Initiative in Sankt Augustin

Begleiter im Alltag ermöglichen Behinderten Teilhabe

Ausspannen: Die Vize-Geschäftsführerin des „Karren“, Gabriele Siebert, verteilt Kuchen in einer Wohngemeinschaft.

Ausspannen: Die Vize-Geschäftsführerin des „Karren“, Gabriele Siebert, verteilt Kuchen in einer Wohngemeinschaft.

Sankt Augustin. Der Verein „Der Karren“ gründete sich 1982, um Behinderten Teilhabe zu ermöglichen. Heute ist er mittelständischer Arbeitgeber.

Ein Nachmittag im Schwimmbad, ein Kinobesuch, eine Verabredung mit Freunden zum Bier in der Kneipe – für viele Menschen ein regelmäßiges Vergnügen und daher oftmals nichts Besonderes mehr. Für Menschen, die für alltägliche Dinge auf Hilfe anderer angewiesen sind, bieten sich in der Freizeit viel weniger Alternativen. Spontane Unternehmungen außer Haus sind oftmals gar nicht möglich. Speziell gilt das für Menschen mit körperlichen, psychischen oder geistigen Einschränkungen. Pfarrer Stephan Hünninger wollte an dieser Situation etwas ändern.

 

Die Idee: In seiner evangelischen Gemeinde in Sankt Augustin kleine Wohngemeinschaften bilden, in denen Menschen mit Behinderungen mehr Freiräume bekommen, um ihr Leben zu gestalten, und dabei eingebunden sind in die Ortskirchen. Denn nur, wenn man Menschen etwas zutraut, können sie lernen und Fortschritte machen.

 

Die Basis legte der Pfarrer mit der Gründung des Vereins „Der Karren“, zusammen mit Pfarrerin Elisabeth Daub und Ursula Hafermann, Mutter eines schwerstbehinderten Jungen. Das war 1982. Der Name ist metaphorisch zu verstehen: „Hünninger meinte das als Bild für Menschen, die durch Behinderung oder andere Einschränkungen belastet sind und die deshalb von anderen gezogen werden“, erklärt Peter Stößel, der Geschäftsführer des Vereins, der seine Geschicke seit den 1990er Jahren begleitet.

 

Hünninger war ein Pionier seiner Zeit, denn vor 40 Jahren war es die Regel, dass Menschen mit Behinderungen in großen Wohnheimen lebten, sobald sie nicht mehr von den Eltern zu Hause betreut werden konnten. Seit den 1990er Jahren eröffnete der „Karren“ – auch unter Beteiligung von Eltern – mehrere Wohngemeinschaften in Sankt Augustin, Beuel und Pützchen. Dort wohnen jeweils vier bis elf Mieter, insgesamt sind es heute 62.

 

Susanne Reiff, die für den Verein die Öffentlichkeitsarbeit macht, berichtet: „Einige Bewohner haben eine tolle Entwicklung vollzogen. So haben sie etwa gelernt, selbstständig einzukaufen oder sich etwas zu kochen.“ Bei den täglichen Verrichtungen helfen die Betreuer am Morgen, bevor es in die Werkstätten geht, und am Abend, nachdem sie von der Arbeit zurückgekehrt sind.

 

Wo Bewohner mit besonders schweren Einschränkungen leben, gibt es zudem eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Inzwischen ist „Der Karren“ zu einem wichtigen Arbeitgeber geworden, bei dem rund 100 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt sind, hinzu kommen knapp 80 geringfügig Beschäftigte sowie acht Auszubildende. Fast ebenso viele junge Leute absolvieren ein freiwilliges soziales Jahr. „Ja, wir sind schon Mittelstand“, erklärt Stößel.

Dabei ist das betreute Wohnen nicht das einzige Angebot des „Karren“. Schon früh kam die Unterstützung von Familien dazu, in denen Kinder mit Behinderungen leben. Seit 1998 gibt es Schulbegleiter, die den Kindern im Unterricht helfen. „Damals haben wir die Eltern bei einer Klage gegen den zuständigen Sozialhilfeträger unterstützt, damit dieser die Leistung übernimmt“, erzählt Stößel. Heute werden rund 69 Kinder in Kindertagesstätten und Schulen betreut, wo sie neben nicht-behinderten Schülern sitzen. Mehr als 100 Mitarbeiter übernehmen das.

Die Begleiter, die es so als Berufsbild gar nicht gibt, lernen in der Fort- und Weiterbildung beim „Karren“, wie sie bei Aggressionen der Kinder umgehen, welche Aufsichtspflichten sie haben und wie sie sich aber auch als Person abgrenzen, um mit belastenden Situationen zurechtzukommen.

Obwohl es sich um einen Verein handelt, war Wachstum hinsichtlich der Mitarbeiterzahl und des Umsatzes für Stößel immer ein Thema. Der 48-Jährige hat nach einer Ausbildung im öffentlichen Dienst ein Jurastudium abgeschlossen und dann noch einen Masterabschluss in Sozialmanagement absolviert. „Wir hatten darüber immer wieder lebhafte und kontroverse Diskussionen in den Mitgliederversammlungen“, berichtet der Geschäftsführer. Treibende Kraft sei auch ein „sehr agiler“ Vorstand, dem die Weiterentwicklung des Vereins immer am Herzen liegt. Die Wachstumsstrategie werde in regelmäßigen mehrtägigen Workshops ausgearbeitet, erklärt Stößel. Als Ergebnis gründete der „Karren“ 2012 einen eigenen Pflegedienst, „weil wir erlebt haben, dass die gängigen Pflegedienste mit ihren Zeitvorgaben nicht immer in den Tagesplan unserer Betreuten passten.“

„Man braucht eine gewisse Betriebsgröße, damit es für alle Seiten befriedigend ist“, sagt Stößel nicht zuletzt mit Blick auf den Bürokratiedschungel, in dem sich jeder Leistungserbringer im Sozialwesen bewegt. So hat der „Karren“ gerade ein weiteres Wohnprojekt mit 18 Plätzen vom Bonner Verein „Stunk“ übernommen, und dafür eine weitere gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) gegründet. Es ist das Ergebnis „intensiver Beratung mit Rechtsanwälten und Steuerberatern“, sagt Stößel. Das hänge damit zusammen, „dass mit jeder Expansionsentscheidung auch wirtschaftliche Chancen und Risiken einhergehen“.

Malen, Kochen, Fahrradfahren – das sind einige der Angebote, die es für die vom Verein betreuten Menschen gibt. Die Mieter der Wohngemeinschaft in der Boelckestraße in Sankt Augustin haben sogar einen Geheimtipp: die Traditionskneipe „Dorfkrug“ liegt in ihrer Nachbarschaft. Susanne Reiff erzählt, sie seien dort gern gesehene Gäste. „Da wird auch mal Geburtstag gefeiert.“