Interview mit Wehrleitern So ist die Feuerwehr im Siebengebirge aufgestellt

Drei von der Feuerwehr: Michael Klingmüller, Frank Brodeßer und Ulrich Rechmann (von links).

Siebengebirge. Auf die Feuerwehren aus dem Siebengebirge kommen immer mehr Aufgaben zu. Im Interview sprechen die verantwortlichen Wehrleute über Personalnöte, die Ausbildung, Beschwerden über Sirenen und kuriose Einsätze.

Sie sind Helden des Alltags, werden für ihren mutigen Dienst an der Allgemeinheit aber oft nur unzureichend gewürdigt. Mit den Wehrleitern der Feuerwehr Bad Honnef, Frank Brodeßer, der Verbandsgemeinde Unkel, Ulrich Rechmann, und dem stellvertretenden Wehrleiter aus Königswinter, Michael Klingmüller, sprachen Katrin Janßen und Hansjürgen Melzer.

Haben Sie Personalnöte?

Frank Brodeßer: Wir sind recht gut aufgestellt. Wir haben ja im vergangenen Jahr in Rhöndorf eine große Werbekampagne durchgeführt, mit Anschreiben des Bürgermeisters und so weiter. Sie hat uns fünf Neueinstellungen gebracht, die jetzt die Ausbildung durchlaufen. Wir haben zurzeit 135 Aktive, darunter immerhin acht Frauen, in drei Löschzügen. Und wir haben eine große Jugendfeuerwehr.

Ulrich Rechmann: Wir haben ebenfalls 135 Aktive, davon fünf Frauen, in fünf Löschzügen. Die Zahl ist seit Jahren konstant. Bei der Jugendfeuerwehr ist die Zahl sogar von 15 auf 25 gestiegen.

Michael Klingmüller: Bei uns sind 325 Aktive, unter ihnen 26 Frauen, in acht Löschzügen. In Oberdollendorf haben wir seit diesem Jahr mit Anja Steenken sogar eine Wehrführerin. Auch die Jugendfeuerwehr ist momentan stabil. Wir haben eher ein Problem mit der Tagesverfügbarkeit.

Wie sieht das aus?

Klingmüller: Es führt dazu, dass wir in der Regel zwei Einheiten alarmieren. Ich selbst arbeite zum Beispiel bei der Telekom am Landgrabenweg. Von dort brauche ich 15 Minuten bis zum Einsatz. Wir haben auch Kameraden, die nicht im Löschbezirk wohnen. Das sehen wir nicht so eng. Das sind gewachsene Strukturen. Wir sind aber auch darauf angewiesen, dass wir Gewerbebetriebe wie zum Beispiel die Zera haben, die gegenüber der Feuerwehr sehr positiv eingestellt sind. Bei Dachdeckerunternehmen mit nur zwei Mitarbeitern wird es hingegen schon schwierig, wenn einer ausfällt.

Brodeßer: Die Tageserreichbarkeit ist ein generelles Problem, das kennen alle Wehren. Aber wir haben in Honnef allein zwölf bis 13 städtische Mitarbeiter in unseren Reihen. Rund 80 Prozent unserer Wehrführungen sind im öffentlichen Dienst beschäftigt. Von Vorteil ist auch, dass wir nur einen Rathaus-Standort in Bad Honnef haben. Tagsüber ist so die Grundstärke immer gegeben. Wir haben aber auch zwei Feuerwehrleute aus Königswinter bei uns. Auf der anderen Seite haben wir fünf bis sechs Leute, die in Oberpleis arbeiten.

Klingmüller: Bei Einstellungen bei der Stadt werden Feuerwehrmitglieder ja berücksichtigt. Gerade beim Gebäudemanagement und beim Bauhof haben wir da einige. Aber die drei Verwaltungsstandorte bringen natürlich auch Probleme mit sich.

Rechmann: Die Tagesverfügbarkeit ist bei uns nicht dramatisch. In den drei Bauhöfen in Rheinbreitbach, Erpel und Unkel sind fast alle Mitarbeiter bei der Feuerwehr. Die Bürgermeister in den Ortsgemeinden haben auch immer ein offenes Ohr für die Feuerwehr. Tagsüber alarmieren wir zwei Einheiten, bei einem Feuer ab Stufe 3 werden drei Einheiten parallel alarmiert.

Brodeßer: Was sich verändert hat: Immer mehr Betriebe fordern die Aufwandsentschädigung, die ihnen nach dem Gesetz von der Stadt zusteht, wenn sie einen Feuerwehrmann freistellen, auch ein, sodass der Posten im Haushalt angehoben werden musste. Auch die gestiegenen Anforderungen bei der Ausbildung, gerade auf der Führungsebene der Feuerwehr, sind in diesem Zusammenhang ein Problem.

Wie sieht es bei der Ausrüstung aus?

Klingmüller: Dank guter Zusammenarbeit mit der Stadt Königswinter können wir uns nicht beklagen.

Rechmann: Ich kann mich nicht beschweren. Bei der persönlichen Schutzausrüstung, die mir besonders am Herzen liegt, haben wir seit ein paar Jahren ein Erneuerungskonzept, das auch noch in den nächsten Jahren umgesetzt wird.

Brodesser: Teilweise sind wir sogar doppelt ausgerüstet. Aber das ist eben auch so vorgeschrieben.

Klingmüller: Der einzige Engpass, den wir bisher hatten, wird behoben: Wir bekommen einen zweiten hauptamtlichen Gerätewart. Bei gefühlt 40 Fahrzeugen und 325 Aktiven - das muss alles gewartet werden. Das zu stemmen, ist selbst für zwei Mann noch enorm. Da ist Königswinter im Vergleich zu den Kommunen drumherum noch ein bisschen Entwicklungsland.

Rechmann: Bei uns gibt es nur ehrenamtliche Gerätewarte. Die Frage ist, wie lange man das noch aufrechterhalten kann. Bei uns müssen allein 60 bis 65 Atemschutzgeräte von fünf ehrenamtlichen Atemschutzgerätewarten gewartet werden.

Wie sieht die Ausbildung aus?

Brodeßer: Die Ausbildung erfordert einiges an Zeit. Die angehenden Feuerwehrleute durchlaufen in zwei Jahren vier Blöcke von jeweils vier Wochenenden. Dazu kommen Atemschutz- und Funkausbildung. Es gibt auch Schaumseminare und Lehrgänge zur Absturzsicherung. Ich habe da echt Respekt. Da gehen zwei Jahre lang viele Wochenenden drauf.

Ist die Ausbildung gleichwertig mit der Berufsfeuerwehr?

Brodeßer: Sie ist vergleichbar. Ich bin ja selbst Berufsfeuerwehrmann. Heute müssen alle alles können.

Rechmann: Die Ausbildungsabschnitte sind vergleichbar. Bei uns gibt es zusätzlich noch eine umfangreiche Bootsausbildung. Manche erwerben auch das Funkerzeugnis und den Lkw-Führerschein.

Auf wie viele Einsätze kommt die Feuerwehr im Jahr?

Brodeßer: 250 bis 300.

Klingmüller: Wir hatten in diesem Jahr bis Anfang August bereits mehr als 270. Allein im Juli hatten wir 58 Einsätze. Da hagelte es einen Alarm nach dem anderen.

Rechmann: Wir liegen bei 100. In diesem Jahr waren darunter schon drei richtig große Einsätze.

Klingmüller: Aber wir haben auch einige kuriose Einsätze. Wenn wir zum Beispiel Tragehilfe leisten müssen. Da fahren wir dann zum Teil mit Mann und Maus raus.

Rechmann: Wir haben auch immer mehr Türöffnungen. Das gab es vor 15 Jahren noch nicht.

Brodeßer: ... weil die Gesellschaft immer anonymer wird.

Klingmüller: Oder wir schicken Löschfahrzeuge auf die Autobahn. Bestimmt dreimal pro Monat werden wir dorthin zu Absicherungen gerufen, weil die Polizei es nicht in der ausreichenden Zeit schafft, vor Ort zu sein. Dabei geht es nicht mal immer um Verkehrsunfälle. Wir stellen dann ein 300 000 Euro teures Fahrzeug hin. Und neun Leute stehen hinter der Leitplanke.

Brodeßer: Da sind unsere eigenen Leute in Gefahr. Wir haben ein bis zwei Absicherungen auf der Autobahn pro Monat.

Klingmüller: Ein Problem sind auch die vielen Brandmeldeanlagen, die versehentlich auslösen.

Brodeßer: Wir haben auch mehr als 30 in Bad Honnef - zum Beispiel im Krankenhaus, in der IUBH oder in Altenheimen.

Rechmann: Wir haben auch zwölf Brandmeldeanlagen, die manchmal versehentlich auslösen. Da kann man verstehen, wenn die Arbeitgeber sich ärgern.

Wann wird der Brandschutzbedarfsplan bei Ihnen fortgeschrieben?

Brodeßer: Wir sind gerade dabei.

Klingmüller: In Königswinter auch.

Rechmann: Bei uns in Rheinland-Pfalz gibt es einen solchen Plan nicht. Das machen wir in Eigenregie in Form eines Führungs- und Fahrzeugkonzepts.

Immer wieder beschweren sich Bürger über die Sirenen - vor allem bei Nacht. Was sagen Sie dazu?

Rechmann: Wenn sie Pech haben, geht bei uns vielleicht alle drei Tage die Sirene. Wir brauchen sie bei jedem Alarm, da wir technisch mit unserer Analogalarmierung noch hinterherhinken. Die Digitalalarmierung steht bei uns aber auch für die kommenden zwei Jahre an. Die analogen Funkmeldeempfänger haben bisher nur einen Erreichungsgrad von 20 bis 30 Prozent. In Rheinbreitbach zum Beispiel haben wir aber im gesamten Jahr nur 30 Einsätze, davon vielleicht zwölf bei Nacht. Da von einer Belästigung in jeder Nacht zu sprechen, was manche tun, ist da doch wohl etwas übertrieben.

Brodeßer: Wir haben die digitalen Empfänger. Bei uns wird nur bei der Alarmierungsstufe B 4, das heißt bei einem Großbrand, mit der Sirene alarmiert. Das ist vielleicht vier- bis fünfmal pro Jahr der Fall.

Klingmüller: In Königswinter nur ab B 3 und auch nur im Ortsteil, in dem das Schadensereignis ist.

Welche Erfahrungen machen Sie mit der Rettungsgasse?

Klingmüller: Das funktioniert nie gut. Wenn sie mal gut aufgeht, wird sie wieder geschlossen, sobald das erste Löschfahrzeug durch ist.

Brodeßer: Ein Problem sind auf der Autobahn auch die Lkws in der zweiten Spur.

Klingmüller: Ich habe mal im Winter ausprobiert, zur Löwenburg durchzukommen. Wenn da ein Rodelunfall gewesen wäre, hätte ich keine Chance gehabt, da war alles zugestellt.

Feuerwehrleute sind oft großen psychischen Belastungen ausgesetzt. Welche Hilfe gibt es für die Helfer?

Brodeßer: Die Strukturen stehen. Wir können die PSU-Teams Bonn-Rhein-Sieg, also Psycho-Soziale Unterstützung, anfordern. In manchen Situationen lassen wir die jungen Leute beim Einsatz auch erst gar nicht nach vorne.

Klingmüller: Der beste Helfer ist in der Regel der eigene Kamerad. Mit ihm zu reden, hilft sofort. Später gibt es dann die PSU-Teams, die musst Du rufen, wenn Du merkst, da einer nicht mehr kann.

Brodeßer: Und wir haben heute eine neue Generation von Wehrleuten, die nicht mehr versuchen, keine Schwäche zu zeigen. Die lernen schon in der Grundausbildung, Symptome zu erkennen und lernen damit umzugehen.

Was gehört zu den größten Herausforderungen?

Brodeßer: Wir sind momentan mit der ICE-Strecke dran. Die letzte Übung liegt ungefähr acht Jahre zurück. Natürlich sind die unpopulär, weil sie nur nachts, wenn keine Züge fahren, durchgeführt werden können. Aber: Wir können nicht ausschließen, dass bei uns etwas passiert.

Klingmüller: Die Deutsche Bahn kommt ihrer Verpflichtung nicht fristgerecht nach. Dennoch legen wir viel Wert auf Ausbildung. Ich habe da immer ein offenes Ohr.

Rechmann: Ich bin da ja unterschiedlich unterwegs. Die Bahnstrecke hier unten ist nicht minder gefährlich. Hier unten kann schnell eine Flächenlage entstehen. Und mit B 42, Bahn und Rhein sind das gleich drei Gefahrenlagen.

Brodeßer: Stimmt, die Lage hier unten wäre gefährlicher. Dafür ist die Erreichbarkeit an der ICE-Strecke in vielen Fällen deutlich schwieriger.

Also ist eine Kooperation zwischen den Feuerwehren unerlässlich?

Klingmüller: Die Zusammenarbeit mit Bad Honnef klappt prima. Die Löscheinheit aus Rhöndorf ist ja auch viel schneller in der Altstadt und umgekehrt als die Kollegen aus dem Bergbereich.

Brodeßer: Das stimmt. Ich bin zurzeit im Gespräch mit den Kollegen aus Windhagen. Die sind schnell im Gewerbegebiet Dachsberg.

Rechmann: Die interkommunale Zusammenarbeit ist heute sehr gut. Sie funktioniert auch über die Landesgrenze hinweg.

Was waren Ihre kuriosesten Einsätze?

Klingmüller: Dazu gehört sicher der Hamster in Oberpleis, der zwischen den Stangen des Käfigs festklemmte. Wir sollten ihn retten....

Rechmann: Wir haben mal am 1. Mai mit dem THW ein Pferd aus einem Waldschwimmbad in Rheinbreitbach rausgeholt. Kaum hatten wir es raus, ist es wieder reingesprungen. Oder wir hatten mal einen Dackel, der mit dem Kopf in einer Parkbank in Rheinbreitbach feststeckte.

Klingmüller: Wir hatten mal einen Mann, der in Heisterbacherrott mit dem Finger im Flusensieb der Duschtasse feststeckte. Dabei war er splitternackt. Seine Frau hat ihm dann wenigstens eine Unterhose geholt.

Rechmann: Ach, und wir hatten mal jemanden, der einen toten Specht in seinem Garten gefunden hatte und uns fragte, wer den denn wohl ausstopfen könnte.

Zur Startseite