Ort ohne Menschen

In Kappesbungert lebt niemand mehr

KAPPESBUNGERT. In Kappesbungert lebt niemand mehr. Trotzdem existiert es in der Statistik der Stadt Königswinter. Das Dorf, das keine Bewohner hat, liegt in einem Hang. Viel Wiese, viel Feld und eine Ruine, eingepfercht von Weidezäunen, überwuchert von Sträuchern. Von oben, dem Sassenberg, scheinen moderne Prachtbauten verächtlich darauf hinabzuschauen.

Unten, in Eudenbach, breitet sich eine malerische Kulisse aus. Die Sonne scheint, es riecht nach Natur, ein Postkartenidyll. Doch niemand ist hier, der dies genießen könnte. Kappesbungert ist etwa zehn Hektar groß. Um es zu finden, muss man nach ihm suchen, lange suchen. Oder danach fragen. Aber wen? In einem Dorf ohne Menschen?

Es ist vormittags, als sich Erich Graf, 74, auf einem Waldweg die Beine vertritt. Wo, um Himmels Willen, ist Kappesbungert? "Kappesbungert? Das gibt es doch gar nicht mehr", sagt Erich Graf, ein Ur-Sassenberger, und lächelt höflich. Glaubt man der aktuellen Einwohnerstatistik der Stadt Königswinter, gibt es das Dorf aber sehr wohl. Doch das Zahlenwerk offenbart auch: null Einwohner. Was noch viel spannender ist: Kappesbungert ist damit in Königswinter nicht einmal allein. Auch Hünscheiderhof muss ohne Bürger auskommen.

Erich Graf hat die meisten Geschichten, die über Kappesbungert kursieren, selbst miterlebt. Etwa diese: Als er noch ein Knirps war und die Kinder in Sassenberg mal die Schule schwänzen wollten, da unterschrieb die Frau im heute menschenleeren Nachbardorf die Entschuldigungen. Nuss- und Weidenbäume hätten damals dort gestanden, es gab einen Taubenschlag. Das Wasser musste mit Eimern aus einer Quelle geholt werden. Und der letzte Bewohner sei vor 21 Jahren spätabends von einem Auto überfahren worden. "Was inzwischen aus dem Dorf geworden ist, ist so schade!", sagt Graf. Dann zeigt er den Waldweg entlang, malt einen Rechtsknick in die Luft und sagt: "Und schon stehen Sie direkt davor!"

Die Ruine, die erahnen lässt, dass es in Kappesbungert mal Leben gab, liegt gleich neben einem Hof. 17 Pferde stehen dort, zwei junge Rehe, ein kleiner Mops rennt auf und ab. In dem Haus wohnt Anne Steinacker. Sie ist Nachbarin der Ruine, und doch keine Kappesbungerterin: "Wir gehören schon zu Schnepperoth." Das ist ein Ortsteil mit drei Häusern.

Sie hat das Grundstück, auf dem die Ruine steht, zu ihrem eigenen dazugepachtet. Hier trainieren inzwischen ihre Pferde, hier grasen sie. "Wer hier lebt, muss stressfest sein", sagt Steinacker. Weil es in Kappesbungert zwar keine Bewohner gibt, wohl aber jede Menge Wünsche, was mit dem Areal geschehen soll. In erster Linie ist es der matschige, etwa 150 Meter lange Weg, die Verbindung zwischen Kappesbungert und Schnepperoth, der für Ärger sorgt. Asphalt, Kieselsteine oder eine Mischung aus beidem - die Interessen von Spaziergängern und Pferdehaltern gehen weit auseinander. ,

Ein Biobauer will zudem Gülle auf den oberhalb gelegenen Wiesen auskippen - zum Ärger der Sassenberger. Zudem befindet sich Anne Steinacker im Rechtsstreit mit dem Rhein-Sieg-Kreis. Es geht um die Frage: Gehört die Grasnarbe zum Boden? Die Antwort darauf könnte darüber entscheiden, inwieweit die Pferdehalter rund um Kappesbungert die Freiflächen künftig nutzen können.

Bebaut werden darf das Grundstück nicht. So will es der Kreis, und auch Anne Steinacker, die es viel lieber für ihre Pferde nutzen will. Sie steht vor der Ruine, blickt verträumt ins Tal und sagt seufzend: "Ein Whirlpool, eine Glasfront und diese Aussicht. Ach, wäre das fürstlich!" Man kann ihr nicht widersprechen.

Kurz gefragt: Wann ist ein Dorf ein Dorf?

Kappesbungert und Hünscheiderhof - zwei Orte, die ohne Einwohner auskommen müssen. Aber: Wann ist ein Dorf überhaupt ein Dorf? Dennis Betzholz fragte Stadtpressesprecherin Heike Jüngling.

Wann ist ein Ortsteil eigentlich ein Ortsteil?
Jüngling: Formal braucht ein Ortsteil zumindest keine Einwohner. Stadtteile haben ja keine rechtliche Bedeutung.

Wie ist es im Fall von Kappesbungert gelaufen?
Jüngling: Der Rat hat 1989 beschlossen, dass Kappesbungert ein Ortsteil bleibt. Drei Jahre später ist der letzte Einwohner gestorben. Seitdem hat niemand einen Antrag auf Auflösung gestellt. Der ist nötig für den entsprechenden Beschluss.

Ist ein solcher Antrag auf Ihrer Agenda?
Jüngling: Nein. Es tut ja niemandem weh, dass es Kappesbungert gibt. Im Gegenteil: Für viele birgt es Erinnerungen an Geschichten und fördert den Lokalkolorit.