Serie "Was steckt eigentlich hinter?"

Das sind die Lehren des Schneemordes von Much

Als Mahnmal steht dieser Gedenkstein unmittelbar an der Landstraße 352, an der die Leiche des jungen Mannes gefunden wurde. An der Straße hatte der 18-Jährige vergeblich versucht, Hilfe zu bekommen.

Als Mahnmal steht dieser Gedenkstein unmittelbar an der Landstraße 352, an der die Leiche des jungen Mannes gefunden wurde. An der Straße hatte der 18-Jährige vergeblich versucht, Hilfe zu bekommen.

Much. „Zum Gedenken an Ulrich Nacken, + 2.1.1971, und alle anderen Opfer unterlassener Hilfeleistung,“ steht auf dem Mahnmal, das 2010 zum Andenken an den grausamen "Schneemord von Much“ an der L352 aufgestellt wurde.

„Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will.“ So lautet Paragraf 323c des Strafgesetzbuches.

Welche Folgen unterlassene Hilfeleistung haben kann, daran erinnert ein Gedenkstein am Rande der Landstraße 352 in Much.

„Zum Gedenken an Ulrich Nacken, + 2.1.1971, und alle anderen Opfer unterlassener Hilfeleistung“. Dies steht auf dem Mahnmal, das erst viele Jahre nach dem Ereignis, im Jahr 2010, zum Andenken an einen grausigen Mord an dieser Stelle gesetzt wurde. Eine Wiehlerin, die selbst Opfer unterlassener Hilfeleistung geworden war, hatte dies angeregt.

Denn es war mehr als nur eine unglückliche Verkettung von Umständen, die einen Tag nach Silvester zum Tod des jungen Ulrich Nacken führte. Drei jugoslawische Gastarbeiter hatten den 18-Jährigen nach einer ausgedehnten Feier in Köln überfallen, um mit dessen Fahrzeug nach Hause zu fahren. Zwischen Much und Neunkirchen-Seelscheid wollten sich, nachdem einer bereits vorher ausgestiegen war, die beiden übrigen Männer des Opfers entledigen.

Darum entkleideten sie den jungen Mann bis auf die Unterhose und die Socken und banden ihn bei Frost und hohem Schnee an einen Baum. „Das war eine Zeit, in der wir mit viel Nebel zu kämpfen hatten“, erinnert sich Hermann-JosefFielenbach, der in einem Dorf unweit des Tatortes wohnt. Man habe die Kleidung des Opfers später in einem kleinen Wäldchen gefunden, berichtet Fielenbach.

Ulrich Nacken konnte sich jedoch befreien und – an Händen und Füßen gefesselt – bis zur Straße gelangen. „Er muss wohl gehüpft sein“, mutmaßt der ehemalige Landwirt.

An der Straße versuchte der 18-Jährige, Hilfe zu bekommen. Mutmaßlich sind wohl mehrere Autofahrer an dem jungen Mann vorbeigefahren, ohne anzuhalten. Als der Hilflose schließlich gegen fünf Uhr morgens entdeckt wurde, war es zu spät. Er war erfroren – und das nur unweit von einem Haus entfernt, das er im Dunkeln wohl nicht erkennen konnte.

Wie das dort lebende Ehepaar berichtet, klingelte am frühen Morgen ein herbeigerufener Mucher Arzt die Familie aus dem Bett. Der Ehemann ging gemeinsam mit dem Arzt zu der Stelle, wo das Opfer aufgefunden worden war. „Seine Füße waren mit Isolierdraht umwickelt“, erinnert sich der Zeuge an das traurige Bild. Die grausame Tat machte Schlagzeilen selbst im Ausland und ging als „Schneemord von Much“ in die Geschichte ein. Die Gastarbeiter wurden gefasst und zwei von ihnen zu lebenslanger Haft verurteilt, der dritte erhielt eine mehrjährige Freiheitsstrafe. Und auch ein aus Siegburg stammender Autofahrer, der mit seinen zwei Begleiterinnen am Opfer vorbeigefahren war, wurde ermittelt. Wegen unterlassener Hilfeleistung wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt.