Hennefer Unterkünfte

Flüchtlingsnot statt Betriebsprüfung

Die Finanzbeamtinnen Gabi Brinkmann und Waltraud Boss vor der Notunterkunft in Hennef.

Die Finanzbeamtinnen Gabi Brinkmann und Waltraud Boss vor der Notunterkunft in Hennef.

HENNEF. Zwei Finanzbeamtinnen ließen sich freiwillig als Helferinnen in die Hennefer Flüchtlingsnotunterkünfte abordnen

Während ihres langen Berufslebens haben sich die beiden Finanzbeamtinnen Waltraud Boss und Gabi Brinkmann mit Einkommensteuererklärungen und Betriebsprüfungen auseinandersetzen müssen. Doch all das ist für die beiden zurzeit weit weg. Sie haben vorübergehend ihr Tätigkeitsfeld gewechselt: Sie sind hauptamtliche Flüchtlingshelfer.

Waltraud Boss ist bereits seit 1974 beim Sankt Augustiner Finanzamt beschäftigt und auch Kollegin Gabi Brinkmann schaut dort auf mehr als 20 Dienstjahre zurück. Mit einem Schreiben des nordrhein-westfälischen Finanzministers Norbert Walter-Borjans, das sämtliche Finanzämter des Bundeslandes im September erhielten, änderte sich für die beiden sympathischen Frauen einiges. Walter-Borjans bat in seinem Brief nämlich um die Unterstützung der NRW-Finanzamtsmitarbeiter bei der Unterbringung, Betreuung und Zuweisung von Flüchtlingen.

„Wenn Sie die Herausforderung annehmen wollen, melden Sie sich bitte auf dem Dienstweg über Ihre Dienststellenleitung anhand des beigefügten Vordrucks an“, schrieb der Minister. 500 Beschäftigte der NRW-Finanzverwaltung machten mit - für maximal sechs Monate. 240 der Finanzbeamten, darunter auch Gabi Brinkmann und Waltraud Boss, arbeiten derzeit in NRW-Flüchtlingsnotunterkünften.

„Als ich das Schreiben des Finanzministers sah, wusste ich, dass ich helfen möchte und meldete mich sofort“, sagte Waltraud Boss, die sich auch ehrenamtlich für die Gemeinschaft engagiert. So ist sie Mitglied im Troisdorfer Heimat- und Geschichtsverein und auch für die Bergheimer Fischereibruderschaft aktiv. In einer Flüchtlingsnotunterkunft zu arbeiten und tagtäglich mit menschlichem Leid konfrontiert zu werden, war für die Sankt Augustiner Steueramtsrätin aber ebenso neu, wie für ihre in Hennef-Dahlhausen lebende Kollegin Gabi Brinkmann, die ebenfalls ehrenamtlich in verschiedenen Bereichen aktiv ist.

Diese Tätigkeit, der die beiden Frauen seit November 30 bis 40 Stunden pro Woche nachgehen, sei mit nichts vergleichbar. „Es gibt jeden Tag neue Aufgaben für uns“, sagte Brinkmann. „Wir machen alles, was anliegt“. Dazu gehöre auch das Bettenaufbauen, die Ausgabe von Hygieneartikeln, aber auch die Begleitung bei Arztbesuchen. „Das Teamwork in der Notunterkunft ist hervorragend“, sagte Brinkmann. Bevor sie ihren Dienst in Notunterkünften antreten konnten, wurden sie zunächst von der Bezirksregierung geschult. Ihr Arbeitstag beginnt um 8 Uhr. „Jeden Morgen senden wir um 8.30 Uhr der Bezirksregierung die aktuellen Daten bezüglich Registrierungen und Impfungen“, sagte Boss.

Während Waltraud Boss in der Hennefer Notunterkunft „Am Kuckuck“ tätig ist, in der momentan 65 Flüchtlinge leben, verrichtet Gabi Brinkmann ihren Dienst nebenan in „Hennef II“, der Notunterkunft des Rhein-Sieg-Kreises, die seit ein paar Monaten ebenfalls von Jochen Breuer, stellvertretender Leiter des Hennefer Ordnungsamtes, geleitet wird.

Ein Mal pro Woche trifft sich Breuer mit dem gesamten Team zum Gespräch. In der Regel arbeiten Brinkmann und Boss nur werktags in den Unterkünften. Dienste am Wochenende seien die Ausnahme. Dass diese Tätigkeit eine Arbeit von Mensch zu Mensch ist, bei der Barrieren fallen, haben beide Damen sehr intensiv erfahren. „Ich habe noch heute Morgen einer Frau Trost gespendet, deren Kind während der Flucht gestorben ist und deren Mann im Krankenhaus liegt“, sagte Brinkmann. „Ich habe vor Kurzem die Nachricht erhalten, dass ein Kollege von mir plötzlich gestorben ist und musste weinen. Einer der Menschen, die derzeit in der Unterkunft leben, bekam das mit und wollte sofort mit mir sprechen.“

Diese menschliche Seite möchten beide Damen nicht missen, auch wenn sie sich auf ihre Kollegen im Finanzamt freuen, die sie im April wiedersehen werden. „Wir werden viel Positives aus dieser Zeit mitnehmen“, sagten die beiden Frauen.