Einrichtung für Schulverweigerinnen

Das MUT-Projekt feiert Jubiläum

Einrichtungsleiter Dietmar Willmann und Schülerinnen beim Anschneiden der Geburtstagstorte.

Einrichtungsleiter Dietmar Willmann und Schülerinnen beim Anschneiden der Geburtstagstorte.

OBERDOLLENDORF. Vor zwei Jahren hatte Elisabeth große Probleme mit ihren Eltern. Wenn es mal wieder Streit gab, ging das damals 13-jährige Mädchen aus dem östlichen Rhein-Sieg-Kreis nicht zur Schule, um so ihren Frust abzubauen.

"Außerdem fand ich es cool, die Schule zu schwänzen, weil es alle gemacht haben", erzählt sie. Als die Schulverweigerung chronisch wurde, schaltete sich das Jugendamt ein.

"Die haben mich vor die Wahl gestellt: Ab ins Heim oder am MUT-Projekt im Jugendwohnen St. Sebastian teilnehmen", erinnert sich das Mädchen. Inzwischen ist Elisabeth 15 Jahre alt und seit einem Jahr in Oberdollendorf. Am Mittwoch feierte das Projekt - MUT steht dabei für Mädchen, Unterricht und Training und soll Schulverweigerinnen wieder an eine Regelschule heranführen - seinen zehnten Geburtstag.

Bei rund 70 Prozent der bisher rund hundert Mädchen war das Projekt erfolgreich. "Ich wurde hier ganz anders aufgenommen. Die machen sich ein eigenes Bild, haben viel mehr Geduld. Und man kann dort über alle Probleme reden", sagt Elisabeth auf die Frage nach dem Unterschied zur Realschule, die sie vorher besucht hatte. Was auch nicht verwunderlich ist. Schließlich können sich hier drei Sozialpädagogen und zwei "halbe" Lehrer, deren Stellen zwischen dem MUT-Projekt und der Hauptschule Oberpleis beziehungsweise der Drachenfelsschule aufgeteilt sind, um zurzeit elf Schülerinnen kümmern.

"Das ist hier ein klein bisschen wie eine Familie und ein Zuhause", erzählt Elisabeth. Sie meint das, was sie unter einer perfekten Familie versteht. Wobei sich das Verhältnis zu ihren Eltern gebessert habe, seit sie wieder Spaß am Unterricht hat. In einem halben Jahr will die 15-Jährige, die jetzt Altenpflegerin werden möchte, wieder in eine Regelschule gehen.

Diesen Sprung hat Olga bereits geschafft. Auch sie ist 15. Mit zwölf Jahren hatte sie immer häufiger die Gesamtschule geschwänzt. Zu den Problemen mit den Lehrern kamen die mit ihrer Pflegefamilie. Das Jugendamt legte Olga damals zunächst das Jugendwohnen in Oberdollendorf und dann auch das MUT-Projekt nahe. "Die Leute hier haben es geschafft, wieder mit mir zu reden. Ich habe hier zu den Menschen viel mehr Vertrauen", sagt sie.

"So etwas sollte in jeder Stadt angeboten werden"

Durch einen Intensivunterricht in den letzten Monaten vor dem Wechsel schaffte sie vor einem Jahr den Übergang zur Hauptschule. "Anfangs war das schwierig, sich wieder an die große Klasse zu gewöhnen. Aber jetzt gefällt es mir da", sagt sie. Nach dem Abschluss möchte sie auf einem Berufskolleg den Realschulabschluss nachholen und später einmal Erzieherin oder Sozialarbeiterin werden.

"So etwas wie das MUT-Projekt sollte in jeder Stadt angeboten werden", sagen beide. Die Initiatoren Dietmar Willmann, Leiter der Einrichtung, und Barbara Kahlen, die damals Schulrätin war und heute Regierungsschuldirektorin bei der Bezirksregierung ist, müssen sie nicht überzeugen.

In Oberdollendorf werde "eine gute Basis für ein selbst gesteuertes und selbst entschiedenes Leben später als Erwachsene" gelegt, meinte Kahlen. Franziska Müller-Luhnau von der Drachenfelsschule sprach von "einer ganz, ganz großen Chance für die Jugendlichen und für uns alle hier" und "von einem Stück gelungener Inklusion". Auch für Harry Wolff, Geschäftsführer vom Trägerverein Heimstatt Bonn, ist es ein Erfolgsprojekt. Das gelte auch für das Jugendwohnen St. Sebastian. Dort leben 28 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 13 und 19 Jahren in Wohngruppen.

Kurz gefragt

Wie viele Mädchen nehmen zurzeit am MUT-Projekt teil?
Dietmar Willmann: Elf, die im Rahmen der Tagesgruppe betreut werden. Zwei von ihnen wohnen auch bei uns, neun weitere in der Region. Die Mädchen bleiben in der Regel zwischen einem halben und eineinhalb Jahren bei uns.

Wie alt sind sie?
Willmann: Zurzeit 14 bis 16 Jahre. Wir können ab der fünften Klasse aufnehmen. Die Schulabsenz beginnt aber meistens im sechsten oder siebten Schuljahr. Es dauert oft auch ein bisschen zu lang, bis die Hilfe installiert wird.

Mit welchen Schulen kooperieren Sie?
Willmann: Mit der Drachenfelsschule und bisher mit der Hauptschule Oberpleis. Dies endet aber leider mit diesem Schuljahr, weil die Schule ja ausläuft. Künftig arbeiten wir mit der Bonner Karl-Simrock-Hauptschule zusammen. Die Hauptschule Oberpleis war für uns eine ganz wichtige Kooperationsschule, die jetzt wegbricht. In der Regel führen wir in Haupt- oder Realschulen zurück, ganz selten mal in Gesamtschulen. Das Wichtigste an unserem Projekt ist die Rückführung an eine Regelschule.

Warum arbeiten Sie nicht auch mit der Gesamtschule Oberpleis zusammen?
Willmann: Dadurch, dass die Gesamtschule keine Möglichkeit hat, während des Schuljahres Schüler aufzunehmen, ist eine Kooperation nicht sinnvoll.

Warum haben Sie nur Mädchen?
Willmann: Als reines Projekt für Mädchen können wir sie zielgerichteter fördern und besser an das schulische Lernen heranführen.