Kinderherzzentren in Sankt Augustin und Bonn

„Die Kollegen werden hier keinen Cent mehr verdienen“

Sankt Augustin/Bonn. Wolfgang Holzgreve, Ärztliche Direktor des Bonner Uniklinikums, setzt auf Fortschritte in der Medizin und ein ganzheitliches Betreuungskonzept. Mit dem bevorstehenden Wechsel zweier Kinderherzspezialisten steht die gesamte Asklepios Kinderklinik in Sankt Augustin auf dem Prüfstand.

In der Kinderherzmedizin am Bonner Universitätsklinikum stehen große Veränderungen bevor, bei denen Kinderherzchirurg Boulos Asfour und Kinderkardiologe Martin Schneider aus der Asklepios Kinderklinik Sankt Augustin eine große Rolle spielen (der GA berichtete). Am Eltern-Kind-Zentrum auf dem Venusberg, das als Ersatzbau für die alte Kinderklinik an der Bonner Adenauerallee dient, wird noch gebaut. Professor Wolfgang Holzgreve, Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Bonner Uniklinikums, will dort eine Betreuung gewährleisten, die vor der Geburt eines Kindes mit Herzfehler beginnt und gegebenenfalls erst mit einer abschließenden OP im Erwachsenenalter endet. Aus dem bestehenden Kinderherzzentrum soll das größte in Deutschland werden.

In der aktuellen Diskussion um die Zukunft des Klinikstandorts Sankt Augustin ist immer wieder die Schließung der Geburtshilfe im Jahr 2016 Thema. „Diese Entscheidung haben wir natürlich wahrgenommen“, sagt Holzgreve am Freitag im Gespräch mit dem GA. Das Uniklinikum sei bereits zuvor das größte Zentrum für vorgeburtliche Diagnostik und Therapie gewesen. Auch die Geburtshilfe sei darauf spezialisiert, Kinder mit angeborenem Herzfehler „in bestmöglichem Zustand“ auf die Welt zu bringen.

Dass auch Kinderkardiologie und Kinderherzchirurgie künftig mit unter einem Dach sind, ist einer der Vorzüge, die Holzgreve sieht. „Bauten sind nur die Hülle, um darin Medizin zu entwickeln“, sagt der Ärztliche Direktor. „Als ich studiert habe, hat weniger als die Hälfte der Kinder mit schwerem angeborenen Herzfehler überlebt“, so Holzgreve. Heute liege die Sterblichkeit in den besten Kinderherzzentren unter zwei Prozent.

Zu diesen leistungsstarken Zentren zählt Holzgreve auch die Asklepios Kinderklinik in Sankt Augustin. Als Manko betrachtet er allerdings die fehlende Geburtshilfe und die fehlende Erwachsenen-Herzmedizin. „Der Idealzustand ist, dass der Chirurg die Eltern schon während der Schwangerschaft kennenlernt“, sagt er. Die Situation in der Region werde durch die Zusammenarbeit der Kinderherzspezialisten aus Bonn und Sankt Augustin optimiert.

Das sieht die Asklepios-Klinikleitung, wie berichtet, anders. Sie wirft dem Land vor, die Uniklinik einseitig zu stärken, operierte dabei aber mit falschen Zahlen. Die immer wieder genannten 350 Millionen Euro fließen nicht in die Neubauten für die Kinderklinik, sondern in alle Bauprojekte, die über einen Zeitraum von fünf Jahren auf dem Venusberg umgesetzt werden – vom Hubschrauberlandeplatz bis zum Biomedizinischen Forschungszentrum.

Außerdem hatte Asklepios der Uniklinik vorgeworfen, Ärzte und Pflegepersonal abgeworben und dafür auch finanzielle Anreize geboten zu haben. Dem widerspricht Holzgreve: „Die Kollegen werden hier keinen Cent mehr verdienen.“ Die Vergütung erfolge anhand der Diagnose. Es sei ein generelles Problem des Abrechnungsverfahrens nach diagnosebezogenen Fallgruppen, „Medizin zu betreiben, die sich die Menschen wünschen“. Durch gutes Management müsse man defizitäre Bereiche ausgleichen. Dazu sieht sich Asklepios bei Schließung des eigenen Kinderherzzentrums nicht in der Lage. Niedergelassene Kinderärzte schlagen bereits Alarm (siehe Text unten).

Holzgreve kann sich eine Zusammenarbeit mit der Asklepios Kinderklinik durchaus vorstellen: „Wir sind immer offen, aber es müssen wirklich gewollte Konzepte sein.“ Ein funktionierendes Beispiel gibt es aus Bonn bereits: Andreas Heydweiller ist gleichzeitig Chefarzt für Kinderchirurgie in der Uniklinik und Chefarzt der Kinderchirurgie im benachbarten Marienhospital. Das eine Team kümmert sich mehr um Fehlbildungen, das andere hat den Schwerpunkt Unfallchirurgie.

Der Asklepios-Konzern hat mit allen leitenden Ärzten die Projektgruppe „Zukunft der Kinderklinik Sankt Augustin“ ins Leben gerufen. „Innerhalb dieses Projekts stellen wir die gesamte Struktur der Klinik auf den Prüfstand und versuchen, tragfähige Konzepte zur Zukunftssicherung von Sankt Augustin zu finden“, so Pressesprecher Rune Hoffmann. Die Projektgruppe tage mehrmals im Monat. „Parallel sondieren wir den Markt nach geeigneten Nachfolgern für Professor Asfour und Professor Schneider und erhalten auch Bewerbungen, die wir uns sehr genau ansehen.“ Die Anforderungen an die Kandidaten seien jedoch extrem hoch und das Feld möglicher Experten überschaubar.

Bald könnte sich noch eine Lücke auftun: Dem Vernehmen nach hat sich auch Professor Ehrenfried Schindler, Ärztlicher Direktor der Asklepios Klinik, wegbeworben. Durch die Fortschritte der Medizin hat sich in der Abteilung Anästhesie der Uniklinik eine eigene Sektion für Kinderanästhesie entwickelt, deren Leitung derzeit ausgeschrieben ist. Das mehrstufige Auswahlverfahren mit einer zweistelligen Zahl von Bewerbern läuft, ein Ruf ist noch nicht erteilt.