Flüchtlingsunterkünfte in Niederkassel

Richtfest sechs Wochen nach Baubeginn

Niederkassel. Es ist oft das größte Problem für die Städte und Kommunen bei der Aufnahme der Flüchtlinge: Wie kann man auf die Schnelle ausreichend Wohnraum schaffen? Vor allem jetzt, wo der Winter Einzug hält.  Das Problem ist groß, da vielerorts alle Kapazitäten erschöpft sind und sich feste Unterkünfte nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampfen lassen.

Da Turnhallen bestenfalls Zwischenlösungen sein sollen, sich Zelte nur  aufwendig beheizen lassen, und Wohncontainer  lange Lieferzeiten haben und im Preis gestiegen sind, suchen Stadtväter händeringend nach Alternativen. So sollen in Dortmund zwei Wohnschiffe für 180 Flüchtlinge hergerichtet werden, in Düsseldorf will man teure Hotelzimmer vorhalten.

Dabei hat NRW-Umweltminister Johannes Remmel unlängst einen anderen Vorschlag ins Spiel gebracht: Remmel setzt sich dafür ein,  Unterkünfte und Wohnraum für Flüchtlinge aus Holz zu bauen. "Das Land und auch die Kommunen sind dadurch vor neue Herausforderungen gestellt, die wir meistern wollen. Wir als Land leisten dazu unseren Beitrag, und der Bau von Flüchtlingsunterkünften aus Holz bietet eine schnelle, effiziente und auch für die Weiternutzung flexible Alternative", so Remmel weiter. Im Rhein-Sieg-Kreis stößt der Vorschlag des Ministers durchaus auf offene Ohren. So errichtet die Stadt Niederkassel gleich an drei Stellen Übergangswohnheime für Flüchtlinge aus Holz.

Die Vorteile von Holzbauten liegen für das NRW-Umweltministerium auf der Hand: Diese seien "relativ schnell zu realisieren", heißt es.  Kleinere Objekte können inklusive der Planungs- und Genehmigungsphase innerhalb von zwei bis drei Monaten errichtet werden, größere, bis zu dreistöckige Bauten innerhalb von fünf bis sechs Monaten. "Der große Vorteil von Holzbauten im Vergleich zu Containern oder Zelten sind zum einen die günstigeren Folgekosten, etwa bei der Heizung, und die flexible Weiternutzung", betonte der Minister.

Remmel will seine Initiative als "Beratungsangebot an die Kommunen und private Bauträger" verstanden wissen: "Wir stellen die notwendige Expertise und den Service unseres Landesbetriebs Wald und Holz Nordrhein-Westfalen dafür zur Verfügung."  Man habe innerhalb der Holzwirtschaft für diesen Weg geworben "und uns wurde versichert, dass die notwendigen Kapazitäten von Seiten der Holzbranche vorhanden sind", führte der Minister aus: "Die Kommunen und andere Bauträger können also loslegen."

Unterstützung bekommt Remmel dabei von NRW- Bauminister Michael Groschek: "Alles, was schnell gebaut werden kann und dabei die notwendigen Standards erfüllt, hilft uns weiter. Holzbaumodule sind ein Beitrag zur Lösung der Unterbringungsprobleme."  Die Errichtung von bis zu dreigeschossigen Holzbauten seien nach der Landesbauordnung ohnehin erlaubt. Bis zu fünfgeschossige Holzbauten können im Wege einer Abweichungsgenehmigung errichtet werden.

Auf Holz beim Bau von Flüchtlingsunterkünften setzt im Rhein-Sieg-Kreis etwa die Stadt Niederkassel, und das schon vor der Minister-Offensive, betont Bürgermeister Stephan Vehreschild. Vor Ort braucht man dringend Unterbringungsmöglichkeiten für derzeit rund 500 Flüchtlinge.

Um wenigstens zeitweise die Situation zu entspannen, baut eine Fachfirma aus der Eifel zwei, jeweils zweigeschossige Unterkünfte für je 46 Personen in Holzmodulbauweise, und zwar an der Markusstraße und der Waldstraße. Kostenpunkt laut Vehreschild: Rund 770 000 Euro je Bau. Weitere 480 000 Euro investiert die Stadt in eine eingeschossige Unterkunft für 32 Personen. Mit dem Bau an der Pastor-Grimm-Straße hat die Mondorfer Fachfirma von Benjamin Stocksiefen schon begonnen.

Warum man sich für die Holzbauweise entschieden hat, erklärt Vehreschild am Beispiel der Unterkunft auf einem städtischen Parkplatz an der Pastor-Grimm-Straße: "Der Bau an der Stelle wird nur eine vorübergehende Lösung sein." Dank der Holzbauweise sei man aber so flexibel, dass die Unterkunft an anderer Stelle wieder aufgebaut werden könne.   Auch ließen sich laut Vehreschild etwa Trennwände entfernen, so dass man die Unterkunft später beispielsweise als Kita oder für Studentenwohnungen nutzen könne. Der Bürgermeister verweist auf weitere schlagende Argumente: "Holzbauten sind vergleichsweise schnell zu bauen, optisch ansprechend und zu einem günstigen Preis-Leistungsverhältnis zu bekommen."

Dass schnell gebaut werden kann, bestätigt Zimmermeister Benjamin Stocksiefen, dessen Zimmerei sich auf Holzbauten spezialisiert hat: "Die  Bauzeit der Unterkünfte ist von der Anzahl der Wohneinheiten beziehungsweise der Größenordnung abhängig. Aber in der Regel steht der Holzrohbau nach rund sechs Wochen." Mit den anschließenden Ausbaugewerken sei dann mit einer Bauzeit von zehn bis zwölf Wochen zu rechnen. Will heißen: Die Unterkünfte an der Pastor-Grimm-Straße sollen bis Weihnachten bezugsfertig sein.

Dabei legt Stocksiefen Wert auf die Feststellung, "dass es sich um keine Baracken handelt, die in ein paar Jahren auf dem Müll landen".  Vielmehr seien die Unterkünfte so konstruiert, dass die einzelnen Boden-, Wand- und Deckenelemente später wieder demontiert und von der Stadt wiederverwendet werden könnten. Auch wird laut Stocksiefen die Optik und das angenehme Raumklima dazu beitragen, "dass sich die Flüchtlinge wie zu Hause fühlen".  Sicherheitsprobleme sieht der Fachmann nicht: "Mit unseren Wand-, Dach- und Bodenelementen erfüllen wir den Brandschutz in F30 nach DIN 4102-4." 

Taugen Holzhäuser angesichts ihrer Flexibilität auch als Flüchtlingsunterkünfte in Großstädten wie Bonn, wo man die Bauten später möglicherweise als Sozialwohnungen nutzen könnte? Michael Kleine-Hartlage,  Vorstand der Vereinigten Bonner Wohnungsbau AG, sagt dazu: "Unter ökologischen und auch raumklimatischen Gesichtspunkten mag die Holzbauweise - gerade im Einfamilienhausbau - innovativ und auch sinnvoll sein.

Wir bevorzugen die konventionelle, massive Bauweise." Insbesondere im Geschosswohnungsbau sei  die Holzbauweise hinsichtlich des Nachweises des Brandschutzes eher aufwändiger. Darüber hinaus ist die Holzbauweise auf Dauer "pflegeintensiver", so der Vebowag-Vorstand:  "Kostenvorteile vermögen wir insofern nicht zu erkennen." Grundsätzlich wolle man auch keine Unterschiede in der Bauweise von Wohnungen für Flüchtlinge und für andere Wohnungssuchende im geförderten Wohnungsbau.

Für Niederkassels Bürgermeister Stephan Vehreschild bleiben Holzbauten trotzdem ein  probates Mittel, um schnell weitere Flüchtlingsunterkünfte zu schaffen. Denn davon geht Vehreschild aus: Ungeachtet der drei Baustellen, die Unterbringungsmöglichkeiten für  rund 120 Personen schaffen, "wird das bei Weitem nicht reichen". Mit seinen Mitarbeitern sucht er darum jeden Tag händeringend  nach neuen Bauarealen. Denn auch die sind in Niederkassel inzwischen Mangelware.