig und gewissenhaft". In dem kleinen Fachwerkhäuschen bewahrte der Fährmann die Fähr-Staken und anderes Gerät auf, ebenso wie sein Angelzeug. Wenn die Siegfischer den Fahr-Hannes besuchten, ging es gemütlich zu in dem kleinen Häuschen.

Die Flaschen mit Bier und Korn kreisten, während "große Fische" aus dem Fluss gezogen wurden, beschreibt Johann Hinterkeuser die gute alte Zeit des Fahr-Hannes, die mit dem Brückenbau endete. Seine Bekanntheit in Menden ist bis heute ungebrochen. In der alten Wirtschaft, dem "Helikum", hängen die Fotos von ihm, gemeinsam mit den Siegfischern, und zeugen von einer längst vergangenen Zeit.

Familie Hinterkeuser schrieb Fährgeschichte in Menden:

Johann Hinterkeuser wurde 1720 geboren und wohnte mit seiner Frau Margaretha in Niedermenden. Sein Beruf war Schiffer, und der vierte seiner sechs Söhne, Johann Heinrich Hinterkeuser, der 1754 geboren wurde, übte so wie sein Vater das Schifferhandwerk aus. Sein zweiter Sohn, Mathias Hinterkeuser, wurde 1809 geboren. Er war auch Schiffer und nebenberuflich Ackerer. Sein Sohn Jacob, geboren 1838, war ebenfalls Schiffer. Mit Catharina Raderschatt hatte er zehn Kinder. Der dritte Sohn war Johannes Hinterkeuser, der 1866 geboren wurde und schließlich der letzte Fährmann in Obermenden war. Er starb 1950 mit 84 Jahren.