Zehn Jahre danach

Mord an 14-Jähriger Hannah ist unvergessen

Königswinter. Vor zehn Jahren wurde Hannah aus Oberdollendorf ermordet. Ihr Vater gründete damals die Hannah-Stiftung gegen sexuelle Gewalt. Zugunsten dieser Stiftung planen Hannahs Freunde ein Benefizkonzert.

Beim Fototermin am Wegekreuz in Oberdollendorf zupft Volker Wiedeck von dem kleinen Blumenstrauß, der vor der Hannah-Stele steht, ein paar vertrocknete Blüten ab. Die Vase müsste bei dem warmen Wetter eigentlich mit Wasser gefüllt werden. „Die Stele ist der Ort für die Öffentlichkeit“, sagt Hannahs Vater. Das Kunstwerk hatten vor neun Jahren Oberdollendorfer Bürger zum Gedächtnis aufgestellt.

Am 29. August ist es zehn Jahre her, dass für viele Menschen in der Region die Zeit für einen Moment still zu stehen schien. Der Mord an der 14-jährigen Hannah aus Oberdollendorf auf dem Heimweg von ihrem Freund in Thomasberg, nur wenige hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt, traf die Bevölkerung ins Mark. 6.000 Menschen nahmen an einem Trauermarsch vom Wegekreuz zur Jugenddorf-Christophorusschule, die Hannah besucht hatte, Abschied.

Wenige Tage später wurde der Täter gefasst. Er wurde drei Monate später des Mordes, der schweren Vergewaltigung sowie der Freiheitsberaubung schuldig gesprochen. Das Bonner Landgericht stellte die besondere Schwere der Schuld fest, wodurch der Mörder nicht mit einer vorzeitigen Entlassung nach 15 Jahren rechnen darf.

Dass Hannah unvergessen ist, demonstrieren jetzt ihre Freunde, die am 26. August ein Benefizkonzert für die Hannah-Stiftung gegen sexuelle Gewalt organisieren, bei dem unter anderem Querbeat und Joy Masala auftreten werden. „Alle, die Hannah nahestehen, finden, dass zehn Jahre etwas Besonderes sind. Das geht uns allen so“, so Volker Wiedeck.

Die Gefühle, die Annika Lemke, die das Konzert federführend organisiert, dazu bewegen, kann er sehr gut nachempfinden. Handeln als Heilmittel gegen die Ohnmacht. „Ich habe Hannah damals nicht beschützen können. Ich hatte keine Chance“, so Wiedeck. Für ihn war die Stiftung das Ventil, das ihn vor zehn Jahren vor dem Abrutschen rettete.

Zahl der Anfragen nimmt zu

300 Projekte haben die Stiftung und der Förderverein in neun Jahren finanziert. 378.000 Euro wurden ausgegeben. „Die Unterstützung aus der Bevölkerung in den ersten zwei bis drei Jahren war gigantisch. Sie ist weniger geworden, aber immer noch da. Mittlerweile kommen nicht nur Spenden aus der Region, sondern auch von weiter her“, so Wiedeck. Im Gegensatz zu den Spenden nimmt die Zahl der Anfragen zu. 2016 erteilte er 62 Förderzusagen, im ersten Halbjahr 2017 schon wieder 27.

Ein Projekt liegt ihm dabei besonders am Herzen. Das Präventionsprogramm „Mein Körper gehört mir“ in Kooperation mit der Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt Bonn und der theaterpädagogischen Werkstatt Osnabrück entspricht genau seinen Absichten. „Ich bin fest überzeugt, dass es Kinder schützt, weil sie besser auf ihre Wahrnehmungen und Gefühle hören und sich Vertrauenspersonen offenbaren“, sagt er.

Der ganzheitliche Ansatz mit verpflichtenden Lehrerfortbildungen und Informationsveranstaltungen für die Eltern überzeugt ihn dabei. Jedes Jahr unterstützt die Stiftung die Teilnahme von zehn bis zwölf Schulen an dem Projekt.

Ein Großteil der Förderanträge kommt von Beratungsstellen und Therapieeinrichtungen. Rund 40 Prozent der Anfragen stammen aber auch von Einzelpersonen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind. „Hintergrund ist immer eine Katastrophe. Meistens sind es Frauen, manchmal aber auch Männer. Für mich ist es oft ein Wunder, dass sie das Erlebte psychisch überleben“, so Wiedeck. Viele der Opfer würden berufsunfähig oder bei Hartz IV landen. „Sie kommen oft nicht mehr ans Licht“, drückt er es aus.

Konfrontation mit Einzelschicksalen

Solchen Menschen hilft die Stiftung zum Beispiel beim Umzug oder bei der Anschaffung eines Bettes, weil die alte Wohnung oder Schlafgelegenheit schlimme Erinnerungen wecken. Die Konfrontation mit den Einzelschicksalen ist oft belastend. „Es ist erschreckend, was Menschen Menschen antun. Das zieht sich komplett durch alle Gesellschaftsschichten“, so Wiedeck.

Positiv sei immerhin, dass das Thema heute nicht mehr so tabuisiert werde wie in früheren Zeiten. „Durch die vielen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche kommt man da nicht mehr raus“, sagt er. Mit „kirchlichen“ Opfern habe er dabei ebenso zu tun wie mit Opfern von Psychotherapeuten, die ihre Rolle gnadenlos ausnutzen. „Das finde ich besonders perfide.“

Wobei der allergrößte Teil dieses Berufsstandes eine hervorragende Arbeit leiste. In der Regel sei der Täter nicht der böse fremde Mann, sondern komme oft aus dem Familienkreis, dem Sportverein oder der Nachbarschaft. Was bedeutet die Stele für ihn? „Sie ist etwas Bleibendes. Das ist der Ort, von dem aus die Menschen damals Anteil genommen haben und wo der Trauermarsch losging“, so Wiedeck. Die Betroffenheit der Menschen hat der Familie gut getan. „Die Stele zeigt, dass Hannah nicht vergessen ist. Das finde ich schön.“ Seine persönliche Stele ist aber eher die Stiftung. „Für mich ist der Aspekt, handlungsunfähig zu sein, unerträglich. Die Stiftung macht es für mich erträglicher“, sagt er. Auf diese Weise lebe seine Tochter weiter, auch wenn es nur im Namen der Stiftung sei.

Er denkt, dass es ganz in Hannahs Sinne gewesen wäre, dass aus der schrecklichen Tat etwas Positives hervorgeht. Seine Frau steht ihm dabei zur Seite. „Sie hilft mir. Ich frage sie oft um Rat. Sie will aber nicht an die Öffentlichkeit.“ Tochter Linda (28) absolviert zurzeit ihr Referendariat als angehende Lehrerin, Jana (26) studiert. Die Familie ist nicht zerbrochen – so wie viele in vergleichbarer Situation.