Unvergessen

Bahnfahrt in den Tod

RHEIN-SIEG-KREIS. 72 Jahren sind vergangen seit 1164 Juden aus der Region in der Nähe von Minsk ermordet wurden.

68 jüdische Mitbürger aus Bornheim, Alfter, Heimerzheim, Ludendorf, Meckenheim und Rheinbach sind heute vor 72 Jahren, am 24. Juli 1942, in einem Lager bei dem Dorf Maly Trostinez in Belarus (Weißrussland), etwa 15 Kilometer von der Hauptstadt Minsk entfernt, von SS-Männern ermordet worden. Insgesamt wurden dort an diesem Tag 1164 Juden aus dem Raum Köln/Aachen/Bonn ermordet.

Am Ort des grausamen Geschehens ist eine Gedenkstätte geplant. Von deutscher Seite unterstützen das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk in Dortmund und der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge das Projekt.

Das Gebiet um das Dörfchen, eine ehemalige Kolchose, war wichtig für die Versorgung der Wehrmacht und der Stadt Minsk. Es gab ein Lager für die Zwangsarbeiter in der Landwirtschaft, aber kein Todeslager.

Es existierte aber eine bis heute nur wenigen bekannte Massen-Exekutionsstätte ohne Unterbringung, aber mit Gleisanschluss. Ein fast vergessener Vernichtungsort, an dem 60.000 Menschen hingerichtet wurden. Sie starben im angrenzenden Wäldchen Blagowschtschina in 34 riesigen Erschießungsgruben in der kurzen Zeit von Mai bis Oktober 1942. Es waren überwiegend Juden und Kriegsgefangene aus Ost-Europa, aber auch 22.000 Juden aus dem Großdeutschen Reich, darunter 13.500 Österreicher aus Wien.

Nicht einmal die Totenruhe gelassen

Sie wurden herangebracht in 19 Deportationszügen, anschließend ermordet durch Erschießen oder Ersticken in Gaswagen. Schon ein Jahr später nahm man ihnen wegen des Vorrückens der Roten Armee auch die Totenruhe, um die Mordspuren zu beseitigen. Dazu mussten etwa 100 weißrussische Gefangene die Gruben öffnen, die Leichen auf Scheiterhaufen verbrennen, die Asche nach Gold durchsuchen und alles einebnen. Anschließend mussten sie als Zeugen der im SS-Jargon "Enterdung" genannten Aktion selbst ihr Leben lassen.

In Maly Trostinez endete am frühen Morgen des 24. Juli 1942 für die 1164 Juden aus dem Gebiet Köln/Aachen/Bonn die 87-stündige Bahnfahrt ins Ungewisse. Doch die Mörder warteten schon. Noch am gleichen Tag löschten sie das Leben nahezu aller aus.

Der Deportationszug Da 219 war am 20. Juli 1942 aus Köln-Deutz gen Osten gestartet. Unter den Deportierten waren auch 68 Juden aus Bornheim, Alfter, Heimerzheim, Ludendorf, Meckenheim und Rheinbach.

Bereits im Februar 1942 waren sie aus ihren Häusern geholt und dann ins Gestapo-Sammellager Bonn-Endenich, dem vorherigen Kloster "Zur ewigen Anbetung", gebracht worden. Von dort ging es am 19. Juli weiter auf das Kölner Messegelände, wo sie mit den Leidensgefährten aus den Lagern Much und Niederbardenberg bei Aachen, aus Köln und aus dem Siegkreis zusammentrafen. Es war nur erlaubt, Tragbares mit sich zu führen: Bekleidung, Bettzeug, Proviant für drei Tage und maximal 50 Reichsmark. Makabererweise mussten sie die Bahnfahrt auch noch bezahlen. Nach Registrierung, Abgabe der Wohnungsschlüssel mit Inventarliste und Vermögensaufstellung erlebten sie die letzte Nacht auf strohbestreutem Boden.

Am Morgen des 20. Juli bestiegen die Juden die Abteilwagen der Reichsbahn, "Holzklasse", begleitet und bewacht von einem Polizeioffizier mit 15 Mann Verstärkung. Um 15 Uhr verließ der Zug Köln. Das Ziel hieß Osten. Zum Arbeitseinsatz. Im Gegensatz zu den nichts Gutes ahnenden Älteren glaubten die Jungen, bald wieder arbeiten zu können. "Endlich raus aus dem Bomben-Köln", dachten manche. "Wir kommen wieder", sangen die Kleinen aus dem jüdischen Kinderheim. Warum also an Böses denken, wenn bei den Halts in Hannover, Berlin und Schneidemühl auch das Schreiben von Postkarten mit Grüßen erlaubt war? Doch die Nazis wollten nur den Gerüchten von Elend und Tod der Deportierten entgegenwirken.

"Ihrer wollen wir im europäischen Dialog gedenken"Bundespräsident Joachim Gauck

Die Reise wurde immer beschwerlicher, insbesondere für die elf Babys und die 21 Alten über 70. Neben der fehlenden Nahrung kam der Umstieg in Güterwagen und das 19-stündige Warten auf dem Abstellgleis vor Minsk in der Sommerhitze hinzu. Am 24. Juli um 6.15 Uhr kam der Zug in Maly Trostinez an. Es folgte eine fast freundliche Begrüßung durch einen SS-Offizier, ohne barsche Befehle und Geschrei. Er fragte nach Spezialisten und teilte etwa 20 zur Arbeit ein. Die Übrigen sollten das Gepäck stehen lassen, um zunächst mit den Fahrzeugen zu den hinter dem Wald liegenden Unterkunfts- und Arbeitsbaracken gefahren zu werden.

Doch deren Fahrt ging in das Wäldchen, an eine von russischen Kriegsgefangenen und Minsker Juden ausgehobene 40 mal fünf Meter große und vier Meter tiefe Grube. Dort lauerte der Tod in Gestalt bewaffneter SS-Leute und Polizisten. Sie erschossen alle, die auf normalen Lastwagen eintrafen am Grubenrand, während die anderen in den als Wohnwagen getarnten Lkw qualvoll in eingeleiteten Motorabgasen starben. Für keinen der Menschen - ihre Namen findet man auf den erhalten gebliebenen Transportlisten der Züge - gab es nach der Ankunft ein Entkommen.

"Ihrer wollen wir gedenken, im europäischen Dialog Lehren aus der Geschichte ziehen und zur Errichtung einer Gedenkstätte in Trostinez beitragen", sagt Bundespräsident Joachim Gauck in einem Spendenaufruf. Der Künstler Leonid Lewin nennt seinen Entwurf einer internationalen Gedenkstätte am Ort der Ermordung "Weg des Todes - Pforten der Erinnerung".

Der Autor

Peter Mohr, 79, war Marineoffizier bei der Bundeswehr. Der Heimatforscher aus Rheinbach widmet sich schwerpunktmäßig den Geschehnissen im Zweiten Weltkrieg.