Kriegsende in Berghausen

Die Soldaten ließen zwei Kisten Apfelsinen da

BERGHAUSEN. Der Heimatverein Siebengebirge lässt in dem Heft "Kriegszeiten in Königswinter-Berghausen" 41 Zeitzeugen berichten.

Herbert Krämers Großmutter stellte im März 1945 im Keller ihres Hauses eine Kerze auf. Dazu sagte sie: "Wenn die abgebrannt ist und die amerikanischen Soldaten waren bis dahin noch nicht da, sind wir verloren." An diese Worte erinnert sich der Altbürgermeister von Königswinter noch ganz genau. "Jede weitere Stunde bedeutete auch weitere Kämpfe und Bomben. Tatsächlich wurde unsere Bitte erhört. Kurz bevor das Kerzenlicht erlosch, kamen die ersten Amerikaner und der Kampf um unser Haus war beendet. Am 20. März 1945 wurde Berghausen erobert." Das Hoffnungslicht ist auch auf dem Titel des Buches zu sehen, das Herbert Krämer, damals noch keine acht Jahre alt, unter dem Dach des Heimatvereins Siebengebirge herausgegeben hat: "Kriegszeiten in Königswinter-Berghausen - Zeitzeugen berichten."

Alfons Wegen (82) und Richard Christoffel (86) waren nun stellvertretend für alle bei der Vorabpräsentation des spannenden Schmökers in der Gestecketenne dabei. Am Jahrestag selbst wird der Bürgerverein eigens ein Zelt für die Buchvorstellung aufbauen. Ein Dorf erinnert sich.

Wie aufwühlend diese Ereignisse auch 70 Jahre später noch sind, zeigt sich bei den lebhaften Erzählungen. Heute staunt Richard Christoffel offensichtlich selbst über sich, wie leichtfertig er damals während des Artilleriebeschusses im Freien unterwegs war. "Das Eisen ist um mich herumgeflogen. Ich hatte keine Angst." Die hatte er jedoch um seinen Vater, als deutsche Soldaten hinter dem Haus der Familie ein Funkgerät aufbauten und sein Vater sie daran hindern wollte. Christoffel: "Die Amerikaner hatten ein elektronisches Gerät, mit dem sie die Standorte solcher Funkwagen feststellen konnten." Herbert Krämer: "Wurden die Wagen geortet, warfen die Amerikaner in kurzer Zeit Bomben drauf. Dadurch sind auch in Berghausen einige Gehöfte völlig zerstört worden."

Alfons Wegen berichtete: "Wir hatten einen Funkwagen bei uns im Hof. Die Soldaten waren am 11. bei uns eingerückt. 24 oder 25 Soldaten lagen bei uns im Keller. Wir haben in der Nacht vom 12. auf den 13. März einen Feuerüberfall bekommen, plötzlich schlugen Granaten bei uns ein, die Scheune ist in Brand geraten."

Herbert Krämer schilderte ebenfalls eine Episode. Als ein deutscher Soldat seinen Funkwagen an ihrem Haus abgestellt hatte, sagte sein Großvater: "Denken Sie daran, in unserem Keller sind 27 Menschen untergebracht." Krämer: "Der Soldat zückte die Pistole, stellte sich vor meinen Opa und sagte: ,Wir haben kein Heim mehr, Sie brauchen auch keines mehr!? Das lag sicher an den wahnwitzigen Durchhalteparolen aus Berlin."

Die Männer fragten sich, was wohl aus den beiden Soldaten geworden sein mag, die eigentlich die Logebachtalbrücke hätten sprengen sollen, aber unverrichteter Dinge zurückkehrten, oder aus dem jungen deutschen Soldaten, den Richard Christoffels Vater im Kohlenkeller versteckte, bis der Nachbar drohte, ihn deshalb anzuzeigen. Alfons Wegen erzählte von etwa 15 Soldaten mit Maschinengewehren. "Die hatten sich am Waldrand eingegraben." Um den 17. März herum trugen zwei Soldaten einen verwundeten Kameraden in den Keller. Nachdem die Männer ihn zum Hauptverbandsplatz gebracht hatten, kehrten sie zurück. "In unserem Keller kamen sie in Gefangenschaft. Die Amerikaner pochten an die verschlossene Tür, durchschossen das Schloss und schlugen die Tür mit einem Gewehrkolben auf. Meine Mutter winkte mit einem weißen Tuch in der Hand. Die beiden deutschen Soldaten wurden von Offizieren befragt und dann mussten sie sich draußen in einer Reihe von Gefangenen einfügen." Die Kameraden am Waldrand waren alle gefallen. "Kaplan Düster hat sie zusammengesucht."

Als die Amerikaner, die sich von Nonnenberg und von Hühnerberg her Berghausen genähert hatten, an das Christoffel-Haus gelangten, sagte Richard: "No german soldier!" Im Ehestandsbuch der Eltern zeigte er seinen Eintrag. Damit waren die Soldaten zufrieden. Sie blieben im Haus, Richards Familie ging für zwei Tage in einen Stollen im Wald und wurde dann von Alfons' Mutter aufgenommen. Bei der Rückkehr gab's eine Überraschung. Christoffel: "Die Soldaten hatten uns zwei Kisten herrliche Apfelsinen dagelassen, und zwei Blechkisten mit Kakaopulver. Die wollten uns etwas Gutes tun." Damit es nicht auffiel, arrangierten sie die Kisten als beschädigt. Ein spannendes Buch. Ein Bonbon darf vorab nicht verraten werden. Nur soviel: Berghausen machte quasi "Schlagzeilen".

Die Buchvorstellung ist am Freitag, 20. März, 18 Uhr im Zelt auf dem Dorfplatz. Das Werk ist dort für 9,70 Euro erhältlich, im Buchhandel für 13,75 Euro.

 

Das Buch

Das 174 Seiten umfassende Heft dokumentiert die Erinnerungen von 41 Frauen und Männern aus den Kriegsjahren 1942 bis 1945. Herbert Krämer schöpfte dabei aus Tonbandaufnahmen, die 50 Jahre nach Kriegsende in einer Bürgerversammlung aufgenommen wurden und nun wörtlich nachzulesen sind. Seinem Aufruf im vergangenen Jahr folgten weitere Berichte. Ergänzt wurde dieses Material mit einem umfassenden Aufsatz über die Kriegszeiten in Oberpleis und den umliegenden Dörfern von Pfarrer Hans Wichert. Mit 115 Fotos werden die Texte bereichert. Wichtigstes Ziel des Buches ist es, die Lebensumstände konkret zu schildern, die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs auf die Familien festzuhalten und die Erinnerung daran wachzuhalten.

Krämer: "Ich hoffe, dass wir uns darüber im Klaren sind, dass die lange Zeit des Friedens und der Freiheit in unserem Land nicht selbstverständlich ist." Er dankte allen Unterstützern: Elke Wasserheß, Reinhard Becker, Elmar Heinen, Jakob Sieger, Klaus Breuer, Ralf Klodt und Dorothee Gasch sowie den Sponsoren - den Bergbahnen im Siebengebirge AG, der Lemmerz-Stiftung, der Kreissparkasse Köln und der Basalt-Actiengesellschaft Linz.