Lesung von Peter Brandt

"Mit anderen Augen"

Einsichten in eine "hoch politisierte Familie" gewährt Peter Brandt (rechts) bei einer Lesung in Unkel. FOTO: FRANK HOMANN

Einsichten in eine "hoch politisierte Familie" gewährt Peter Brandt (rechts) bei einer Lesung in Unkel.

UNKEL. "Ich erhebe nicht den Anspruch, endlich die wahren Geschichten über Willy Brandt zu erzählen." Alles Folgende sei als Angebot zu verstehen. Der das sagt, heißt Peter Brandt.

Er ist Historiker, Professor, der Direktor des Instituts für europäische Verfassungswissenschaften der Universität Hagen - und ältester Sohn des vierten Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland, Willy Brandt, und dessen zweiter Frau Rut. Das Willy-Brandt-Forum Unkel hatte ihn anlässlich des 25. Jahrestages des Falls der Berliner Mauer zu einer Lesung aus seinem Buch "Mit anderen Augen" eingeladen. Mit anderen Augen als es Politikwissenschaftler, Journalisten und Staatsmänner tun, blickt Peter Brandt auf seinen Vater - aus einer familiären Nähe heraus und gleichzeitig einer dem Historiker eigenen analytischen Distanz.

In eine "hoch politisierte und trotzdem in vielerlei Hinsicht recht normale Familie" sei er hineingeboren. Der Privatmann und Politiker Brandt war nach seiner Beschreibung "bescheiden und selbstbewusst, stets mit einer gewissen Distanz zu seiner eigenen Person, die ihn davor bewahrte, sich selbst zu wichtig zu nehmen".

Um aus Brandts Leben aus ebendieser Perspektive zu hören, waren mehr als hundert Zuhörer ins Rheinhotel Schulz gekommen, darunter neben dem Vorstand und den Ehrenamtlichen des Forums auch die Bürgermeister von Stadt und Verbandsgemeinde, Landrat Rainer Kaul und Brigitte Seebacher, Brandts Ehefrau von 1983 bis 2003. "Mit anderen Augen" skizziert anhand der Person Brandts auch die politische Situation Deutschlands vor, während und nach der Teilung. D

er Autor las Auszüge aus seinem Buch, die den Zuhörer unmittelbar in eine der wohl turbulentesten Zeiten nach dem Mauerbau katapultieren. Als die Lage zwischen den Westalliierten und dem Kreml im Spätsommer 1962 zu eskalieren drohte, habe man Willy Brandt in das Hauptquartier der Alliierten gerufen. "Ich erinnere mich, wie mein Vater das Wort an mich richtete: 'Es kann sein, dass ich längere Zeit nicht nach Hause kommen kann, dann bist du der Mann und musst der Mutter in allen Fragen helfen'."

Nach der Lesung fand zwischen Zuhörern und Peter Brandt eine Frage- und Diskussionsrunde statt. Viele Fragen bezogen sich natürlich auf den berühmten Vater. Wie hatte er die Reaktion seines Vaters beim Bau der Mauer erlebt? "Er war stinksauer", sagte Peter Brandt. Aber auch seine eigenen Ansichten zu tagesaktuellen Themen wollten die Anwesenden erfahren. "Ich bin überzeugter Anhänger einer Europäischen Union", sagte er. Auch sei er der Meinung, dass die sozialistische Partei Europas aktiver werden müsse. Einzig zur Flüchtlingsdebatte bekundete Brandt "Ratlosigkeit": "Es gibt kaum eine Frage, bei der ich so unsicher bin. Ich habe keine Antwort. Außer Frage steht, dass es ein Problem für das nordeuropäische Sozialstaatsmodell darstellt."