26-Jähriger aus Königswinter

Simon Battas Weg vom Kriminellen zum Vorbild

Königswinter. Drogenhandel, Alkoholsucht, Autodiebstähle, Einbrüche: Der 26-jährige Königswinterer Simon Batta hatte eine kriminelle Karriere. Jetzt kümmert er sich in einem Erziehungscamp und einem eigenen Verein um Jugendliche, die so sind, wie er war.

Den August 2009 wird Simon Batta nie vergessen. Und doch ist es so, als würde er sich an ein anderes Leben erinnern. Damals lieferte er sich als 17-Jähriger in einem gestohlenen Auto mit der Bonner Polizei eine wilde Verfolgungsjagd von Heisterbacherrott über Stieldorf und Sankt Augustin bis nach Bonn.

Die „filmreife Flucht“, wie die Schlagzeile im General-Anzeiger lautete, endete am Belderberg in Bonn, wo er gegen zwei Autos prallte. Von dort flüchtete er zu Fuß. Drei Tage später wurde Batta in der Wohnung seiner Schwester in Niederdollendorf festgenommen und kam in Untersuchungshaft.

Manchmal nimmt das Schicksal jedoch eine gute Richtung. Der kriminelle Junge von damals, der für viele ein hoffnungsloser Fall war, hat sein Leben in den Griff bekommen, ist inzwischen ein selbstbewusster junger Mann.

Heute arbeitet er als Erzieher in dem Trainingscamp im Sauerland, für das er sich damals anstelle einer zweijährigen Haftstrafe entschieden hatte. Und nicht nur das: Zurzeit gründet der 26-Jährige einen Verein, mit dem er Jugendlichen, die auf die schiefe Bahn geraten sind, helfen möchte.

Schon als Grundschüler klaute er im Supermarkt

Sitz des Vereins soll das Haus seiner Großmutter im idyllischen Eisbach sein, das er in den vergangenen Jahren mit Freunden renoviert hat. Das heruntergekommene Gebäude war sein erstes Projekt. „Ich habe das auch wegen meiner Familie gemacht. Der Name war ja verrufen. Ich wollte zeigen, dass ich nicht mehr der Asoziale von damals bin“, sagt er.

Die Familie war es aber auch, die ihn so werden ließ, wie er war. Streitende Eltern, der Vater ein Alkoholiker, der sich von der Mutter trennte. „Meine Schwester und ich blieben dabei auf der Strecke“, berichtet er. Auch wenn die Mutter alles versucht habe, ihm eine gute Erziehung zu ermöglichen („Sie wollte den perfekten Sohn“), sei er als Papakind immer tiefer abgerutscht.

Bereits als Grundschüler in Heisterbacherrott stahl er im örtlichen Supermarkt und legte kleine Brände. „Ich habe gelernt, dass man auch ohne Taschengeld alle Sachen bekommen kann.“ Wenn er beim Vater war, der inzwischen eine neue Familie hatte, wurde nur getrunken.

Der schulische Abstieg blieb nicht aus. Erst besuchte Simon Batta die Realschule Oberpleis, später die Hauptschule, hielt sich aber meistens am Busbahnhof auf, wo er trank und kiffte. Mutter und Lehrer wussten nicht weiter, das Jugendamt wurde eingeschaltet. Schließlich erfuhr er auch noch, dass sein Vater gar nicht sein Vater war.

Alles drehte sich um Alkohol und Drogen

„Ich bin dann in die falschen Kreise geraten. Alles drehte sich nur noch um Alkohol und Drogen. Ich habe Zigaretten und Gras verkauft. Mit 13 Jahren hatte ich mehr Geld als heute“, sagt er. Endgültig rutschte er ab, nachdem im Jahr 2007 die 14-jährige Hannah ermordet wurde.

„Hannah war meine beste Freundin. Sie hatte mich ganz gut im Griff. Als ich auf die Sonderschule kam, hat sie mir geholfen, den Abschluss hinzubekommen“, erzählt er. „Nach ihrem Tod war mir dann alles egal.“

Er fuhr nachts ohne Führerschein mit dem Auto seiner Schwester durch die Gegend, ohne dass sie davon wusste. Dann begann er in seiner ständigen Geldnot, Autos zu klauen und Einbrüche zu machen. Das Ende der kriminellen Geschichte ist bekannt: Im August 2009 wurde er mit einem gestohlenen Fahrzeug erwischt.

Die Untersuchungshaft war dabei für ihn zunächst noch kein Grund, über seinen Lebenswandel nachzudenken. „Ich war dort der gefeierte Held, weil ich der Polizei entwischt war“, sagt er. Erst sein Anwalt überzeugte ihn, dass es besser sein könnte, in ein Erziehungscamp als in den Knast zu gehen.

Er wählte das Trainingscamp statt Knast

Das Trainingscamp für 14- bis 17-Jährige wurde 1999 von dem deutschen Boxer Lothar Kannenberg in Diemelstadt-Rhoden im Sauerland gegründet. Kannenberg wurde dafür später mit dem Bundesverdienstkreuz und dem deutschen Förderpreis für Kriminalprävention ausgezeichnet. „Ich habe mir damals mit meiner vier Jahre älteren Schwester Viktoria das gegenseitige Versprechen gegeben, dass ich es versuche. Sie war damals die einzige Bezugsperson für mich“, sagt Batta.

Die Einrichtung im Sauerland sei genau das Richtige für ihn gewesen. „Da arbeiten Leute, die das Leben kennen. Da habe ich mich zum ersten Mal in meinen Leben geöffnet und mich jemandem anvertraut.“ Sieben Monate lang war er dort. Jeden Tag volles Programm von 6 bis 22.30 Uhr mit sechs Stunden Sport.

Nach dem Trainingscamp besuchte er die Erziehungseinrichtung Maria im Walde in Bonn, was zu seiner Bewährungsauflage gehörte. Danach bezog er eine eigene Wohnung und machte eine Ausbildung zum Maler. Doch die Dämonen seiner Kindheit hatten sich noch nicht verabschiedet. „Ich habe zweimal den Ausbildungsplatz verloren. Ich konnte mich immer noch nicht unterordnen“, sagt er. Dennoch arbeitete er als Maler und Trockenbauer.

Nach einem Rückfall riss er sich zusammen

Von 2012 bis 2014 war er in einem großen Bonner Hotel im Service angestellt. „Doch als sie meine Vorgeschichte erfahren haben, haben sie mir das Vertrauen entzogen.“ Er kündigte von sich aus. Als dann auch noch seine Beziehung mit Hannahs Schwester Jana in die Brüche ging, rutschte er wieder für eineinhalb Jahre in die Alkoholsucht ab.

„Ich habe in einer tiefen Depression gesteckt, bin morgens nicht mehr aus dem Bett gekommen und habe auf einer Baustelle gewohnt“, erzählt er. Er sei jedoch damals an dem Punkt angekommen, dass er sich gesagt habe: „Es guckt kein anderer mehr auf mich. Ich muss jetzt endlich auf mich selbst schauen.“

Er machte einen Entzug, fing wieder mit Sport an, nahm sich jeden Tag mehr Liegestützen und Sit-ups vor, ging joggen. Er bewarb sich um ein Praktikum im Erziehungscamp im Sauerland und wurde genommen. „Ich habe da mein pures Glück gefunden. Für jeden Jugendlichen war ich ein Vorbild, für den einen war ich ein Trainingspartner, für den anderen ein offenes Ohr. Ich habe gemerkt, dass ich da hingehöre“, sagt er.

Im August 2015 begann er eine zweijährige Ausbildung zum Sozialassistenten. Seit August 2017 hat er eine feste Anstellung im Sauerland und absolviert parallel ein Fernstudium zum Erzieher. Die 230 Kilometer nach Hause sind zu bewältigen, weil er nach den 48-Stunden-Schichten immer vier Tage frei hat.

Er will zurückgeben, was er selbst bekam

„Ich habe gemerkt, dass ich durch meine Biografie andere Möglichkeiten habe, weil ich alle Mauern, die die Jugendlichen um sich herum aufbauen, zerbrechen kann“, berichtet er. Deshalb gründet er zurzeit auch einen Verein, der den Namen „Simon Batta Jugendcoaching“ tragen wird und der durch Spenden, Sponsoren und Fördermittel finanziert werden soll. Vom Arbeitsamt bekommt er einen Gründerzuschuss.

An den Verein können sich Eltern aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis wenden, deren Kinder ähnliche Probleme haben wie er in seiner Kindheit und Jugend. „Ich muss das Potenzial, das ich habe, nutzen. Das fühlt sich für mich richtig an. Ich will etwas zurückgeben, was ich selber genommen habe.“

Er bietet Beratung, Begleitung und gemeinsamen Sport an. „Sport ist ein Vehikel, das so vieles ermöglichen kann, um neues Selbstvertrauen zu gewinnen.“ Hinter ihm stehe ein starkes Vorstandsteam mit seiner Schwester und Dennis Benjak, dem früheren Freund von Hannah.

Sie alle seien von der Idee überzeugt. „Meine Hoffnung ist, dass ich in einem Jahr nur noch für den Verein arbeite.“ Und bisher habe er seine Ziele noch immer erreicht. Inzwischen hat Simon Batta einen 15 Monate alten Sohn mit seiner Lebensgefährtin. Sie hat bereits einen neunjährigen Sohn, den er inzwischen wie ein eigenes Kind betrachtet. „Ich habe eine tolle Familie“, sagt er. Und niemand weiß besser als er, dass das die beste Prävention ist.