Spaziergang durch das Golddorf

Die Lückerter blicken mit Tradition in die Zukunft

Hennef. Der Hennefer Ort Lückert wirkt fast wie ein Museum. Nach Gold beim Kreiswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ folgte Gold beim Landeswettbewerb. Eine dritte Kommission hat sich für das kommende Jahr schon angesagt, mit den des Bundeswettbewerbs.

Acht Grad Celsius und Regen. Lückert ist nach Ansicht gleich zweier Bewertungskommissionen ein „Dorf mit Zukunft“. Zumindest der nasskalte Herbst ist beim Besuch des General-Anzeigers schon da. „Im Winter haben wir noch richtig Schnee“, sagt Andreas Hagen, einer von zwei gewählten „Bürgermeistern“ im Dorf. Gerade kam Hagen erst einmal von der Apfelpresse wieder. Sämtliche Bewohner hatten das Obst aus ihren Gärten gesammelt. Im Nachbardorf ließ Hagen den Ertrag pressen. Das Ergebnis, literweise frischer Apfelsaft, findet sich jetzt in mehreren Fünf-Liter-Kanistern auf Hagens Terrasse wieder. Lückert, im Südosten Hennefs gelegen, ist Heimat von 107 Einwohnern und zudem das Golddorf der Stadt. Nach Gold beim Kreiswettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ folgte Gold beim Landeswettbewerb. Eine dritte Kommission hat sich für das kommende Jahr schon angesagt. Dann werden die Juroren sogar aus Berlin anreisen, um Lückert und seine Bewohner unter die Lupe zu nehmen.

Apfelpresse, Fachwerkhäuschen aus dem 18. Jahrhundert, dazu zahlreiche Ställe für Pferde, Hühner und Kühe: Auf den ersten Blick scheint in Lückert die Zeit stehengeblieben zu sein. Im Dorfversammlungshaus hängen Schwarz-Weiß-Bilder an der Wand, jahrzehntealte Fotos aus einer längst vergangenen Zeit. In einem eigens aufgebauten internen Netzwerk, ein digitales Dorfarchiv, können die Bewohner Fotos einstellen und so digital konservieren. „Lückert unsere Heimat und große Liebe“, stellt sich der Ort in einem Präsentationsfilm vor. „Heimat“, das wird auf den ersten Blick klar, hat auch im „Dorf mit Zukunft“ durchaus mit Vergangenem zu tun, mit gemeinsamer Erinnerung und den eigenen Wurzeln. „Wir versuchen schon, einiges zu bewahren“ sagt Hagen. Dazu zählen auch Dorftraditionen – allen voran das alljährliche Pfingstfest, oder auch der Empfang des Prinzenpaares an Karneval. „Wir unterscheiden uns da nicht von anderen Dörfern“, so Hagen.

Während andere Dörfer aber zunehmend älter und und verlassen werden, ist in Lückert eine ganz andere Entwicklung zu beobachten. Hagen: „Überall ist die Rede von Landflucht. Hier ist eher so: Es will keiner weg“. Zwar verlassen auch junge Bewohner das Dorf, etwa um zu studieren, „aber sie kommen zum Beispiel zum Pfingstfest immer wieder her“, so Hagen. Später möchten sie gerne hierher zurückkehren. „Das Durchschnittsalter hier liegt bei Ende 30“, so der Bürgermeister. Dreimal freute sich das Dorf in diesem Jahr schon über Nachwuchs. Dabei kennen auch die Lückerter die Probleme, die viele Bewohner auf dem Land teilen. Stichworte: Öffentlicher Nahverkehr, demografischer Wandel, Nahversorgung oder schlechtes Mobilfunknetz. In Lückert aber hat man beschlossen, die Probleme aktiv anzugehen. Wer genau hinsieht, findet bereits bei einem Dorfrundgang Hinweise.

Nahverkehr: In einem Wartehäuschen am Dorfausgang hängen Fahrpläne aus. Ein Linienbus hält allerdings schon lange nicht mehr in Lückert. Lediglich der Schulbus pendelt mehrmals am Tag nach Uckerath und zurück. „Wir haben erreicht, dass nicht nur Schüler, sondern auch Erwachsene den Bus nutzen dürfen“, sagt Hagen.

Nahversorgung: Nur rund drei Kilometer sind es bis zum nächsten Supermarkt in Uckerath – für ältere Bewohner dennoch zu weit. „Wenn jemand einkaufen fährt, sagt er Bescheid. Ältere Bewohner können so fragen, wenn Sie mitfahren möchten“, so Hagen.

Demografischer Wandel: Hagen deutet auf ein auffälliges Gebäude. Auf einem alten Bauernhaus thront ein Anbau mit moderner Holzfassade – ein etwas eigenwilliger Stilmix. Das Äußere ist dabei aber Sinnbild des Inneren. „Drei Generationen leben unter diesem Dach zusammen“. Bei genauem Hinsehen ist dies längst keine Seltenheit. Zwischen liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern finden sich immer wieder ausgebaute Ställe oder moderne Anbauten. Noch ein Beispiel: der Dorfschaukasten. Neuigkeiten und Ankündigungen sollen alle Dorfbewohner lesen können. So findet sich dort sowohl eine Lesebrille für die Älteren, als auch ein Trittbänkchen für die Kleineren in Lückert.

Mobilfunknetz: Mobiles Internet ist, wie so oft in ländlichen Regionen, auch in Lückert nur lückenhaft vorhanden. Hagen: „Drei, vier Bewohner haben kurzerhand Router aufgestellt und ihr Wlan frei zugänglich gemacht.“ Aufkleber mit dem Hinweis „Freifunk“ zeigen die geschaffenen „Hotspots“ an. Mit dem dorfeigenen Sender „Lückert TV“ informiert das Fernsehteam des Dorfes Nachbarn über das Internet über Neuigkeiten.

„Hier ist alles in Entwicklung“, sagt Hagen. Dabei wartet das Dorf nicht auf die „Welt da draußen“. Es hat sein Schicksal in die eigenen Hände genommen, und jeder kann sich einbringen. Auch einige Freunde und Bekannte der Dorfbewohner hätten schon einmal angefragt, ob sie nach Lückert ziehen könnten, berichtet Hagen. Das Problem: Das Dorf liegt im Landschaftsschutzgebiet. Baugenehmigungen werden in den seltensten Fällen erteilt. Dennoch leben längst nicht nur „Ureinwohner“ im Dorf. Im Laufe der Jahre seien, wenn zum Beispiel ein Haus frei geworden sei, auch immer wieder Menschen von außerhalb nach Lückert gezogen. Anschluss hätten sie ohne Probleme gefunden. „Wir wollen uns ganz sicher nicht verschließen“, so Hagen. Nicht zuletzt deshalb suchte das Dorf vor einiger Zeit Kontakt zu einem Partnerdorf. Mit Plittersdorf aus der Eifel wurde man fündig. Die ersten Austauschbesuche fanden bereits statt. Die Lückerter leben eben keineswegs in einem Freilichtmuseum. Sie stellen ihre Heimat nicht in die Vitrine, sondern gestalten sie mutig. Dabei konservieren sie das, was laut Hagen Lückert seit jeher ausmacht: den Zusammenhalt. Ob bei Hochzeiten, der Heuernte oder beim Pressen von Apfelsaft: „In Lückert packt jeder mit an“, sagt Hagen am Ende des Rundgangs und fügt hinzu: „Der Weg, den wir gemacht haben, dauert von der Strecke her vielleicht fünf Minuten. Im Sommer, wenn viele vor der Tür sind, können es auch schon mal anderthalb Stunden sein.“