Down-Syndrom

Mit offenen Armen hat eine Grundschule Sike aufgenommen

Mutter und Töchter: Lucia Schneider mit ihren Töchtern Taina (rechts) und Sike. Die Neunjährige mit Down-Syndrom besucht eine Regelgrundschule.

HENNEF. An den für die Schullaufbahn ihrer Tochter Sike entscheidenden Moment denkt Lucia Schneider immer wieder gern zurück. Auf die Frage, ob es möglich sei, dass das Mädchen mit Down-Syndrom die Grundschule Wolperath-Schönau besuchen könne, habe deren Rektorin einfach nur gesagt: "Ja sicher. Ich freue mich auf Ihre Tochter."

Die Vorsitzende des Hennefer Vereins "Schule für alle" strahlt. "Das ist doch ein ganz anderes Willkommen, als wenn man gesagt bekommt: Na ja. Wir probieren es mal." Schneider brutzelt das Essen für die Familie, in der die Neunjährige selbstverständlich ihren Platz einnimmt. Das wünscht sich Lucia Schneider auch für das Schulleben ihrer Tochter.

Sie wisse natürlich, dass der inklusive Unterricht nicht immer ganz einfach sei, fügt die Mutter hinzu. "Aber ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass die Schulgemeinschaft tatsächlich gemeint hat: Das ist toll, dass die Sike kommt."

Im Laufe der Zeit habe sie bestätigt bekommen, dass das kein Lippenbekenntnis war. Wenn eine Schule jedes Kind als Individuum und nicht als Belastung ansehe, dann lebe sie Inklusion wirklich, fügt Lucia Schneider hinzu. "Probleme werden als Herausforderung angesehen. Das finde ich toll." Die Folge: Sike wolle jeden Morgen gern zur Schule gehen. Sie fühle sich dort sehr wohl. Der Neunjährigen steht dabei eine Schulbegleitung zur Seite, die auch fachlich unterstützt, weil Sike als schwerstmehrfachbehindert eingestuft ist.

Ja, am Anfang habe natürlich auch die Familie Zeit gebraucht, um sich auf die Tochter mit Down-Syndrom einzustellen, "um sich zurechtzuschütteln", wie Lucia Schneider es lächelnd ausdrückt. "Aber es war klar: So wie sie ist, ist das unsere kleine Tochter." Die erste Weichenstellung in Sikes Leben habe dann mit dem Eintritt ins Kindergartenalter angestanden, erinnert sich die Mutter.

Am Anfang habe sie eine integrative Einrichtung für behinderte und nicht behinderte Kinder gesucht. Da dafür aber in Hennef nur zehn Plätze zur Verfügung gestanden hätten, die schon auf Jahre ausgebucht gewesen seien, habe ihr das Jugendamt vorgeschlagen, es doch mit Einzelintegration zu versuchen: Sike sollte also in eine ganz normale Einrichtung gehen. "Das war für mich ein neuer Gedanke. Aber als die Kindergartenleiterin damals auch sagte, sie nehme Sike gern auf, da haben wir es einfach probiert."

Was sich als "totaler Glücksgriff" herausgestellt habe, sagt Lucia Schneider, während sie den Tisch für die Familie vorbereitet. Sike habe in der Einrichtung mit zwei weiteren Förderkindern, über den Landschaftsverband finanziert, eine wunderbare Kindergartenzeit verbracht. 2007 baute die Mutter mit anderen Eltern einen Förderverein auf, der für logopädische, ergo- und musiktherapeutische Unterstützung sorgte.

"Wir Eltern haben da also ein Netzwerk gebastelt, um den Kindergarten in seinen Bemühungen zu unterstützen, unsere Kinder zu fördern." Alles, was hier strukturell erreicht worden sei, sei natürlich allen Kindern zugute gekommen, betont Schneider. Das Folgeprojekt war dann 2008 die Gründung des Hennefer Vereins "Schule für alle", für den sich bald Mitstreiter fanden. "Wir mussten ja weiterdenken. Die Zeit im Kindergarten war schnell vorbei."

Denn Sike und die anderen Förderkinder sollten in Regelschulen wechseln können. Sike sollte keinen Schonraum bekommen und in Watte gepackt werden, sagt die Mutter. Sie habe im Kindergarten gesehen, wie gut die Tochter in der Gruppe von Gleichaltrigen lerne und profitiere.

"Das, was ich ihr als Mutter anbiete, das interessiert Sike nicht wirklich", sagt Lucia Schneider und lacht. "Das ist doch total gesund: Die Anregungen holt sie sich von anderen Kindern." Aber das Zusammensein mit Sike sei für die Entwicklung der nicht behinderten Kinder genauso wichtig, betont Schneider. "Davon kann ganz viel positiver Einfluss auf unsere Gesellschaft ausgehen. Weil niemand mehr in Frage gestellt, verurteilt oder komisch angeguckt wird."

Wie reagierten denn Regelschulkinder auf Mitschüler wie Sike? Ganz natürlich und wissbegierig, antwortet Schneider. Sie erwarteten eine sachliche Antwort, warum der andere anders sei, und dann sei es gut. "Natürlich wurde Sike schon angesprochen, dass es doof ist, wenn sie mit dem Schuh schmeißt. Und das ist auch doof. Aber wenn das in der Klasse zum Thema gemacht wird, kann man überlegen, welche Maßnahmen greifen könnten."

Kinder lernten so schon frühzeitig, in Alternativen zu denken. Und letztlich zu akzeptieren, dass es auch Verhaltensweisen gebe, die sie dann doch nicht beeinflussen könnten, meint Lucia Schneider.

Wer schon in der Schule lerne, Fragen nicht auszuweichen und Lösungen zu suchen, entwickle keine Ängste aus Unwissen oder Unsicherheit heraus. Nein, er suche Wege, damit das Zusammenleben trotzdem funktioniere. "Wenn ich es gewöhnt bin, mit Menschen umzugehen, die anders ticken, dann stärkt mich das doch im Umgang mit den Leuten, denen ich auch später mal begegne."

Verein Schule für alle

Lucia Schneider ist Vorsitzende des Hennefer Vereins "Schule für alle". Gemeinsamer Unterricht solle zur Selbstverständlichkeit werden und jedes Kind das Recht darauf haben, gemeinsam mit anderen Kindern lernen zu dürfen, unabhängig von seinen Fähigkeiten und seiner sozialen Herkunft. Der Verein will den Weg zur inklusiven Schulbildung aktiv mitgestalten. Kontakt unter www.schulefueralle.de.