"Talk im Forum Verantwortung"

Überforderung der Menschen durch Leistungsdruck

Sind wir überfordert? Susanne Kundmüller-Bianchini (links) diskutierte mit (v.l.) Thomas Bade, Christiane Florin, Christoph Türcke und Meinhard Miegel in der Hochschul- und Kreisbibliothek Bonn-Rhein-Sieg.

SANKT AUGUSTIN. Zu einer Diskussionsrunde in der Hochschul- und Kreisbibliothek Bonn-Rhein-Sieg trafen sich im Rahmen "Talk im Forum Verantwortung" die Politikwissenschaftlerin und Journalistin Christiane Florin, der Sozialwissenschaftler und Publizist Meinhard Miegel sowie der Philosoph Christoph Türcke. Unter der Leitung von Phoenix-Moderator Thomas Bade ging es um das Thema "Die überforderte Gesellschaft".

Florin schilderte ihren gewonnenen Eindruck als Lehrbeauftragte, Bildung sei nur noch eine schnelle, möglichst effiziente, Vorbereitung auf den Job. Viele Studierende wählten den Weg des geringsten Widerstands, sie vermisse Engagement. "Die Bereitschaft, zu diskutieren und sich zu beteiligen, fehlt", so Florin.

Sie halte die Studenten nicht für überfordert, sondern für unselbstständig. "Die wollen aufgefordert werden, etwas zu tun", so ihre Erfahrung. Als Entschuldigung führte sie aber auch an, dass die jungen Menschen vom Elternhaus und von der Wirtschaft unter Druck gesetzt würden.

In diesem Zusammenhang bemängelte Miegel, dass heute ein Studium, zumindest das Abitur, verlangt werde. Es herrsche die Meinung, "der Mensch muss lange beschult werden", dadurch erreiche er höheres Ansehen und natürlich entsprechende Gehälter. "Die akademische Ausbildung ist verkultet worden", so seine Meinung.

Dadurch wäre es zu explodierenden Zahlen etwa bei Rechtsanwälten und Ärzten gekommen. Diesem angeblichen Druck widersprach Christoph Türcke zum Teil. Denn er habe als Hochschuldozent die Erfahrung gemacht, dass in seinen Vorlesungen "Überzeugungstäter" gesessen hätten.

Gleichzeitig brachte er wenig Verständnis dafür auf, dass viele Professoren sich "anbiedern" würden, wofür er eine "starke Tendenz" sieht. Sie ließen sich auf die Studenten mit diesem "Aufmerksamkeitsdefizit" ein, damit die ihnen folgen könnten.

Er verlangte hingegen mehr "Rituale", "gelebte Wiederholungsabläufe" und daher beruhigend, um Unruhe und Unkonzentriertheit als Folge einer "Dauerbeanspruchung im Alltag" entgegenzuwirken, die mit der mikroelektronischen Revolution in den 1970 Jahren begonnen habe. Das ständige "Zudröhnen" durch Computer, Fernseher oder hochgerüstete Handys führe zu "Zermürbung statt Entspannung", zeigte sich Türcke überzeugt.

Eine Überforderung diagnostizierte Meinhard Miegel in der gesamten Gesellschaft. Die exzessive Entwicklung unserer Lebenswelt, die nur auf Wachstum ausgerichtet sei, überfordere alle, so Miegel. Dies verursache immense Kosten und gehe zu Lasten der Lebensqualität. Dazu trage auch bei, dass aufgrund immer ausgereifterer Technik die zwischenmenschliche Kommunikation verloren gehe.