Heftige Regenfälle

So schützen sich Städte im Rhein-Sieg-Kreis vor Starkregen

Die Kanäle können die Wassermassen nicht mehr fassen – dieses Bild entstand beim Unwetter 2013 in Oberdollendorf. (Archivfoto)

Die Kanäle können die Wassermassen nicht mehr fassen – dieses Bild entstand beim Unwetter 2013 in Oberdollendorf. (Archivfoto)

Rhein-Sieg-Kreis. Immer wieder wird die Region von heftigen Regenfällen heimgesucht – auch eine Folge des Klimawandels. Die Kommunen und Bürger müssen sich auf die extremen Lagen einstellen und zur Schadensbegrenzung beitragen.

Die Unwetter kommen oft unerwartet. Sie hinterlassen eine Spur der Verwüstung. Niemand weiß, wann und wo sie wieder auftreten. Klar scheint aber, dass Starkregenereignisse in den kommenden Jahren zunehmen werden – auch eine Folge des Klimawandels. Daher versuchen sich die Kommunen in der Region so gut wie möglich darauf einzustellen. Doch auch jeder Bürger ist aufgerufen, seinen Teil zur Schadensbegrenzung beizutragen.

Erst am Dienstagabend lief in Siegburg bei dem ersten Regen nach längerer Trockenheit eine Unterführung an der Wilhelmstraße zu. Die Siebe der Abwasserkanäle waren mit Laub und Dreck verstopft, sodass das Wasser 35 Zentimeter hoch auf der Straße stand. Auch hier handelte es sich um ein lokales Ereignis. Anderenorts regnete und gewitterte es ebenfalls – aber ohne besondere Folgen.

1100 Notrufe an einem Nachmittag

Anders war es am 5. Juni 2011. Diesen Tag werden die Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr und Hilfsdiensten im Rhein-Sieg-Kreis nicht vergessen. Allein am Nachmittag dieses Sonntags gehen 1100 Notrufe bei der Rettungsleitstelle in Siegburg ein. Eine Unwetterfront hat sintflutartigen Starkregen mit sich gebracht. 280 Einsatzstellen werden gezählt. Der Schwerpunkt liegt in Königswinter und Sankt Augustin. Für die Stadt Königswinter ist es ein ganz besonders trauriger Tag: Eine Mauer begräbt ein Mädchen auf dem elterlichen Grundstück in Oberdollendorf unter sich, als der Starkregen einen steilen Hang ins Rutschen bringt. Die 13-Jährige stirbt.

Fünf Jahre später, am 4. Juni 2016, hinterlässt der Starkregen in Wachtberg, Bad Godesberg und der Grafschaft eine Spur der Verwüstung. „Wir hatten 203 Feuerwehreinsätze. Bei 437 Einsätzen im ganzen Kreisgebiet lag hier eindeutig der Schwerpunkt“, berichtet Martin Bertram, Leiter der Rettungsleitstelle in Siegburg. Zum Vergleich: Am 18. Januar 2018 werden beim Orkantief Friederike 447 Einsätze mit 700 Feuerwehrleuten verzeichnet. „Da es ein Sturm war, haben sich die aber über den gesamten Kreis verteilt“, so Bertram.

Kreis bei überörtlichen Lagen im Einsatz

Weil der Schwerpunkt des Unwetters im Juni 2016 eindeutig in Wachtberg liegt, ist die Betroffenheit dort viel größer. Rund 200 Wehrleute, davon zehn Löschgruppen aus dem Rhein-Sieg-Kreis, zudem ungezählte Helfer von Rettungsdienst, Polizei und DLRG, sind dort im Einsatz. In Pech werden durch die Wassermassen, die der Godesberger Bach mit sich führt, drei Brücken zerstört. Der Durchlass unter der L 123 bei Arzdorf wird so schwer beschädigt, dass die Landesstraße monatelang gesperrt bleibt.

Den Hilferuf aus Wachtberg „Wir brauchen Boote“ wird Rainer Dahm, seit sieben Jahren Leiter des Amtes für Bevölkerungsschutz im Rhein-Sieg-Kreis, nie mehr vergessen. „Weil er für eine Gemeinde im Bergbereich so ungewöhnlich war“, sagt er. In Wachtberg wäre niemals jemand auf die Idee gekommen, selbst Boote anzuschaffen. Die Gefahr von Starkregenereignissen liegt laut Dahm darin, dass sie überall auftreten können. Deshalb sei auch der Kreis, obwohl Katastrophenschutzbehörde, nicht in erster Linie gefordert, sondern die Kommunen.

„Der Kreis ist immer dann gefragt, wenn überörtliche Lagen eintreten“, sagt er. Die Einsatzstäbe würden daher auch in den jeweiligen Kommunen gebildet. Das gelte genauso für präventive Maßnahmen. So hätten zum Beispiel Eitorf, Lohmar und Siegburg verbesserte Hochwasserschutzsysteme, in diesem Fall aufblasbare Deiche, angeschafft.

Großer Aufwand für entsprechende Maßnahmen

Am Beispiel Königswinter lässt sich aufzeigen, wie aufwendig es ist, eine Veränderung des Bewusstseins und entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Es ist kein Wunder, dass man sich in der Stadt intensiv mit dem Thema beschäftigt hat, schließlich wurde sie 2013 erneut von einem Unwetter schwer getroffen. Der Technische Dezernent Theo Krämer machte sich damals in Oberdollendorf selbst ein Bild von den gewaltigen Schäden, die der Starkregen angerichtet hatte. Und er kann heute auf Datenmaterial zurückgreifen.

Die Statistik belegt, dass am 20. Juni 2013 im Zeitraum zwischen 15 und 19 Uhr in nur einer Stunde an der Kläranlage Dollendorf 73,58 Liter Regen pro Quadratmeter auf den Boden prasselten. Das entspricht der Menge von mehr als sieben Eimern Wasser. In nur zehn Minuten waren es sogar 24,37 Liter. Besonders heftig traf es damals die Bachstraße vor dem Brückenbauwerk über die B 42 – sie wurde um einige Zentimeter angehoben, weil die Rohre, durch die der Mühlenbach unter der Straße geführt wird, mit Baumstämmen, Schnittgut und mehreren querliegenden Mülltonnen verstopft waren. Das Wasser suchte sich daher einen anderen Weg nach oben.

Ursachen noch immer nicht behoben

Das Schlimme: Dieses Szenario könnte theoretisch morgen erneut eintreten, weil die beiden wichtigsten Ursachen auch fünf Jahre später noch nicht behoben sind. Dabei könnte immerhin ein Grund bald wegfallen, da der Landesbetrieb Straßen NRW die drei Rohre, die zurzeit unter der Brücke verlaufen, durch ein neues großes Rohr ersetzen will. Für den zweiten Grund sieht Krämer jedoch die Anwohner des Baches selbst verantwortlich. „Wir können nur an sie appellieren, keine Anschüttungen vorzunehmen, um die Grundstücke zu vergrößern, oder Grünabfälle am Bach zu lagern“, sagt er. Ein Problem, das es nicht nur in Königswinter, sondern überall gibt.

Königswinter sei in den vergangenen sieben Jahren mehrmals von Schäden in einem Ausmaß getroffen worden, wie sie seine Mitarbeiter noch nie erlebt hätten, sagt Krämer mit Blick auf die Zahlen: Acht Starkregenereignisse in den Jahren 2011 bis 2017 mit den Intensitäten extrem (einmal), stark (viermal), mittel (einmal) und schwach (zweimal) sind zu verzeichnen. Insgesamt 200 Schäden im gesamten Stadtgebiet wurden begutachtet und analysiert.

Drei Säulen der Prävention

Auch wenn Oberdollendorf, Niederdollendorf und die Altstadt in den Jahren 2011 und 2013 besonders stark betroffen waren, erwischte es bei den drei Ereignissen im Jahr 2014 auch Oberpleis, Ittenbach, Thomasberg und Vinxel. 2016 war dann nur der Bergbereich betroffen. Am 14. Juni wütete der Starkregen in Ittenbach, Thomasberg, Oberpleis, Nonnenberg und Eudenbach.

Die Stadt setzt bei der Prävention daher auf drei Säulen: Selbstschutz und Eigenvorsorge stehen an erster Stelle. Im Jahr 2015 fanden sechs große Bürgerinformationsveranstaltungen statt. Dazu kamen mehr als 20 Runde Tische mit Anliegern in betroffenen Gebieten. Dabei wurde nicht nur an die Bachanlieger appelliert, sondern auch über die Bedeutung von Rückstauklappen in den Häusern informiert, um überflutete Keller zu verhindern.

Kontrollen intensiviert

Die Stadt selbst intensivierte die Kontrollen von Kanalbauwerken und Regeneinläufen. Querschnitte einzelner Kanäle wurden vergrößert, neue und stärkere Rechen an den Durchlässen der einzelnen Bäche installiert und die Drosselung an den Regenrückhaltebecken angepasst. Die bisher größte bauliche Maßnahme ist der Entlastungskanal, der seit Januar unter der Cäsariusstraße in Oberdollendorf gebaut wird.

„Wir haben 46 bauliche Maßnahmen bisher abgeschlossen. Zwölf Maßnahmen sind noch in Planung“, so Krämer. Dabei gehe es um Millioneninvestitionen. Und auch bei der Ausweisung neuer Baugebiete müsse das Thema Starkregen berücksichtigt werden. „Das sind spannende und wichtige Aufgaben, die wir sehr, sehr ernst nehmen“, sagt der Dezernent. Und das gilt nicht nur für Königswinter, sondern für alle Kommunen. Denn Starkregenereignisse werden schließlich in Zukunft eher häufiger als seltener eintreten.