Katastrophe mit 17 Toten

Vor 60 Jahren entgleiste die Bahn am Drachenfels

In einer Kurve entgleist die Lok, der erste Wagen rast noch gegen einen Baum und wird beim Aufprall völlig zerstört.

In einer Kurve entgleist die Lok, der erste Wagen rast noch gegen einen Baum und wird beim Aufprall völlig zerstört.

Siebengebirge. Am 14. September 1958 entgleiste die Zahnradbahn am Drachenfels und riss 17 Menschen in den Tod, 112 Passagiere wurden zum Teil schwer verletzt. Eine Eisenstatue soll künftig an das Unglück erinnern.

Die Katastrophe kommt aus heiterem Himmel. Buchstäblich. Der 14. September 1958 ist ein Sonntag mit reichlich Sonnenschein, angenehmen Temperaturen, idealem Ausflugswetter. Viele Menschen zieht es entweder zum Riesenrummel Pützchens Markt oder auf den Drachenfels nach Königswinter. Am frühen Abend sind immer noch so viele Besucher auf dem Berg, dass die Betreiber der Drachenfelsbahn entscheiden, eine zusätzliche, allerletzte Fahrt talwärts mit der Dampflokomotive einzusetzen.

Um 18.30 Uhr verlassen die Lok und drei Wagen die Talstation, um 18.45 Uhr steigen rund 160 Fahrgäste an der Bergstation ein. Drei Minuten nach Abfahrt dann das Unfassbare. Die Lokomotive entgleist samt dem ersten Wagen und kippt um. 17 Menschen verlieren ihr Leben, 112 Passagiere erleiden zum Teil schwerste Verletzungen.

„Es hatte bis dahin nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland keinen Unfall dieser Größenordnung gegeben“, sagt Klaus Hacker, Vorstand der Bergbahnen im Siebengebirge AG. „Die Lage an der Unfallstelle war unübersichtlich, chaotisch. Man darf nicht vergessen: Eine Rettungskette, wie es sie heute gibt, existierte damals nicht.“

Lok entgleist in Kurve

Schon Augenblicke nach der Abfahrt aus der Bergstation hat die Bahn plötzlich zu viel Fahrt. Im steilsten Stück der Strecke überschreitet die Lokomotive die zulässige Maximalgeschwindigkeit von zehn Stundenkilometern deutlich, die Endgeschwindigkeit liegt bei bis zu 50 Stundenkilometern, wie ein Gutachter später schätzt. Eine Folge des abgesunkenen Kesseldrucks, durch den die Bremsleistung vermindert war. Auf Zuruf habe dann jeder Schaffner in seinem Waggon die Bremse betätigt, so Hacker.

Durch die Wucht der unvermittelt einsetzenden Bremskraft entgleist die Lok gegen 18.50 Uhr in einer leichten Kurve. Der erste Wagen rast gegen einen Baum und wird bei dem Aufprall völlig zerstört. Im zweiten gelingt es dem Schaffner, den Wagen mit der Handbremse zu verlangsamen, immer noch mit erheblicher Wucht rast er in die Trümmer des ersten Wagens. Lediglich im letzten Waggon kann der Schaffner rechtzeitig bremsen.

Fahnen wehen auf Halbmast

„Im ersten Wagen gab es die meisten Toten und Verletzten“, sagt Hacker. Der Heizer erleidet tödliche Verletzungen, als er in Panik kurz vor der Kutscherbrücke aus dem Wagen springt. Auch Fahrgäste springen vom Trittbrett aus ab, irren unter Schock und verletzt zum Teil über Stunden durch den Wald. Einer der Schaffner rennt zurück zur Bergstation, um Hilfe zu holen und die Rettungskräfte zu alarmieren. Ein „merkwürdiges Rauschen“ hatte da schon Anton Schmitt, den Gastwirt des Burghofs, alarmiert. Als einer der ersten ist er an der Unfallstelle.

„Innerhalb kurzer Zeit waren aber auch zahlreiche Menschen aus der Altstadt und Fußgänger, die noch am Drachenfels unterwegs waren, vor Ort“, sagt Hacker. „Viele packten Verletzte in ihre Privatautos, um sie so schnell wie möglich in Krankenhäuser zu bringen.“ Andere kommen mit Tragen, wieder andere tragen die Verletzten auf dem Rücken ins Tal. Polizei, Deutsches Rotes Kreuz, das Technische Hilfswerk, Feuerwehr: Von überall her kommen die Einsatzkräfte, um die Verletzten und Toten zu bergen, die Unfallstelle zu sichern. In Königswinter heulen die Sirenen, die Gaststätten drehen die Musik aus, am Morgen danach wehen die Fahnen in der Stadt auf Halbmast.

Mehrere Faktoren lösten Katastrophe aus

Es dauerte mehrere Tage, bis die 16 Toten – der Heizer ist das 17. Opfer – alle identifiziert sind. „Das ist auch dem Umstand geschuldet, dass die wenigsten Ausweispapiere bei sich hatten“, so Hacker. Unter den Opfern sind Belgier, Besucher aus Berlin, Essen, Siegburg und Lohmar. Das älteste Opfer war 74, das jüngste zwei Jahre alt. Eine Familie aus Köln trifft das Schicksal besonders hart: Großmutter und die beiden Enkeltöchter sterben, die Eltern werden schwer verletzt. Die Drachenfelsbahn stellte den Betrieb ein. Erst 1960 fuhr sie wieder hinauf auf den Berg – jedoch nie wieder mit Dampfbetrieb, sondern ausschließlich mit Elektrotriebwagen.

Vor zehn Jahren hat Hacker anlässlich des 50. Jahrestags einen Mann getroffen, der seinerzeit bei dem Unglück seine Mutter verlor. „Es war eine für mich sehr bewegende Begegnung“, sagt er. Und auch ein Anlass, das Geschehen noch einmal aufzuarbeiten. „Das Unglück hätte so nie passieren dürfen“, glaubt er. In der Rückschau seien es gleich mehrere Faktoren gewesen, die die Katastrophe verursacht haben – auf technischer, aber auch auf menschlicher Seite. „Wie ein Mensch in Panik reagiert, lässt sich eben nicht in irgendeiner Vorschrift regeln.“

 

Technisch und juristisch aufgearbeitet

Das Unglück vom 14. September 1958 sei technisch und juristisch aufgearbeitet worden, so Hacker. Für ihn selbst wie auch für die heute 15 Mitarbeiter der Drachenfelsbahn, die in diesem Jahr seit 135 Jahren besteht, sei es jedoch immer wieder Antrieb, bei ihrer Arbeit und allen Entscheidungen das Thema Sicherheit an erste Stelle zu setzen. Zwei Mal, 2003 und 2009, sprang eine Lok aus dem Gleis, ohne dass etwas passierte.

„Die Ursache war menschliches Versagen in der Weiche“, sagt der Bergbahnen-Chef. Mittlerweile hingegen werde alles elektronisch überwacht. Und: „In Sicherheitsfragen dürfen wir nie nachlassen. Das, was an diesem Sonntag vor 60 Jahren passiert ist, hängt bei uns allen noch heute im Hinterkopf.“

Protokolle, alle Bilder und ein Filmdokument sind abrufbar im Virtuellen Brückenhofmuseum: www.virtuellesbrueckenhofmuseum.de