Projekt "Krieg 1916" im Siebengebirgsmuseum

Die Suche ist noch nicht beendet

Er forschte dem Schicksal seines Großonkels aus Bad Honnef nach: Hendrik Jan Vermeulen.

Er forschte dem Schicksal seines Großonkels aus Bad Honnef nach: Hendrik Jan Vermeulen.

Siebengebirge. Ein kleiner Zeitungsschnipsel von 1916 fiel dem niederländischen Musiker Hendrik Jan Vermeulen auf der Suche nach seinen deutschen Vorfahren aus Bad Honnef in die Hände. Es war der Beginn einer langen Spurensuche.

Es war ein kleiner Schnipsel aus der Honnefer Volkszeitung vom 30. September 1916, der dem niederländischen Musiker Hendrik Jan Vermeulen auf der Suche nach seinen deutschen Vorfahren in die Hände fiel. „Auf dem Felde der Ehre“, stand dort geschrieben, „starb den Heldentod fürs Vaterland am 17. September 1916 nach 25monatigen harten Kämpfen bei einem Sturmangriff bei Lipica Dolna (Galizien) unser lieber unvergesslicher Pflegesohn, Bruder und Vetter Bernhard Kronauer“.

Tapfer und treu habe er „als wackerer Held für Gott und Vaterland“ gedient – und war am Ende doch nur eine kleine Todesnotiz wert, so wie Tausende seiner Kameraden, die tagtäglich dem Gemetzel des Ersten Weltkriegs zum Opfer fielen. Nun, ein Jahrhundert später, hat Vermeulen die Geschichte seines Großonkels aus dem Siebengebirge und dessen Generation auf einem Projektalbum festgehalten, ganz schlicht betitelt: „Krieg 1916“. Im Königswinterer Siebengebirgsmuseum gab er als Erzähler und Gitarrist gemeinsam mit Pianist Bas Mulder und Rezitator Heiko Schmidt einen ebenso intimen wie gefühlvollen Einblick in ein vergessenes Weltkriegs-Schicksal – die deutschlandweit erste Aufführung des Programms überhaupt.

„Walker sees the mist rise over no man's land, he sees in front of him a smashed-up wasteground...“ Überraschend rockig-zart der Beginn mit “Hanging in the Wire“ der britischen Alternative-Sängerin PJ Harvey, deren Musikstil dem Album als Inspirationsquelle diente. Ebenso filigran wie der Einstiegs-Song auch Vermeulens eigene Herangehensweise: Kein brachialer Aufschrei gegen die Schrecken des Krieges, sondern eine feinfühlige Spurensuche, um einem Vergessenen eine Stimme zu geben.

Der erste Impetus zur familiären Recherche kam Vermeulen im Jahr 1992, als ihm in einer Stadt entlang der französischen Route Nationale das Bild eines deutschen Soldaten begegnete, die Gasmaske gespenstisch übers Gesicht gezogen, mit dem Stahlspeer in der Hand stolz auf dem Kriegspferd thronend. „Da wurde mir bewusst, dass wir auf einem ehemaligen Schlachtfeld standen“, erinnerte sich Vermeulen.

Er habe unweigerlich an den eigenen Vater denken müssen, der sich einst freiwillig zum Kriegsdienst bei der Waffen-SS gemeldet hatte. Bis zuletzt habe er ihn nie direkt darauf angesprochen, doch stets Fragen gehabt: Warum sein Vater für Hitler gekämpft habe, ob er an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sei. Auf der Suche nach Antworten wandte er sich schließlich an seine deutsche Großmutter aus Bad Honnef – die Schwester Bernhard Kronauers.

Stammbäume der Kronauers und Vermeulens gibt es zu sehen, Fotografien, Dokumente und Zeitungsausschnitte. Geboren wurde Bernhard im Januar 1892, so viel ist sicher, getauft in St. Johann Baptist, lebte in der Rommersdorfer Straße 40, trat 1912 im Alter von 20 Jahren der Armee bei. An Silvester 1915 vermeldet die HVZ Kronauers Erhalt des Eisernen Kreuzes.

Das nächste Mal jedoch, als sein Name in der Zeitung steht, werden seine Exequien angekündigt. „Es ist kaum vorzustellen, was die täglichen Kriegsberichte und Todesanzeigen mit den Familien daheim gemacht haben“, sagte Vermeulen. „Hatten Sie einen unerschütterlichen Glauben an den Sieg oder haben sie es einfach nur noch über sich ergehen lassen in der Hoffnung, dass sie den Namen ihres Sohnes nicht als nächstes lesen müssen? Ich weiß es nicht.“

Dazwischen immer wieder Text-, Bild- und Musik-Einschübe, mal selbstgedrehte Videoaufnahmen, mal historische Gedichte, mal Tracks aus dem Projektalbum. Preußens Gloria tönte triumphal aus den Boxen, während ein langsamer Kameraschwenk über einen mit Dutzenden Holzkreuzen gesäumten Kriegsfriedhof die Leinwand füllte.

Dann wiederum nichts zu hören, zu sehen lediglich Landschaftspanoramen: „Mich beeindruckt die Stille solcher Orte, wenn man weiß, was dort alles vonstatten gegangen ist“, merkte Vermeulen an. Dann Schmidt mit einem Kriegsgedicht, verfasst ein Jahr nach Bernhards Tod: „Ich habe sieben Tage nichts gegessen und einem Manne in die Stirn geknallt, mein Schienbein ist vom Läusebiss zerfressen, bald werde ich 21 Jahre alt“.

Die Spurensuche führte Vermeulen sogar zum ehemaligen Schlachtfeld in der heutigen Ukraine, auf dem Bernhard als Unteroffizier im Infanterie-Regiment von Lützow Nummer 25 fiel – fündig wurde er dort jedoch nicht. „Bernhard muss also noch irgendwo da draußen liegen“, zog Vermeulen nachdenklich sein Fazit. „Und ich habe noch viele Fragen. Die Suche ist noch nicht zuende.“

Informationen zum Musiker, seiner Recherche und dem Album unter www.krieg1916.nl