Hungerwinter 1946/47 im Rheinland

"Das wenige Fleisch habe ich aufgespart"

Blick zurück: Der Witterschlicker Heinz-Jürgen Vogels (81) mit einem Jugendbild.

Blick zurück: Der Witterschlicker Heinz-Jürgen Vogels (81) mit einem Jugendbild.

ALFTER-WITTERSCHLICK. Nach dem Hungerwinter 1946/47 gibt es in Berlin noch immer nicht viel zu essen. Zum Aufpäppeln schickt Elfride Vogels ihren jüngsten Sohn deshalb im Juli über die grüne Grenze zu Verwandten nach Hennef-Altenbödingen in den Westen.

Heinz-Jürgen ist damals 14 Jahre alt. 67 Jahre später fällt dem Theologen, der seit 1983 in Witterschlick lebt, sein damaliger Brief an die Mutter über die abenteuerliche Reise wieder in die Hände. "Kein Mensch kann sich heute vorstellen, was damals für Verhältnisse herrschten", berichtet der 81-Jährige rückblickend. "Was Menschen auf sich genommen haben, um wenigstens für kurze Zeit in den Westen zu kommen, wo bessere Lebensverhältnisse herrschten."

Flach gepresst fuhr er auf dem Dach des überfüllten Eisenbahnwaggons von Berlin nach Eilsleben. 23 Kilometer ging er zu Fuß über Stock und Stein zur Bahnstation Offleben an der innerdeutschen Grenze, immer auf der Hut vor Polizisten, durchgefroren bis auf die Knochen beim nächtlichen Warten auf den nächsten Zug von Helmstedt nach Köln. Auf zwölf Seiten schildert der Junge seiner Mutter das letztlich glücklich verlaufene Entkommen aus dem Berlin der Nachkriegszeit.

"Trittbretter, Puffer, Leitersprossen, Dächer, alles war bis aufs letzte besetzt", beschreibt der damals 14-Jährige die Zugfahrt aus Berlin heraus. Er malt seiner Mutter auf, wie er auf dem Bauch liegend die erste Zugreise verbringt. "Komisch, ich hätte jetzt wieder Angst, so daraufzuliegen. Aber wie wir da waren, war es so harmlos wie nur möglich. Und außerdem war ja der ganze Zug so. Wenn nämlich alle so auf dem Dach fahren, dann hat man gar keine Angst mehr und es macht einem direkt Spaß!" Eigentlich hatte Heinz-Jürgen Vogels in seinem Korrespondenzordner etwas ganz anderes gesucht.

Als er seinen Brief wiederentdeckt, staunte Vogels über die präzise Schilderung aller Erlebnisse dieser Reise, die ein zeitgeschichtliches Schlaglicht auf die Nachkriegszeit werfen. "Brot war bis zur Währungsreform rationiert. Das wenige Fleisch habe ich mir bei Mahlzeiten immer bis zuletzt aufgespart." Seine verwitwete Mutter brachte ihre drei Kinder nur knapp mit der Sozialhilfe über die Runden, und Heinz-Jürgen Vogels erinnert sich an Hamsterfahrten mit dem Zug ins Berliner Umland. Die Verschickung des jüngsten Kindes zu Verwandten in den Westen barg ein gewisses Risiko. "Man konnte nie wissen, was einem passiert. Aber als Jugendlicher ist man unbekümmert", meint Vogels.

Erst im Nachhinein wurde auch er sich der Gefahr bewusst. Sein Freund Iffi wurde beim Fußmarsch von Eilsleben Richtung grüne Grenze in der Nähe von Helmstedt von der Polizei festgehalten. "Ich ging stur weiter! Stur. Welch ein Schwein: Ich war durch. Ja, denkste, die Grenze kam erst! Also weiter." Allein auf sich gestellt, schloss er sich einem Mann mit zwei Kindern an und passierte unbeschadet kontrollierende Polizisten. "Ausweis? Gut, in Ordnung. - Ihre Kinder?" "Ja, ja." "Weiter!" Zum Dank gab er dem Mann zwei Zigaretten. "Die hatte mir meine Mutter mitgegeben. Zigaretten waren als Zahlungsmittel beliebt."

Schließlich angekommen in Offleben, sprudelt dem Jungen in seinem Brief die Erleichterung heraus: "Ach, wie schön das ist, am Schalter nicht anstehen zu brauchen, anstandslos eine Karte nach Hannover zu kriegen und auf den Bahnsteig in der britischen Zone zu gehen!" Doch zunächst kommt er nur bis Helmstedt. Am Bahnhof waren die Mission und die Wartesäle überfüllt, und Heinz-Jürgen Vogels muss die Nacht in einem Schuppen verbringen.

"Es war scheußlich kalt. Ich bibberte am ganzen Körper. Es regnete", berichtet er in dem Brief an seine Mutter. Am frühen Morgen geht es dann weiter Richtung Nordrhein-Westfalen. Diesmal ergattert der Junge sogar einen Fensterplatz und sieht erschrocken an sich hinab. "Plötzlich seh' ich meine Knie! Wie die aussahen! Der Regen hatte in den Dreck so kleine Fleckchen reingesetzt! Grauenhaft. Alle Leute lachten über meine Beine."

Am späten Abend schließlich gelangt er zu seinem Onkel Fritz in Köln, der ihn am nächsten Tag zum Feriendomizil der Familie nach Hennef-Altenbödingen bringt. Seine Tante Hilde ist schon dort und schickt ihn gleich in den Garten zum Kirschbaum. "Den kannst du ganz allein abernten!" Vogels kann sich bei der Tante satt essen, aber er musste auch mithelfen. Löwenzahnausstechen für die Kaninchen zum Beispiel.

Die Rückreise nach Berlin am Ende der Sommerferien muss völlig unproblematisch gewesen sein. Vogels kann sich heute beim besten Willen nicht mehr daran erinnern. Aber er weiß, dass er ein Kaninchen mit nach Berlin bekam und es dort auf dem Balkon gehalten wurde, bis es reif für den Bräter war.

Zur Person

Heinz-Jürgen Vogels ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur folgte er seiner Mutter in den Westen. Sie war bereits 1949 nach Bonn übergesiedelt, nachdem ihre Tochter eine Stelle im Finanzministerium erhalten hatte. Seither ist Vogels der Region treu geblieben.

Nach dem Studium in Bonn wurde er 1959 von Josef Kardinal Frings in Köln zum Priester geweiht und war in verschiedenen Pfarreien des Erzbistums Köln tätig. Von Anfang an argumentierte er allerdings gegen das Zölibatsgesetz der katholischen Kirche, das er für falsch hält. Als er seine Frau Renate 1979 zivil heiratete, wurde Vogels vom kirchlichen Amt suspendiert, aber nicht in den Laienstand versetzt.

Neben Tätigkeiten als wissenschaftlicher Assistent bei der Altkatholischen Kirche und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst in Bonn engagierte sich Vogels von 1983 bis 1985 als Leiter der Vorbereitungskommission für die Allgemeine Synode der Verheirateten Priester und ihrer Frauen in Ariccia bei Rom. Von 1986 bis 2002 war er zudem Mitglied des Exekutiv-Komitees der Internationalen Föderation verheirateter katholischer Priester. Das Thema Zölibat hat Vogels sein Leben lang nicht losgelassen und mündete in zahlreiche Publikationen. mhr

Mehr dazu im Internet: http://www.hjvogels.de