Interview mit Frithjof Kühn

"Der Beruf hat enormen Erlebniswert"

Kühn beim GA-Interview im Kreishaus.

Noch gut zwei Wochen, dann ist im Rhein-Sieg-Kreis die Ära Frithjof Kühn beendet. Der 70-jährige Landrat geht dann in Ruhestand, sein offiziell letzter Arbeitstag ist der 22. Juni. Heute schon erhält er im Siegburger Kreishaus von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft seine Entlassungsurkunde. Im GA-Interview blickt er zurück und nach vorn

Wie fühlen Sie sich auf den letzten Metern Ihrer Amtszeit?
Frithjof Kühn: Gut.

Sie sind froh, dass es vorbei ist?
Kühn: Nein, alles ist wie immer. Das Tagesgeschäft beschäftigt mich, so wie all die Jahre zuvor.

Am 23. Juni beginnt für Sie das Leben nach dem Landrat. Beschäftigt Sie das nicht?
Kühn: Eher weniger. Es kommt, wie es kommt. Ich habe ja noch einige ehrenamtliche Tätigkeiten und auch ein Privatleben. Mit Sicherheit werde ich mich mehr um meinen Garten kümmern können. Ich mache mir da vorab keine Gedanken.

Die Dinge so zu nehmen wie sie kommen - war das auch für Ihre Amtsführung typisch?
Kühn: Natürlich habe ich meine Arbeit und Projekte immer kontinuierlich geplant. Was einem aber täglich begegnet, kann man nie vorhersehen. Dieser Beruf hat einen enormen Erlebnis- und Unterhaltungswert. Wenn man denn die nötige Gelassenheit mitbringt. Die habe ich über die Jahre entwickelt.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Arbeitstag beim Kreis 1981 erinnern?
Kühn: Sicher. Der damalige Oberkreisdirektor Paul Kieras wollte eigentlich nur wissen, ob ich ein ordentlicher Kerl bin. Das war Einstellungsvoraussetzung. Eine Regel von Kieras war die: Wenn Dezernate etwas zur Entscheidung vorlegen, sollte die Vorlage so gestaltet sein, dass man nur mit Ja oder Nein antworten kann. Das habe ich von ihm übernommen.

[kein Linktext vorhanden]Wenn Sie selbst politisch Bilanz ziehen: Wie hat sich der Kreis in Ihrer Amtszeit entwickelt?
Kühn: Die Kreisverwaltung, ihre Tochtergesellschaften und die Städte und Gemeinden insgesamt haben eine gute Struktur aufgebaut, etwa mit Blick auf Dienstleistungen und Servicequalität. Unsere Arbeit hat zum Wohlstand und zu einer prosperierenden Entwicklung im Kreis geführt. Wir haben die richtigen Rahmenbedingungen gesetzt. Das Entscheidende war aber immer der Beitrag der Menschen selbst.

Waren die Ausgleichsvereinbarungen nach dem Regierungsumzug wegweisend?
Kühn: Die Ausgleichsmaßnahmen spielten eine wesentliche Rolle. Ein Schwerpunkt war ja die Bildung, was unter anderem zur Gründung der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg führte. Es wurden auch Gewerbegebiete gefördert, so dass Arbeitsplätze geschaffen wurden. Aber letztlich ist es schwierig, einzelne Bereiche herauszugreifen. Der ICE-Bahnhof in Siegburg, Kindergärten, Schulen, die sozialen Angebote, Jobcenter, Wasserversorgung, Abfallwirtschaft - all das gehört genauso dazu. Da hat sich vieles zum Positiven entwickelt.

Was ist misslungen, was konnten Sie nicht umsetzen?
Kühn: Ich hätte gerne den Nationalpark Siebengebirge gehabt. Die Menschen hatten Angst vor Veränderung, dagegen waren wir machtlos. Heute wäre es gut, wenn wir den Nationalpark mit eigener Verwaltung und eigenem Budget hätten. So hätte man die Sicherung des Siegfriedfelsens leichter bewältigen können.

Wie geht es weiter? Das Berlin/Bonn-Gesetz, eine wichtige Grundlage der Entwicklung, wird vom Bund ausgehöhlt.
Kühn: Da wird ständig die Rolle Bonns als Regierungsstandort einseitig infrage gestellt. Meine Sorge ist, dass wir uns in Richtung eines zentralen Staates entwickeln. In der Arbeitsteilung zwischen Bonn und Berlin liegt eine große Chance. Ich werde der Bundeskanzlerin noch einen Brief schreiben.

Die Stadt Bonn will einen Staatsvertrag, Sie wollen das nicht. Warum?
Kühn: Das sollte man sich aus dem Kopf schlagen. Den werden wir nicht bekommen. Nachverhandlungen mit dem Bund halte ich überhaupt für riskant. Wenn man bereit ist zu sprechen, dann nur auf Grundlage des Berlin/Bonn-Gesetzes. Man darf es aber nicht zur Disposition stellen.

Trotzdem wird das Gesetz weiter unterlaufen, immer mehr ministerielle Arbeitsplätze wandern nach Berlin ab.
Kühn: Da müssen wir immer wieder appellieren. Ich muss meinen Bürgern täglich erklären, dass sie sich an Recht und Gesetz halten müssen. Dann werde ich das doch auch von einem Bundesminister erwarten dürfen.

Bleiben wir bei Bonn. Sind der Rhein-Sieg-Kreis und Bonn in Ihrer Amtszeit zusammengewachsen?
Kühn: Auf jeden Fall. Diese Entwicklung geht aber noch auf die 80er Jahre zurück. Der Kampf um den Regierungssitz und die Ausgleichsverhandlungen brachten uns Anfang der 90er Jahre weiter zusammen. Heute gibt es auf vielen Ebenen enge Kooperationen, wir sind auf Augenhöhe.

Wo könnte es besser laufen?
Kühn: Mein Hauptanliegen ist ja bekannt: die Verkehrsinfrastruktur. Eine Verbesserung ist dringend erforderlich mit Blick auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung allgemein, aber auch mit Blick auf die Bundesregierung und die Dax-Unternehmen. Das Bundesviertel ist nicht hinreichend an das überörtliche Straßennetz angebunden. Das könnte diesen Standort auf Dauer gefährden und den Berlin-Befürwortern ein gutes Argument für die Rutschbahn liefern. Meines Erachtens kann nur die Südumgehung mit Venusbergtunnel und Ennertaufstieg Abhilfe schaffen. Das wird in Bonn leider nicht erkannt. Wie soll der Verkehr denn fließen, wenn in zehn Jahren der Tausendfüßler abgerissen und neu gebaut wird? Dann sind es vor allem die Bonner, die ein Riesenproblem haben. Bis dahin muss der Venusbergtunnel gebaut sein.

Am 15. Juni wird der neue Landrat per Stichwahl gewählt. Wen sähen Sie lieber als Nachfolger: Sebastian Schuster oder Dietmar Tendler?
Kühn: Als Kreiswahlleiter muss ich neutral sein. Wenn Sie mich als CDU-Mitglied Frithjof Kühn fragen: Sebastian Schuster.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?
Kühn: Ganz wichtig sind die Mitarbeiter, die mir übrigens sehr fehlen werden. Der Landrat muss auf sie hören, denn das sind die Leute mit Sachverstand. Wenn man Loyalität erwartet, muss man auch selbst loyal sein.