Bahnlärm in der Region

Unermüdlicher Kampf gegen Bahnlärm

Königswinter. Die Initiative von Gerd Kirchhoff und Stephan Martin macht mobil gegen den Krach von Güterzügen - nicht nur am internationalen Aktionstag gegen Lärm am Mittwoch. Denn sie sind überzeugt: Bahnlärm macht krank.

Genau 21 Meter von Stephan Martins Haus entfernt herrscht Tag und Nacht Hochbetrieb. Der 50-Jährige lebt mit seiner Familie in Königswinter-Niederdollendorf, unmittelbar an der rechtsrheinischen Bahnstrecke. Mehr als 200 Güterzüge führen innerhalb von 24 Stunden an seinem Haus vorbei, berichtet er beim Gespräch in seinem Wohnzimmer – während ein Zug vorbeifährt. „Davon sicherlich über die Hälfte in den Nachtstunden“, ergänzt er – und ein weiterer Zug rollt durch. Die Güterzüge machen ordentlich Lärm. Doch damit will sich der Architekt nicht abfinden. Martin ist stellvertretender Vorsitzender des „Bürger Initiativen Netzwerks“ (BIN) gegen Bahnlärm. Seit 2013 ist er dort engagiert und macht mit seinen Mitstreitern mobil gegen Bahnlärm – nicht nur am internationalen Aktionstag gegen Lärm, der am Mittwoch begangen wird.

Gegründet wurde das überparteiliche BIN 2012 vom Bad Honnefer Gerd Kirchhoff mit dem Ziel, gegen den zunehmenden Bahnlärm im Rheintal vorzugehen. Laut Kirchhoff gibt es inzwischen rund 70 Unterstützer von Remagen über Bonn bis Troisdorf. Das Thema betrifft viele Menschen in der Region, und es sorgt immer wieder für Diskussionen: in Bornheim etwa, wo die Bahn nun Lärmschutzwände errichten will, oder im Siegtal, wo der Bund den zweigleisigen Ausbau der Strecke plant.

„Bahnlärm entsteht durch das Rollgeräusch zwischen rauen Rädern und rauen Schienen“, sagt Kirchhoff. Rau werden die Räder durch Graugussbremsen. Bremsklötze aus Grauguss schleifen Rillen in die Räder. Besonders laut ist das Abrollgeräusch der Waggons, wenn sie auf ebenfalls rauen Schienen fahren. Sowohl die Waggons als auch die Schienen seien in Deutschland zu einem wesentlichen Teil ungepflegt und nicht gewartet, ergänzt Martin.

Bahnlärm erzeuge Stress und mache krank, erläutert Martin. Durch den Lärm werde man etwa beim Schlafen gestört, die Konzentrationsfähigkeit lasse nach und man sei besonders belastet, wenn man sowieso schon krank sei. Dazu kämen Erschütterungen in den Häusern. Zudem sinke der Wert von Immobilien. Martin hat Zahlen parat. Bahnlärm koste die deutsche Immobilienwirtschaft mindestens fünf Milliarden Euro pro Jahr, sagt er. Rechne man die Gesundheitskosten hinzu, komme man auf eine Summe von rund 20 Milliarden Euro jährlich.

Seit fünf Jahren wohnt Familie Martin nahe der Bahnstrecke. Beim Kauf des Hauses habe man das Thema Bahnlärm nicht gekannt, sagt er. Als der Krach dann zum Problem wurde, sei er bei Recherchen auf Gerd Kirchhoff gestoßen. Die Familie habe auch überlegt, das Haus wieder zu verkaufen, sich dann aber gesagt, dass man abwarten wolle, ob sich bis 2020 etwas verbessere.

Das Jahr ist in der Tat wichtig. In der Koalitionsvereinbarung der Bundesregierung wurde 2013 festgehalten, dass bis Ende 2016 die Hälfte der in Deutschland fahrenden Waggons mit leiseren Bremsen ausgerüstet sein soll. Ob das Ziel erreicht wurde, ist allerdings noch unklar. Bis 2020 sollen keine lauten Güterzüge mehr in Deutschland fahren. Das sieht ein Gesetz vor, das der Bundestag jüngst verabschiedet hat und im Mai den Bundesrat passieren soll. Mit Blick auf die Interessen anderer Länder wolle die EU das aber erst für das Jahr 2022, so Kirchhoff. „Wir versuchen, dem Bund den Rücken zu stärken“, fügt der 75-Jährige hinzu, der einen Großteil seiner ehrenamtlichen Arbeit dem Kampf gegen Bahnlärm widmet – sei es am heimischen Computer oder bei Gesprächen und Diskussionen im ganzen Land oder auf EU-Ebene.

Auch hat Kirchhoff nach eigenen Angaben etwa die Gründung einer parlamentarischen Gruppe „Bahnlärm“ im Bundestag erreicht. Seinen Angaben zufolge sind in der überparteilichen Gruppe mittlerweile mehr als 130 Abgeordnete angeschlossen. Das jetzt auf den Weg gebrachte Gesetz sei ein erster Schritt, meinen Kirchhoff und Martin. Bislang würden an den Fassaden der Häuser Spitzenpegel von bis zu 100 Dezibel pro Zug gemessen, so Martin: „Nun haben wir die Aussicht, bis zum Ende des Jahrzehnts auf 90 Dezibel zu kommen.“ Allerdings gebe die Weltgesundheitsorganisation einen Grenzwert von 40 Dezibel in der Nacht vor, sagt Martin: „Bei 40 Dezibel an der Fassade, hat man 25 Dezibel am Kopfkissen.“ Ein Experte habe ihm bescheinigt, dass es möglich sei, Züge zu bauen, die so leise sein könnten.

Überhaupt, die Technik: Wie Kirchhoff erläutert, koste das Umrüsten der Waggonbremsen je nach Typ zwischen 1500 Euro bis 1800 Euro beziehungsweise zwischen 5000 Euro und 8000 Euro. Laut Kirchhoff werde die Umrüstung vom Staat bezuschusst. Aber auch das teurere Bremsenmodell sei noch billiger als die Folgen des Bahnlärms zu bekämpfen. Dazu kommt, dass die freiwilligen Maßnahmen des Bundes zum Lärmschutz „um das Hundertfache unterdimensioniert“ sind, findet Martin. Er verweist beispielhaft auf die lediglich zwei Meter hohe Blechwand vor seinem Haus. Laut Kirchhoff fahren auf beiden Rheinseiten zusammen innerhalb von 24 Stunden rund 500 Güter- und Personenzüge.

Um das Rheintal wieder der Bevölkerung und dem Tourismus zurückzugeben, müsse es – auch mit Blick auf das Siegtal – eine Alternativstrecke zwischen Sankt Augustin und Mainz-Bischofsheim geben, findet Kirchhoff. Allerdings ist diese im aktuellen Bundesverkehrswegeplan nicht im Bereich „vordringlicher Bedarf“, demnach unter ferner liefen. Als vordringlich sieht der Bund indes den zweigleisigen Ausbau der Siegtalstrecke an; davon soll der Güterverkehr profitieren, der dort heute nur in geringem Ausmaß anzutreffen ist. Mehr Güterverkehr gleich mehr Lärm – diese Befürchtung steht entlang der Siegstrecke im Raum. Deshalb haben sich im Rhein-Sieg-Kreis CDU und Grüne gegen den Ausbau ausgesprochen. SPD und FDP sehen durch den Ausbau eher Chancen – auch mit Blick auf den Lärmschutz. Beide Parteien relativieren die Bedeutung der Siegstrecke für den internationalen Güterverkehr.

Bahnlärm betrifft viele Aspekte. Laut Martin, nicht nur die Gesundheit der Menschen, sondern auch die Bau- und Immobilienwirtschaft. Er und Kirchhoff werden weiter gegen den Krach kämpfen. Er habe die Hoffnung, dass die Menschen den Bahnlärm eindämmen, sagt Martin: „So wie auch der Rhein wieder sauber geworden ist.“ In der Zwischenzeit sind unzählige Züge am Haus der Martins vorbeigefahren.

Weitere Informationen über die Initiative und ihre Ziele gibt es im auch Internet unter www.bingegenbahnlaerm.de