Bienen, Wespen und Hornissen im Siebengebirge

Warum es in diesem Jahr so viele Wespen gibt

Manfred Schmitz zeigt ein altes Hornissennest: Die Schichten aus Speichel und Holz fühlen sind leicht und dünn wie Papier.

Manfred Schmitz zeigt ein altes Hornissennest: Die Schichten aus Speichel und Holz fühlen sind leicht und dünn wie Papier.

Siebengebirge. Der Oberpleiser Manfred Schmitz ist Experte für Biene, Hornisse und Co. In diesem Jahr gibt es auch im Siebengebirge überdurchschnittlich viele Wespen – der Experte erklärt warum und gibt Tipps für das richtige Verhalten.

Es duftet nach Honig, überall summt es, die Hornissen bauen fleißig an ihrem Nest und die Ziegen warten auf eine Streicheleinheit. Inmitten dieser Idylle sitzt Manfred Schmitz und schwärmt von Bienen, Wespen und Hornissen. Die schwarz-gelben Insekten sorgen bei ihrer Ankunft selten für Freudenschreie, doch der Bienensachverständige ist sich sicher: „Wir Menschen könnten von der Wespe so viel lernen.“

Denn Wespen sind nicht die fiesen Verwandten der Honigbiene, die mehrfach stechen und keinen Honig produzieren – sie sind genauso ein nützlicher und wichtiger Teil unseres Ökosystems, erklärt Schmitz. Außerdem leisten Wespen im Garten nützliche Dienste, genauso wie Bienen und Hummeln bestäuben sie Blüten und tragen zu einer reichen Obsternte bei. Auch eine Menge Insekten stehen auf ihrem Essensplan und helfen dem Menschen dabei, Schädlinge im Garten einzudämmen.

Im Gegensatz zu vielen Menschen, die in Panik geraten, wenn sie ein Hornissennest bei sich entdecken, haben Schmitz und seine Frau Kristin Pöpping bewusst alles dafür getan, damit eine Hornissenkönigin den Platz in ihrem Garten für einen Nestbau auswählt. Wer die Angst also einmal beiseite schiebt, der bekommt Faszinierendes zu sehen.

Hornissenkönigin wird bis zu 3,5 Zentimeter groß

In einem rund 120 Jahre alten Kirschbaum steht eine große Holzbox mit einem kleinen schlitzförmigen Eingang. In der Box hat dann im Frühjahr der Bau eines Nests begonnen. Mittlerweile leben rund 400 Hornissen darin. Die Königin kann bis zu 3,5 Zentimeter groß werden – das sind 1,5 Zentimeter mehr als bei den gängigsten Wespenarten.

Eine beachtliche Größe und dennoch kein Grund zur Sorge: „Wir können draußen im Garten essen und hatten noch nicht einmal den Fall, dass sich eine Hornisse auf etwas Essbares gesetzt hat“, so Pöpping. Dank eines Birnenbaums gibt es eine Menge Wespen bei ihnen im Garten, doch die Natur sorgt für einen Ausgleich: „Hornissen töten Wespen und verfüttern sie an ihre Larven“, erklärt Schmitz. Und das, obwohl die Hornisse streng genommen mit zur Unterfamilie der Wespe zählt und gleichermaßen zur Ordnung der Hautflügler wie Ameisen und Bienen.

Und die Tierchen schaffen bei ihrem Nestbau echte kleine Kunstwerke. Schicht für Schicht werden die Nester immer weiter ausgebaut. Die Hornisse nutzt dafür altes Holz, das sie in mühsamer Arbeit abträgt, transportiert und mit ihrem Speichel zu einem klebrigen Holzbrei vermischt. Bei ihren Bauarbeiten kann man die Hornisse sogar in Ruhe beobachten.

Solange man rund einen Meter Abstand zum Nest einhält, sieht die Hornisse einen nicht als Bedrohung an. Wenngleich das Nest stets von einem Wächter türsteherähnlich gut bewacht wird. Nähert sich ein ungebetener Gast, wird er mit einigen deutlichen Bewegungen und schnellen Flügelschlägen darauf hingewiesen, dass das Nest nur für ein bestimmtes Volk zur Verfügung steht.

Die typische Reaktion des Menschen auf Wespen und Hornissen ist allerdings in den wenigstens Fällen hilfreich. Michael Falkner ist als langjähriger Schädlingsbekämpfer in Bonn und der Region unterwegs und betont: „Selbst wenn es schwerfällt und sich die Wespe in Kopfnähe befindet, die Insekten sind von Natur aus nicht aggressiv und reagieren lediglich auf unsere Bewegungen." Anpusten sei ebenfalls nicht ratsam: Das Kohlendioxid in der Atemluft wirkt wie ein Alarmsignal und versetzt die Tiere in Angriffsstimmung.

Viele Insekten nach mildem Frühling

Schmitz hat ebenfalls ein anschauliches Argument gegen hektische Bewegungen parat: „Würde eine Wespe in ein Kino fliegen, sie würde keinen Film sehen, sondern nur Bilder.“ Im Gegensatz zum menschlichen Auge können Wespen und Hornissen viel detaillierter sehen und sehen unsere Welt wie in Zeitlupe. „Wenn man sich also einfach ruhig verhält, nicht bewegt und abwartet, dann ist man in den meisten Fällen nicht mal auf dem Radar des Insekts“, so Manfred Schmitz. Tatsächlich gäbe es in diesem Jahr allerdings überdurchschnittlich viele Insekten.

Eine Ursache für die hohe Anzahl ist der milde Frühling. Die Königinnen fliegen ab März aus und gründen eigene Völker. Ob dies gelingt, ist zum großen Teil von der Witterung abhängig. „Durch die warmen Monate im April und Mai sind mehr Königinnen als in den Jahren davor durchgekommen“, bestätigt auch Falkner diese Beobachtung. „Es gab kaum späten Frost und so waren Nahrung und Baumaterialien im Überfluss vorhanden und schufen damit perfekte (Über-)Lebensbedingungen.“

Schmitz und seine Frau haben beide die Lizenz zum Umsiedeln – von Wespen- und Hornissennestern. In dieser Saison sind sie allerdings nahezu komplett ausgebucht und noch mit dem Herrichten ihres Grundstücks beschäftigt, das Bienen, Hornissen, Kaninchen und Ziegen ein Zuhause bietet. Auch für Falkner gehört das Umsiedeln zum beruflichen Alltag: „Die Anzahl der Einsätze hat sich in diesem Jahr fast verdreifacht und sprengt alle Rekorde.“

Allein im Siebengebirge war Falkner bisher mehrere Hundert Male im Einsatz. Bonn und der gesamte Rhein-Sieg-Kreis gehören zu seinem Einsatzgebiet. Doch nicht alle Wespen- oder Hornissennester müssen wirklich entfernt werden. Solang die Distanz zum Eingang des Nests groß genug sei, können laut Schmitz Mensch und Insekt wunderbar koexistieren.

Sind jedoch viele Kinder oder Allergiker in der Nähe, wird umgesiedelt – die Wespen und Hornissen ziehen samt ihrem Nest um und leben woanders weiter. „Jede Wespe muss abgefangen werden, dann wird das Nest ganz vorsichtig in einen Umsiedlungskasten gepackt und mindestens fünf Kilometer vom vorherigen Standort entfernt wieder ausgepackt“, erklärt Falkner. Wer Geduld beweist, wird von der Natur langfristig belohnt: nur die Königin überwintert, der Rest des Volks überlebt die kalten Monate nicht, und ab September nimmt die Zahl der Nestbewohner stetig ab. Dann ist erst einmal Ruhe. Bis zum nächsten Jahr.