Fall im Rhein-Sieg-Kreis

Patientin auf dem Land hat keine Chance auf Hausbesuche

Kann ihr Pferd vorerst nicht reiten: Regina Reschke bekommt nach einer Sprunggelenksfraktur keine Krankengymnastik per Hausbesuch.

Kann ihr Pferd vorerst nicht reiten: Regina Reschke bekommt nach einer Sprunggelenksfraktur keine Krankengymnastik per Hausbesuch.

Rhein-Sieg-Kreis. Regina Reschke lebt auf dem Land bei Ruppichteroth und braucht Physiotherapie. Doch kein Physiotherapeut kommt zur Behandlung zum Hausbesuch. Die Anfahrt lohnt sich nicht für Praxen.

Wie genau sie den Rückweg zu ihrem Wohnhaus geschafft hat, ist Regina Reschke auch heute, wenige Wochen nach dem Unfall, noch ein Rätsel. „Irgendwie habe ich es geschafft, durch den Schnee nach Hause zu humpeln“, so die 53-Jährige. Auf einem abendlichen Spaziergang mit ihren beiden Hunden trat sie auf eine vereiste Fläche, die sich unter dem frisch gefallenen Schnee versteckte. Sie verlor das Gleichgewicht und knickte mit dem Fuß um. „Ich dachte zuerst: Das ist bestimmt ein Bänderriss“, erinnert sich Reschke. Erst am nächsten Morgen suchte sie einen Arzt auf. Diagnose: Bruch des Sprunggelenks. Für die medizinisch-radiologische Assistentin und leidenschaftliche Reiterin, die aus Ruppichteroth zu ihrer Arbeitsstelle nach Bonn pendelt, war es eine niederschmetternde Nachricht. Eine frühzeitige Krankengymnastik, die ihr Arzt ihr verordnete, sollte die Leidenszeit kurz halten.

„Ich habe 15 verschiedene Physiotherapiepraxen in der Umgebung abtelefoniert. Keine war bereit, bei mir Hausbesuche durchzuführen“, sagt sie. Die nächsten Praxen befinden sich in Hennef oder Neunkirchen-Seelscheid und sind circa zwölf Kilometer entfernt. Ohne Krankengymnastik befürchtet sie Folgeprobleme wie Bewegungseinschränkungen. Mit Übungen, die sie bereits während ihres Krankenhausaufenthaltes gelernt hatte, hofft sie, dem entgegenwirken zu können, so gut es eben geht. „Ich verstehe nicht, warum es überhaupt das Angebot von Hausbesuchen auf Rezept gibt, wenn Praxen das letztlich nicht umsetzen können.“

Hausbesuche rechnen sich nicht

Für viele Physiotherapeuten rechneten sich Hausbesuche einfach nicht mehr, sagt Alexander Kerkhoff. Er ist Physiotherapeut und Inhaber der Praxis „Physiotherapie am Kurfürst“ in Neunkirchen-Seelscheid. „Die Probleme haben sich in den vergangenen Jahren noch einmal verschärft“, so der 38-Jährige. Zwar entfallen noch immer rund ein Drittel seiner Behandlungen auf Hausbesuche, doch musste er den Radius einschränken – auf eine Entfernung von maximal zehn Kilometern. „Wir versuchen, Hausbesuche, so gut es geht, weiter zu ermöglichen, aber gerade in so einer Flächenregion wie bei uns ist es organisatorisch sehr schwierig.“

Für die Anfahrt erhalte Kerkhoff von den Krankenkassen eine pauschale Vergütung, die etwa der Hälfte der Behandlungspauschale entspricht. Die Alternative, Zeit für den Patienten einzusparen, kommt für Kerkhoff nicht Frage.

Einsatzpauschale von 13,92 Euro

13,92 Euro beträgt die Einsatzpauschale für Physiotherapeuten, die zwischen dem Deutschen Verband der Ergotherapeuten und den Ersatzkassen für Hausbesuche vereinbart wurde und zusätzlich zu den physiotherapeutischen Leistungen nach ärztlicher Verordnung vergütet wird. Das teilte die Techniker Krankenkasse (TK) auf GA-Anfrage mit. „Nach unseren Informationen führen Physiotherapeuten in Ruppichteroth grundsätzlich Hausbesuche durch“, sagte Harald Netz, Sprecher der TK. Alexander Kerkhoff hingegen sieht in seinem Beruf bereits Parallelen zum Pflegebereich. „Es gibt auch in der Physiotherapie zu wenige Fachkräfte. Die Nachfrage ist riesig, gleichzeitig ist die Vergütung gering. Wir sind bereits am Limit.“

Für den Berufs- und Wirtschaftsverband der Selbstständigen in der Physiotherapie (VDB), ist ein Fall wie der Regina Reschkes beispielhaft für eine bereits seit Jahren zu beobachtende Fehlentwicklung. „Eine flächendeckende Versorgung der Patienten ist in Gefahr“, sagt Wilfried Hofmann, Landesvorsitzender des VDB. Damit Praxen den flächendeckenden Bedarf an Hausbesuchen gewährleisten können, müsse der Fachkräftemangel in der Physiotherapie behoben werden. „Derzeit nehmen die Schülerzahlen ab, zahlreiche Kollegen steigen aus dem Beruf aus“, so Hofmann.

Fachkräfte-Engpass

Die aktuelle Fachkräfte-Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit habe einen Zeitraum von durchschnittlich fünf Monaten ermittelt, den ein Praxisinhaber benötigt, um einen weiteren Mitarbeiter für eine Praxis zu finden. Insgesamt sei die Zahl der von Physiotherapeuten durchgeführten Hausbesuche bislang zwar nicht gesunken, doch der Bedarf an Versorgung im häuslichen Umfeld steige weiter, auch infolge des demografischen Wandels. Lösungsansätze wären nach Ansicht des Verbandes die Abschaffung des Schulgeldes für angehende Physiotherapeuten und eine angemessene Vergütungssituation.

Ihre Pferde müssen vorerst weiter auf Reschke warten. Nachbarn versorgen ihre Tiere im Moment. „Man bekommt dank der guten Gemeinschaft alles irgendwie geregelt, mit Ausnahme der regelmäßigen Besuche bei der Krankengymnastik“, so Reschke.