Kritik an Baupolitik

Landwirte in Königswinter fürchten um ihre Existenz

Willi Quink (l.) und Hans-Joachim Wolfgarten, der den Neuen Hobshof bewirtschaftet, sind besorgt über die Bebauungspläne.

Willi Quink (l.) und Hans-Joachim Wolfgarten, der den Neuen Hobshof bewirtschaftet, sind besorgt über die Bebauungspläne.

Siebengebirge. Wenn die Stadt ihr Entwicklungskonzept umsetzt, werden binnen 15 Jahren bis zu 200 Hektar Land bebaut und überplant - und gehen als Agrarflächen verloren.

Die Königswinterer Landwirte fühlen sich durch die Baupolitik der Stadt in ihrer Existenz gefährdet. In einer Stellungnahme zum Integrierten Stadtentwicklungskonzept (Isek) der Stadt Königswinter fürchten sie einen Verlust von bis zu 200 Hektar wertvoller landwirtschaftlicher Produktionsflächen in den nächsten zehn bis 15 Jahren.

Willi Quink, Ortslandwirt der Kreisbauernschaft Rhein-Sieg, und Hans-Joachim Wolfgarten, Ortslandwirt der Landwirtschaftskammer Rheinland, sind besorgt. Sie weisen darauf hin, dass die landwirtschaftliche Nutzfläche in der Stadt im Jahr 2005 nach Angaben des Landes noch 3391 Hektar betragen habe. Zehn Jahre später sei diese Fläche um 236 Hektar oder sieben Prozent auf 3155 Hektar geschrumpft.

Immer weniger bäuerliche Betriebe

Wenn die Empfehlungen des Isek umgesetzt und weitere 80 Hektar für Wohnbau sowie 20 Hektar für Gewerbeflächen wegfallen würden, gingen inklusive der Ausgleichsflächen rund 200 Hektar für die Landwirtschaft verloren.

„Wenn man diese Wohnraum- und Gewerbeflächenpolitik auf die nächsten 100 Jahre fortschreibt, wird es in Königswinter aufgrund dieser unbedachten Flächenpolitik fast keinen landwirtschaftlichen Betrieb mehr geben“, sagen Quink und Wolfgarten. Quink kann sich noch an Zeiten erinnern, als es in Königswinter 120 Landwirte gab. „Heute passen wir bei unseren Treffen an einen Tisch“, sagt der 60-Jährige.

Sie seien nicht grundsätzlich gegen eine maßvolle Baupolitik, jedoch entschieden gegen einen „Ausverkauf des ländlichen Raumes“, da der Ackerboden als wichtigster Produktionsfaktor existenziell für die Zukunft der landwirtschaftlichen Betriebe sei.

Keine Ackerflächen versiegeln

Sie halten es für zwingend notwendig und sinnvoller, zuerst die Baulücken in den Dörfern zu schließen und zusätzlich in größeren Ortschaften, wo es städtebaulich möglich sei, auch eine dreigeschossige Bauweise zuzulassen.

„Wir benötigen eine Wohnraumverdichtung und keine weitere Versiegelung landwirtschaftlicher Flächen und Ansiedlung von Gewerbe auf Acker- und Grünlandflächen“, so die Landwirte. Die weitere Verbauung der Landschaft dürfe im Hinblick auf die Ziele der im vergangenen Herbst in Bonn abgehaltenen Weltklimakonferenz nicht weiter vorangetrieben werden.

„Bodenversiegelung bedeutet auch immer Verlust von Lebensraum für Biodiversität und Bodenfauna sowie Verlust an Filterfunktion für Schadstoffe aus der Luft“, argumentieren sie. Aber die in Bonn formulierten Ziele würden vor der eigenen Haustür offensichtlich nicht gelten.

Landwirte verlieren ihr Pachtland

Quink, der seit 43 Jahren Landwirt in Quirrenbach ist, hat auf seinem Hof vor einem Jahr die Milchhaltung mit 125 Tieren aufgegeben. Er hat einen Teil seiner Ställe für Pensionspferde und an einen ehemaligen Praktikanten, der 30 Glanrinder hält, unterverpachtet. Selbst baut er noch Winterweizen und Silomais an. Den Ertrag verkauft er als Futter an Reitställe. Von den 61 Hektar, die er bewirtschaftet, gehören ihm 34 Hektar, also knapp 60 Prozent.

Bei Wolfgarten sieht das anders aus. Seit 1990 betreibt er auf dem neuen Hobshof am Rande von Vinxel Landwirtschaft. Das Problem: 90 Prozent seiner Flächen sind Pachtflächen, die er von 50 verschiedenen Verpächtern angemietet hat. Darunter befinden sich unter anderem der Bund, die Stadt Bonn und der Erzbischöfliche Schulfonds.

Teils haben sie Wolfgarten langfristige, teils aber auch nur einjährige Pachtverträge gegeben. Doch nun droht ihm der Verlust eines Teils seiner Flächen durch die geplante Bebauung. Er hat sich damit abgefunden, dass er bei der Umsetzung des rechtskräftigen Bebauungsplans Kapellenweg/Holtorfer Straße rund 1,5 Hektar abgeben muss.

Ein letztes Mal Raps gesät

Hier hat ihm der bisherige Eigentümer, der Erzbischöfliche Schulfonds, im Juli gestattet, noch ein letztes Mal Raps einzusäen. Inzwischen hat der Schulfonds die Fläche an einen Projektentwickler aus Düsseldorf verkauft.

Ein weitaus größerer Schlag für Wolfgarten wäre jedoch die Realisierung des Bebauungsplans „Westlich und östlich der Holtorfer Straße“, der sich zurzeit in der Aufstellungsphase befindet. Diese Fläche sieht die Stadt als Potenzialfläche für neuen Wohnraum. Hier drohen Wolfgarten bis zu zehn Hektar Verlust.

Sollte der rechtskräftige Bebauungsplan „Zwischen Alter Heeresweg und Dresenbitze“ realisiert werden, könnte ihn das weitere fünf Hektar kosten. Große Flächen bewirtschaftet er auch an der ehemaligen Landwirtschaftskammer in Roleber und an der Löwenburgstraße in Niederholtorf, wo in den kommenden Jahren ebenfalls Wohnraum geschaffen wird.

Über allem schwebt zudem die Südtangente als Damoklesschwert. „Wenn sie eines Tages und nicht als Tunnellösung gebaut werden sollte, können drei Betriebe ihre Existenz einstellen“, sagt Wolfgarten. Willi Quink weist darauf hin, Landwirte zögen im Vergleich zur Bauwirtschaft immer den Kürzeren, weil sie nur bezahlen könnten, was sie mit dem Boden erwirtschaften.

„Wir sind daher nicht in der Lage, die Flächen zu kaufen.“ Nicht nur die Stadt haben die beiden Landwirte im Übrigen im Zusammenhang mit dem Isek angeschrieben, sondern auch die Fraktionen. „Bis auf die CDU und die Königswinterer Wählerinitiative hat sich niemand gemeldet. Das finde ich sehr enttäuschend“, sagt Quink.