Gespräch am Wochenende

"Wir brauchen mehr Philosophie" - Markus Gabriel über philosophische Denkfehler

Philosophieprofessor Markus Gabriel.

Philosophieprofessor Markus Gabriel.

Rhein-Sieg-Kreis. Markus Gabriel, geboren 1980, ist der jüngste Philosophieprofessor Deutschlands und lehrt Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Bonn.

Mehrjährige Aufenthalte führten ihn unter anderem nach Portugal und Barcelona. Sein neuestes Buch "Ich ist nicht Gehirn" stellt der Philosoph als Gast auf dem Sofa am Dienstag, 12. Januar, 19.30 Uhr, in der Hochschul- und Kreisbibliothek Bonn-Rhein-Sieg, von-Liebig-Straße 20 in Rheinbach, vor. Adrian Arab sprach mit ihm.

Herr Gabriel, Sie sind der jüngste Philosophieprofessor Deutschlands. Wie schwer fällt es, sich gegen ältere Kollegen durchzusetzen?

Markus Gabriel: Die Philosophie ist eine Disziplin, die oft mit dem hohen Alter in Verbindung gebracht wird. Dennoch kann man sich in jüngerem Alter durchaus Gehör verschaffen, auch wenn man mit einer originellen These riskiert, heftiger als ältere Kollegen kritisiert zu werden.

Die meisten Ihrer Studenten sind wenig jünger als Sie. Gestattet Ihnen der geringe Altersunterschied den Griff zu alternativen Lehrmethoden, die man von Professoren älteren Semesters nicht kennt?

Gabriel: Der Generation der Studierenden, insbesondere der Doktoranden, stehe ich durch das Lebensalter näher als ältere Kollegen von mir. Zu alternativen Lehrmethoden greife ich, das hängt aber eher mit meiner untypischen philosophischen Sozialisation zusammen, da ich lange Arbeitsaufenthalte in Amerika verbracht habe. Aus der Kombination dieses Umfeldes mit meinem Alter ergibt sich der regelmäßige Rückgriff auf Beispiele aus dem Alltag, etwa aus Film und Fernsehen. In der Philosophie geht es, ähnlich wie in der Mathematik, um abstrakte Gedankengebilde. Nur wenn man Beispiele anführen kann, weiß man, ob man sich auf den richtigen Bahnen bewegt. Dadurch dass ich nun jünger bin, unterscheiden sich diese Beispiele durchaus von denen meiner 60-jährigen Kollegen.

Sie nutzen also vermehrt Filme und neue Medien zur Illustration Ihrer Beispiele?

Gabriel: Lieber nutze ich diese Dinge, als den klassischen Literaturkanon. Der verschwindet leider allmählich aus der Philosophie. Gerne greife ich auch zu Beispielen aus den Naturwissenschaften. Meine Generation hat jedoch noch eine andere Errungenschaft - nämlich den Mut zu Behauptungen. Unter den amerikanischen Philosophen ist es schon lange üblich, eine eigene Position zu haben und diese mit Sätzen wie "ich behaupte" einzuleiten. In Deutschland war es bis zuletzt unüblich, die eigenen Thesen mit eigener Stimme vehement zu verteidigen. Lieber hat man sich hinter Kant, Hegel und Schachtelsätzen versteckt, als die Karten auf den Tisch zu legen. Dieses Versteckspiel ist in meiner Generation nicht mehr nötig. Daher lesen wir auch die Klassiker anders.

Wie viel Raum wird philosophischen Betrachtungen in der Politik gegeben? Man denke an das 2006 heiß diskutierte Luftsicherheitsgesetz, das den Abschuss von entführten Flugzeugen und somit sicheren Tod der Insassen ermöglicht hätte, um einen Absturz auf bewohntes Gebiet zu verhindern. Werden in den politischen Entscheidungsprozessen auch philosophische Betrachtungen einbezogen?

Gabriel: Noch und nöcher. Viel mehr als in Deutschland ist das allerdings im englischsprachigen Raum der Fall. Akut war das in der Debatte um die Atombombe und den drohenden Atomkrieg. Der Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker hat damals viel zu diesem Thema geschrieben und mit Politikern diskutiert. Die Ethik - ein Fachgebiet der Philosophie - beschäftigt sich seit den 50er-Jahren mit der Frage, wie man etwa das genannte Beispiel rational untersuchen könnte.

Nur weil man es untersucht, muss es noch keinen Einfluss auf die Politik haben.

Gabriel: In Deutschland weniger, in den anglophonen Ländern mehr. Der Grund ist, dass die Universitäten wie Oxford, Cambridge, Yale oder Harvard ja die Ausbildungsstätten künftiger Politiker sind. In Deutschland ist das nicht so, hier muss man nicht einmal studiert haben, um Politiker zu werden. Es gibt klare Vorteile, dass wir keine rein akademische Führungselite haben. Philosophischen Betrachtungen wird dann allerdings auch weniger Raum geschenkt.

War das immer so?

Gabriel: Nein. Politiker früherer Zeiten haben der Philosophie viel Raum gegeben. Helmut Schmidt hat seine Entscheidungen während der Lufthansa-Flugzeugentführung in Mogadischu auch im Nachdenken über Immanuel Kant getroffen. Aktuell haben wir nun einmal eine antiintellektuelle Kanzlerin, die als Quantenphysikern eine wenig philosophiefreundliche Bundesregierung führt. Mit einem Kanzler wie Steinmeier oder Steinbrück wäre das womöglich anders gewesen.

Ihr Buch bewerben Sie unter anderem mit dem Angriff auf das wissenschaftliche Weltbild. Können Sie noch ohne Personenschutz durch die Universität laufen?

Gabriel: Ja, da ich nicht grundlos angreife. Trotzdem bin ich gespannt auf die Gegenargumente. Interessant sind meine fachlichen Gegner, nämlich die kognitiven Neurowissenschaftler. Diese Unterart der Naturwissenschaften leidet am meisten unter philosophischen Denkfehlern und ihre Vertreter im öffentlichen Diskurs zeigen sich zudem äußerst unbegabt in philosophischen Fragen. Als Antwort bekommt man daher von dieser Seite meist nur Polemik und Kampf. Gute Antworten gab es bis jetzt noch keine.

Die Neurowissenschaften geben der Philosophie viel Raum?

Gabriel: Eigentlich schon. Die Neurowissenschaften sind eine fundierte Wissenschaft, die Dinge über das menschliche Gehirn herausgefunden hat, die man sich vor hundert Jahren ganz anders vorgestellt hätte. Nun ist es leider so, dass ein ganzer Typus dieser Wissenschaftler, bekannte Vertreter sind Wolf Singer und Gerhard Roth, sich teils unbewusst auf philosophische Gebiete wagen und dort so schlecht sind, wie wenn ich in der Chemie forschen und Wasser mit Kohlenstoff verwechseln würde. Was man dort philosophisch geboten bekommt, wäre nicht vertretbar, wenn man einige Semester Philosophie studiert und verstanden hätte. Ich richte mich gegen den Denkfehler, dass man Einsichten über die Struktur des Gehirns für Einsichten über die Struktur des Denkens hält.

Das hört sich nach einem Fachstreit an. Sie schreiben allerdings, Ihre Thesen an populären Figuren wie Dr. Who oder Fargo beschreiben zu wollen. Ist das der Versuch, Philosophie massentauglich zu machen, etwa wie das auch der Philosoph Richard David Precht tut, mit dem wir kürzlich sprachen?

Gabriel: Sicher nicht wie Herr Precht, der nicht die Philosophie massentauglich macht, sondern irgendetwas anderes. Er hat nur eine unzureichende philosophische Ausbildung und versteht nicht viel vom Fach als Wissenschaft. Richtig ist, dass meine Bücher philosophische Probleme in einer Art darstellen, die es jedem möglich macht, mir zu folgen. Es sind also massentaugliche Bücher, deren Inhalte uns alle angehen. Kant nennt das im Unterschied zum "Schulbegriff" den "Weltbegriff" der Philosophie, die Seite der Philosophie, die für alle gedacht ist.

Wie geht das konkret?

Gabriel: Man kann das an der Serie Walking Dead oder jedem anderen Zombiefilm sehen. In der Philosophie des Geistes diskutieren wir das Problem, nicht zwischen Biomaschinen, die kein Bewusstsein haben - Zombies also - und uns selber unterscheiden zu können. Es ist im heutigen Weltbild nicht mehr klar, ob in uns etwas Geistiges vorgeht oder ob das, was wir als Bewusstsein erleben, nur eine vom Gehirn ausgespuckte Illusion ist. Dieses Zombieproblem fasziniert uns auch als Thema der künstlichen Intelligenz in Filmen wie Her, Transcendence oder Lucy.

Gibt es für den von Ihnen erforschten "Neuen Realismus" Anwendungsbeispiele?

Gabriel: Jeden Tag haben wir das Gefühl, dass die Wirklichkeit schneller ist als die Medien sie darstellen. Erst wird über Ebola berichtet, dann über gewalttätige Fummeleien am Kölner Hauptbahnhof und anschließend über den Börsencrash in China. Ehe man bemerkt, was geschehen ist, geschieht ein Anschlag in Paris. Während die Medien über diesen berichten, hat man Köln und Ebola längst vergessen. Die soziale Wirklichkeit ist also voller, als alle Medien das zeigen können. Als Teil des Neuen Realismus entdecken wir, dass die Wirklichkeit mehr ist, als ihre Bilder zeigen. Diese Theorie spüren wir im Alltag als Beschleunigung.

Hat die Begeisterung der Philosophie über die vergangenen Jahre zugenommen?

Gabriel: Wir schwimmen momentan auf einer Welle, in der wir wieder mehr Philosophie brauchen. Der Grund ist die berechtigte Skepsis gegenüber der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, die nicht allein den Sinn des menschlichen Handelns erklären kann. Als westliche aufgeklärte Gesellschaft wollen wir nicht nur auf die Religion setzen. Die Wahl zwischen Naturwissenschaft und Religion wäre ein Dilemma. In diese Nische dringt die Philosophie ein, die die Grenzen der Naturwissenschaften und die dogmatischen Ansprüche der Religion untersucht.

Zur Person

Markus Gabriel wurde 1980 in Remagen geboren. Er studierte in Bonn, Hagen und Heidelberg . Gabriel spricht die Klassischen Sprachen und sechs Fremdsprachen, an der Universität Bonn lehrt er Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuzeit. Unter anderem veröffentlichte er die Titel "Die Erkenntnis der Welt" und "Warum es die Welt nicht gibt".