Erster Prozesstag

Ehemann nach heimtückischer Messerattacke vor Gericht

Der Anklagte mit seinem Verteidiger Rüdiger Krechel am Donnerstag im Saal des Bonner Schwurgerichts.

Der Anklagte mit seinem Verteidiger Rüdiger Krechel am Donnerstag im Saal des Bonner Schwurgerichts.

Bonn/Neunkirchen-Seelscheid. Ein 54-jähriger muss sich seit Donnerstag vor dem Bonner Schwurgericht wegen versuchten heimtückischen Mordes verantworten. Ihm wird vorgeworfen, seine Ehefrau im Sommer dieses Jahres in Neunkirchen-Seelscheid mit Messerstichen übel zugerichtet zu haben.

Selbstbewusst, ja aufrecht ging Mira K. (Name geändert) am Donnerstag in den Zeugenstand des Bonner Schwurgerichts. Ihren Ehemann würdigte sie keines Blickes. Dann schilderte die 31-Jährige das Grauen, das sie am 13. Juni 2018 erwartete, als sie die Ehewohnung aufschloss, um noch einige Papiere herauszuholen. Mira K., Leiterin eines Sicherheitsdienstes, hatte gehofft, dass ihr Ehemann wie so oft an einem Mittwoch nicht Zuhause sein würde, aber der 54-jährige Frührentner war da. Mit einem Tobsuchtsanfall, mit Geschrei und Vorwürfen hatte sie gerechnet, aber nicht damit, „dass er mit einem Messer auf mich losgeht“. Keine drei Tage zuvor hatte sie ihm eine Whatsapp geschrieben, dass sie ihn „definitiv verlassen würde“. Nach qualvollen Ehemonaten mit Alkoholexzessen, Eifersuchtsszenen und Todesdrohungen hatte sie sich einem Arbeitskollegen anvertraut. Sie waren sich „näher gekommen“.

„Als ich die Tür aufschloss, war es wie in einem schlechten Horrorfilm“, erinnerte Mira K. sich am Donnerstag: „Die Wohnung war völlig verwüstet. Ich stand noch unter Schock, da gab es einen lauten Schrei und schon hatte ich ein Messer im Bauch. Die Klinge kam immer wieder auf mich zu, ein Ende war nicht in Sicht“, erzählte die 31-Jährige von den dramatischen Sekunden, bei denen es um ihr Leben ging: „Der ist irre, der sticht dich gleich noch ab“, schoss es ihr in den Kopf, und „du musst hier sofort raus, sonst bist du tot.“

Aber ihr wütender Ehemann verhinderte die Flucht, er hielt die Tür zu, stach weiter, berichtete sie von den „sprunghaften Bildern“. Dann die Rettung in letzter Sekunde: Der neue Freund, der draußen im Auto auf sie wartete, hörte die Schreie, trat die Tür ein. Der 55-Jährige nahm den Messerangreifer in den Würgegriff und zog ihn von seiner Frau weg. Mira K. war grauenvoll zugerichtet: Zahlreiche blutende Stichwunden (Klingenlänge: zwölf Zentimeter), aber auch innere Organe waren verletzt, die Leber durchstochen, der Magen eingerissen. Sie wurde sofort operiert: „Wenn Sie die Nacht überstehen, dann haben Sie es geschafft“, hatten ihr die Ärzte gesagt, „mehr können wir nicht für Sie tun.“ Die 31-Jährige schaffte es. Und mit zittriger Stimme, die erstmals ein Gefühl verriet, erinnerte sie sich: „Als ich aufwachte, war ich so froh, das Gepiepe um mich zu hören.“

Der Angeklagte, der sich wegen versuchten heimtückischen Mordes verantworten muss, hörte genau zu. Gebeugt, gebrochen: „Ich habe noch nie im Leben etwas getan“, hatte der 54-Jährige am ersten Prozesstag gesagt, „ich bin von mir selbst enttäuscht. So ein Mensch bin ich nicht.“ An die Tat könne er sich nur schwach erinnern: Er habe zu viel Alkohol („Er war immer ein Lebensgefährte von mir“) getrunken, eigentlich habe er sich damals das Leben nehmen wollen. Und an Mira K. gerichtet, hatte er sich entschuldigt: „Ich hoffe, sie kann mir irgendwann verzeihen. Es tut mir im Herzen leid.“

Mira K. hatte darauf nicht reagiert. Vor zwei Tagen wurde ihre Ehe geschieden. Die Beziehung war von Anfang an glücklos gewesen.