Rupert Neudeck wird 75

Tausende verdanken Hilfsorganisation "Cap Anamur" ihr Leben

Rupert Neudeck vor seinem Wohnhaus in Troisdorf-Spich.

TROISDORF. Blitzende Augen, hellwach. Rupert Neudeck sieht man nicht an, dass er morgen 75 Jahre alt wird. Ist das nicht ein Alter, in dem man zufrieden die Füße hochlegen sollte? Neudeck denkt eine Weile nach.

"Darüber habe ich noch nie nachgedacht", stellt der Gründer der beiden Hilfsorganisationen "Cap Anamur" und "Grünhelme" verblüfft fest.

Neudeck gehört zu den inzwischen selten gewordenen Menschen, die nachdenken, bevor sie sprechen, und sich Zeit fürs Denken nehmen. Auch für seine fünf Enkelkinder nimmt er sich Zeit. "Da wird er zum Kind", staunt seine Ehefrau Christel. "Dann ist er ein anderer Mensch. Gar nicht das politische Alpha-Tier." Vergangenes Jahr spielte der Körper nicht mehr so mit, wie Neudeck es ihm abverlangt. "Aber jetzt geht es Rupert wieder gut", versichert sie.

Zur Genesung hat sicher auch beigetragen, dass die drei im Mai 2013 in Syrien entführten Grünhelme-Mitarbeiter sich nach Monaten selbst befreien konnten. Der Mechaniker Bernd Blechschmidt, der Zimmermann Simon Sauer und der Ingenieur Ziad Nouri bauten in Syrien ein zerstörtes Krankenhaus auf, als sie verschleppt wurden. "Ich fühle mich schuldig", sagt Neudeck. "Ich spüre einen Stachel in meiner Seele. Die Entführung und die 110 Tage des Bangens waren das Schlimmste, das ich je erlebt habe."

Troisdorf, Ortsteil Spich. Das Wohnzimmer des Reihenhäuschens ist bis heute die Einsatzzentrale, von der aus Rupert Neudeck in den vergangenen Jahrzehnten Tausenden Menschen das Leben rettete. "Wir..." - so beginnt Neudeck fast jeden Satz.

Das "Wir" ist dem Respekt gegenüber Christel geschuldet, mit der er seit 1970 verheiratet ist und drei Kinder hat. Seine engste Mitarbeiterin, seine Vertraute, seine Ratgeberin. "Wir hatten immer die Idealvorstellung, dass man das nebenbei machen muss, ehrenamtlich, ohne Bezahlung, neben dem Beruf. Um unabhängig zu bleiben." 1979, als er das Komitee "Ein Schiff für Vietnam" gründete (später umbenannt in "Komitee Cap Anamur"), arbeitete er noch als Redakteur beim Deutschlandfunk.

Da kam es nicht selten vor, dass er am Freitagabend seinen Schreibtisch im Kölner Funkhaus verließ, in ein Flugzeug stieg, um die halbe Welt flog, um beispielsweise im Hafen von Singapur ein technisches oder bürokratisches Problem mit dem zum Lazarettschiff umgerüsteten Stückgutfrachter zu lösen, und am Montagmorgen wieder am Schreibtisch saß.

Von 1979 bis 1986 fischte die "Cap Anamur" vor der Küste Vietnams 11 488 Flüchtlinge aus dem Chinesischen Meer. Das Komitee erweiterte seinen Aktionskreis, baute Hospitäler in Vietnam und Äthopien, im Sudan und Irak, engagierte sich in Ruanda und Afghanistan, kämpfte als erste Organisation um die Entschärfung der Landminen in Angola.

Obwohl er stets nur ein Taschengeld zu bieten hatte, schafft es Neudeck immer wieder, deutsche Ärzte für den halbjährigen Auslandseinsatz zu gewinnen. Ende 2002 verabschiedete sich der Meister im Spenden auftreiben aus der Cap-Anamur-Leitung - um nur wenige Monate später das Friedenscorps "Grünhelme" zu gründen: Junge christliche und muslimische Handwerker bauen gemeinsam kriegszerstörte Schulen und Krankenhäuser wieder auf.

Warum verzichtet ein Mensch auf Freizeit und Urlaub? Was treibt Rupert Neudeck an?

"Das Samariter-Gleichnis im Evangelium", antwortet er. "Eine sehr moderne Parabel. Ein Angriff auf unser modernes Denken. Außerdem meine Biografie. Aber das wurde mir erst klar, als ich im Chinesischen Meer unterwegs war, wo bis dahin schon so viele Flüchtlinge ersoffen waren."

Neudeck wurde am 14. Mai 1939 in Danzig geboren. Am 30. Januar 1945, da war er fünf Jahre alt, versuchte die Familie auf der Flucht vor der Roten Armee vergeblich, die "Wilhelm Gustloff" zu erreichen, die im Hafen von Danzig deutsche Flüchtlinge aufnahm. Der überfüllte KdF-Dampfer lief ohne die Familie Neudeck aus - und wurde nur Stunden später von drei Torpedos eines sowjetischen U-Boots versenkt.

Mehr als 9000 Menschen ertranken in der eiskalten Ostsee. Auch die anschließende Odyssee der Familie gen Westen hinterließ bei dem Jungen tiefe Spuren auf der Seele: "In Westfalen unterhielten die Quäker Suppenküchen für Flüchtlinge. Noch heute habe ich den Geschmack auf der Zunge. Das werde ich nie vergessen. Stellen Sie sich das einmal vor: 13 Millionen Flüchtlinge wurden damals in Westdeutschland aufgenommen. Dagegen ist doch die Zahl der Flüchtlinge, die heute von Afrika nach Südeuropa übersetzen, ein Klacks."

Rupert Neudeck ist allerdings kein Sozialromantiker. Und er scheut sich nie, mit seiner Meinung anzuecken: "Die Integrationspolitik war immer zu kurz gedacht und beruhte nur auf Mitleid: Asylbewerber in Decken packen und heißen Tee reichen. Vielleicht ein Nachholeffekt aus unserer furchtbaren Geschichte. Den Menschen, die bei uns leben wollen, müsste gleich klargemacht werden: Nach einem Jahr endet die staatliche Unterstützung, bis dahin müsst ihr die deutsche Sprache können, und wer sich nicht benimmt, fliegt raus.

Wir hatten hier in Troisdorf mal Somalis in einem Haus untergebracht. Die sagten: Wir können nicht unter einem Dach leben, wir sind nämlich von verschiedenen Stämmen. Da habe ich geantwortet: Wir sind hier in Deutschland, wir haben hier keine Stammesordnung. Wenn ihr in Stämmen leben wollt, dann geht zurück nach Somalia."

Wie müsste Integration seiner Meinung nach betrieben werden?

"Vielleicht wäre es ein Modell, wenn jeder Staat der westlichen Welt mit einem Entwicklungsland einen Vertrag schließt. Die Bundesregierung würde etwa jungen Menschen aus Ghana hier eine Ausbildung finanzieren, aber ein Teil des Geldes, was die Leute anschließend hier verdienten, würde einbehalten und erst ausbezahlt, wenn die Leute wieder zurück in ihr Heimatland gehen."