GA-Herbstbarometer

Dorfmusic rappt Liebeserklärung an die Region

Videodreh auf dem Drachenfels: Die Musiker von Dorfmusic haben ihre Gefühle für ihre Heimat in dem Lied „Nie wieder weg“ verarbeitet.

Videodreh auf dem Drachenfels: Die Musiker von Dorfmusic haben ihre Gefühle für ihre Heimat in dem Lied „Nie wieder weg“ verarbeitet.

Bonn/Region. Die Band Dorfmusic hat ihrer Heimat, dem Siebengebirge, ein musikalisches Denkmal gesetzt. Aber was verbindet die Menschen mit ihrer Heimat - und was genau ist Heimat überhaupt?

„Ich liebe mein Dorf. Von hier habe ich meinen Wortschatz. Liebe die Menschen, das Leben und den Bolzplatz“, rappen die Sänger von Dorfmusic. „Guckt Euch die Gegend an, traumhafte Bergoasen, mit grünen Weiden, für die Tausende Herzen schlagen.“ Ihr Fazit: „Das ist der Ort, an dem alles anfing. Wir werden nie wieder weggehen, unser Herz bleibt an diesem Fleck kleben.“

Es ist die Liebeserklärung einer Gruppe junger Leute an ihre Heimat, an Königswinter. Sie spüren eine Verbundenheit mit ihrem Ort. Ein Gefühl, mit dem sie nicht alleine sind, wie die Befragung des General-Anzeigers im Rahmen des Herbstbarometers belegt: Die meisten Menschen hier fühlen eine vergleichsweise enge Verbundenheit mit ihrer Heimat.

Heimat – aber was ist das genau? Dagmar Hänel, Leiterin der Abteilung Volkskunde beim Landschaftsverband Rheinland, beschäftigt sich mit diesem komplexen Thema wissenschaftlich. In einer Welt, die immer globaler, immer komplexer werde, wünsche sich der Mensch eine Positionierung in der Welt, einen Ort, an dem er sich sicher fühlen kann. „Einen Ort, zu dem er gehört, in dem er in die sozialen Netzwerke eingebunden ist, ein Fixpunkt in einer sich beständig verändernden Welt“, sagt die Expertin.

 

Heimat, das war früher ein juristischer Begriff. Heimatrecht hatte, wer Grundbesitz oder sich eingekauft hatte. Einher ging damit die Altersversorgung. Doch je mehr sich die Sozialversicherung veränderte, desto mehr veränderte sich auch die Bedeutung des Begriffs Heimat. Im 19. Jahrhundert verlor er seine juristische Bedeutung und gewann gleichzeitig weiter an der emotionalen.

„Die Verstädterung und das Bürgertum haben zu einer Emotionalisierung des Begriffs, ja auch zu seiner Verkitschung beigetragen. Die Literatur hat das Thema aufgenommen, da wurden Bedürfnisse befriedigt“, so Hänel. Heute sei Heimat etwas, das man sich erarbeiten müsse, es wachse nicht auf einem Baum und warte darauf, konsumiert zu werden. „Der Neuankömmling muss sich beheimaten wollen.“ Kontakt aufnehmen, Teil werden. Andererseits müsse die Umgebung auch bereit sein, den Neuankömmling aufzunehmen.

Es ist diese Offenheit, die Dorfmusic mit ihrer Heimat verbindet. „Das ist unser Zuhause, und jeder ist dort willkommen“, sagt Benedikt Hoffmann, genannt Beppa, von Dorfmusic. Das Lied, das die eigentlich inzwischen aufgelöste Band zum Zehnjährigen aufgenommen hat, soll ihre Liebe zur Region widerspiegeln. „Wir wollen die Offenheit betonen, den Zusammenhalt. Auch wenn hier das Brauchtum zu Recht gepflegt wird, ist jeder willkommen.“ Das ist auch im Video zum Song zu sehen, in dem sich der Schützenverein ebenso wiederfindet wie der neu Dazugekommene. Die „Rapper vom Dorf“ wollen aber auch zeigen, „jo, wir sind vom Dorf, aber wir können trotzdem rappen.“

 

„Für mich ist Heimat, wo ich mich wohlfühle“, sagt der Rapper, der wie die anderen Bandmitglieder auch einen Beruf im sozialen Bereich anstrebt. „Ich liebe die Natur und die relative Nähe zu den Städten.“ Und er schätzt, „dass die Menschen hier sagen, was sie denken“. Der Rhein bringe die Welt vorbei, aber im Ort treffe man ständig Menschen, die man kennt.

 

Genau das, sagt Hänel, macht Heimat aus. Denn soziale Strukturen seien ein wichtiges Bindeglied für ein Heimatgefühl. Die Wissenschaftlerin ist von den Ergebnissen der Umfrage nicht überrascht. Dass ausgerechnet im nördlichen Kreis Neuwied und im Kreis Ahrweiler, die ja beide in Rheinland-Pfalz liegen, das Zugehörigkeitsgefühl zum Rheinland besonders groß ist, habe vermutlich geschichtliche Wurzeln. „Beide Regionen gehörten zur Preußischen Rheinprovinz“, so Hänel. Und die Preußen hätten die regionale Identität sehr unterstützt.

 

Auch andere Werte erscheinen der 47-Jährigen sehr plausibel. Je weiter die Menschen auf dem Land leben, umso enger ist ihre Verbundenheit mit dem großen Ganzen. „Das Thema ist immer ganz stark mit den Klischees in unseren Köpfen verbunden“, sagt Hänel. Man wolle ja nicht als Dörfler abgestempelt werden, die „Stadt hat etwas Wertiges“. Und werde das Wohnviertel zu klein, gebe es keine Kneipe, kein Geschäft, keinen Martinszug, „dann wenden sich die Menschen dem nächstgrößeren Bereich zu“. Umgekehrt hätten in großen Einheiten die einzelnen Stadtviertel oft ein eigenes Bewusstsein.

 

Für sie es auch nicht verwunderlich, dass etwa in Bornheim und Alfter die Zahl derer, die sich zwar verstärkt mit ihrem Wohnviertel, aber weniger mit dem Wohnort identifizieren können, hoch ist. „Dort gibt es viele Neubaugebiete, die Menschen arbeiten in Bonn oder Köln.“ Zuhause hätten sie überwiegend mit den Menschen in ihrer engsten Umgebung zu tun. „Erst wenn die Menschen in Rente gehen, fangen sie an, sich mit ihrem Wohnort im weiteren Sinne zu beschäftigen und treten beispielsweise in Vereine ein.“

Die Musiker von Dorfmusic fassen ihren Gedanken dazu so zusammen: „Unter Tausenden der Stadt fühlte ich mich einsam, verdammt, hier im Dorf sind Tausende wie ein Mann: Heute weiß ich, ja Mann, Du bist meine Zuflucht, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“