Jüdische Gemeinde

„Nacht des Erinnerns“ in Niederkassel

Niederkassel. Am 9. November 1938 brannten die Synagogen in Deutschland. In Niederkassel haben Bürger und Kirchen eine „Nacht des Erinnerns“ organisiert. Auch in anderen Städten gedenken die Menschen der Opfer.

Sie lebten vorwiegend als Viehhändler oder Metzger, aber auch als Hutmacher, Schiffer oder Arbeiter in der damaligen Feldmühle, der heutigen Evonik, beziehungsweise bei Dynamit Nobel in Troisdorf. Damit zählten die Angehörigen der jüdischen Gemeinde rund um die Mondorfer Synagoge zur Mittelschicht und waren Teil der Dorfgemeinschaften in Mondorf, Rheidt, Sieglar und Bergheim. Mit der Reichspogromnacht am 9. November 1938 und dem Brand der Synagoge an der Provinzialstraße vor 80 Jahren wurde diese Gemeinde ebenso wie viele andere in Deutschland ausgelöscht.

Mehrere Menschen jüdischen Glaubens wurden noch in der Nacht verhaftet, weitere in den nachfolgenden Tagen. Überlebt hat nach aktueller Kenntnis des Arbeitskreises, der die „Nacht des Erinnerns“ vorbereitet, nur ein Mondorfer Jude: Markus Max Wolff, der von 1941 bis 1945 im Konzentrationslager in Riga war.

Was die Recherchen nach Lebensgeschichten dieser ausgelöschten Generation umso schwieriger macht, sind die tiefen und schweren Verletzungen, die nachwirken. „Auch die nächste Generation möchte nicht mehr darüber sprechen, was ihren Vorfahren angetan wurde“, beschreibt es Barbara Lülsdorf, die im Organisationsteam für die bevorstehende „Nacht des Erinnerns“ am Freitag, 9. November, mitarbeitet. Die Gruppe setzt sich aus interessierten Bürgern, Mitgliedern der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden sowie städtischen Mitarbeitern zusammen. Man traf sich im April und beschloss, die „Nacht des Erinnerns“ zu organisieren. Beginn ist um 21 Uhr, wenn sich zunächst alle interessierten Bürger in der Laurentius-Kirche treffen. Musikalisch wird der Abend gestaltet vom Jugendchor der Pfarreiengemeinschaft Siegmündung, „Crescendo“, unter der Leitung von Elisabeth Bensmann, sowie dem Chor der Evangelischen Kirchengemeinde Niederkassel, „VoCappella“, unter der Leitung von Claudia Immer, und dem Düsseldorfer Lewandowski-Ensemble für jüdische Synagogen. Dazu gibt es Konzertgesänge unter der Leitung von Axel Weggen.

Um Mitternacht stand die Synagoge in Flammen

Mit der Gedenkveranstaltung soll den Verstorbenen ein Gesicht gegeben werden. Friedemann Immer hat einen Powerpoint-Vortrag erstellt, der den Besuchern auf einer großen Leinwand gezeigt wird. Es sind die jüdischen Familien Frenkel, Wolff, Hirsch, Meier oder Levy zu sehen, die durch die Gräueltaten der Nazis ausgelöscht wurden, und es wird eine Nacht in Mondorf, die die Schicksale der Deportation und des Sterbens in Konzentrationslagern wieder in Erinnerung ruft. Gezeigt werden auch die Todesanzeigen, die das Unvorstellbare wieder lebendig machen.

Es war nach Mitternacht, als die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Flammen aufging. „Das alles war geplant, denn es gibt Berichte, dass man es wusste und deshalb zum Beispiel die Feuerwehr die Nachbarhäuser mit Wasser bespritzte, damit diese nicht auch brannten“, berichtet Immer.

Wie die Menschen lebten, was sie beruflich machten und wie das Gemeindeleben aussah, das wird Barbara Lülsdorf in ihren Texten beschreiben. Sie recherchierte, dass die jüdischen Bürger nicht isoliert lebten. „Jüdische Familien beteiligten sich am Dorfgeschehen, an Dorffesten und am Vereinsleben.“ Als Beispiel nennt Lülsdorf das „Glockenfest“, an dem die jüdische Familie Cahn Kuchen verkaufte und den Erlös für den Bau der neuen Glocke in der Pfarrkirche Sankt Laurentius spendete.

Alles was sich noch rund um die Mondorfer Synagoge zusammentragen lässt, wird Gabriele Karbe in der „Nacht des Erinnerns“ vortragen. So war die erste Synagoge der Gemeinde ein kleiner Holzbau, dessen Standort nicht bekannt ist. Sie entstand etwa um das Jahr 1800. Der begüterte Handelsmann Boonem Levi aus Bergheim und dessen Frau Regina Hirschbach sowie die elf Kinder der Familie hatten dafür ein Gartengrundstück zur Verfügung gestellt. Ein Dokument aus dem Jahr 1812 belegt, dass dort 14 männliche Juden ihre Betstühle aufgestellt hatten. Vorsänger war Nathan Kurländer, ein Schächter aus Mondorf. Das Grundstück für den Neubau der Synagoge an der Provinzialstraße hatte Isaac Cahn für die Gemeinde erworben. Gebaut wurde die Synagoge im Jahr 1860. Der Gemeinde gehörten bis zur Pogromnacht rund 80 Menschen aus Mondorf, Rheidt, Sieglar und Bergheim an, so Karbe.

In der „Nacht des Erinnerns“ am Freitag begibt sich kurz vor Mitternacht eine Prozession in den Innenhof der einstigen Synagoge. Auch dort werden die Bilder eines Teils der Gemeindemitglieder zu sehen sein und an deren Schicksale erinnern.