Gespräch mit Jörg Erich Haselier

"Wegducken war nicht, sondern Vollgas"

Am Ziepchesbrunnen: Jörg Erich Haselier steht seit 2008 an der Spitze des Bürger- und Ortsvereins Rhöndorf.

Am Ziepchesbrunnen: Jörg Erich Haselier steht seit 2008 an der Spitze des Bürger- und Ortsvereins.

RHÖNDORF. Eine Gruppe Schüler strömt ins Café Profittlich. Jörg Erich Haselier fängt die Konversation auf, wechselt mitten im Satz ins reinste Französisch. Was der Anlass ihres Besuches ist, will er wissen. Die Antwort freut den Vorsitzenden des Bürger- und Ortsvereines Rhöndorf: Die Gruppe war gerade im Adenauerhaus, schaut sich nun den Ort an. Seit 2008 steht Haselier an der Spitze des Vereines. Ende April wird er sein Ehrenamt abgeben. Eine erste Bilanz zog Haselier jetzt im Gespräch.

Wie kam es, dass Sie seinerzeit den Vereinsvorsitz übernommen haben?
Jörg Erich Haselier: Peter Profittlich hatte mich seinerzeit angesprochen. Ich habe mir damals schon Bedenkzeit ausgebeten. Aber ich bin der Überzeugung, dass man, wenn man sich für den Ort, in dem man lebt, interessiert, auch etwas tun muss. So viel ich beruflich unterwegs bin, war es mir doch sehr wichtig, dass Rhöndorf mir nicht nur "Schlafstatt" ist, sondern ich mich aktiv einbringe.

Würden Sie zustimmen, dass der Verein sich gewandelt hat?
Haselier: Was die Arbeitsschwerpunkte angeht, trifft das zu. Früher waren das vor allem Brauchtumsveranstaltungen und die Ortsverschönerung. Zugleich gab es viele Ideen, wie man auch neue Schwerpunkte setzen kann.

Zum Beispiel?
Haselier: Das Thema Wein ist ein ganz wesentliches. Im Juni 2008 haben wir die ersten Stöcke am Lehrweinberg gesetzt. Ich erinnere mich sehr gut, am selben Tag war der Vorstand beim mittlerweile verstorbenen Ehrenvorsitzenden Josef Aenstoots zu Gast. Er war voll bei der Sache. Das Gespräch und auch der Einsatz Vieler danach haben gezeigt: Das Thema trägt über die Generationen.

Der Wein sollte in anderem Zusammenhang wichtig werden? Stichwort Siegfriedfelsen.
Haselier: Natürlich haben wir gedacht, dass wir mit dem Thema Wein nur im Positiven zu tun haben würden. Alles andere war ja nicht prognostizierbar.

Dazu später mehr. Wie ging es los am Lehrweinberg?
Haselier: Am Anfang stand die Idee, dann mussten wir eine Fläche haben. Der Verein hat sie von der Stadt gepachtet. Zum Glück konnten wir bei der Realisierung des Lehrweinbergs auf die große Erfahrung von Götz Teichgreeber bauen. Wir sind von null auf hundert zu Hobby-Winzern geworden. Vorher konnte man, was Wein angeht, eher mit Geschmackserfahrungen glänzen. Das Handwerkliche war nicht vorhanden. Die fachkundige Hilfe und das dauerhafte Engagement Vieler bei der Umsetzung haben das Projekt dann erst möglich gemacht.

Ausbau inklusive?
Haselier: Ja. 2010 haben wir unsere kleine Steillage dazugepachtet, dann mit einer Spende der Sparkassenstiftung die alte Weinbergsmauer hergerichtet. 2011 haben wir unseren ersten eigenen Wein gekeltert. Nicht viel, aber immerhin. Und schauen Sie sich den Weinberg heute an. Wir sind sehr stolz darauf. Der Wein gehört zu Rhöndorf, auch am Ulaneneck. Wein war ein Leitthema auch für mich, mehr noch: eine regelrechte Überzeugungstat.

Zugleich waren Sie im Stadtrat tätig. Gab es Überschneidungen?
Haselier: Sicher gab es die, das ließ sich nicht immer vermeiden. Man kann ja nicht andauernd zwei Hüte aufhaben. Aber ich habe die beiden Ehrenämter immer so gut als möglich getrennt. Übrigens fand ich es in der Rückschau viel einfacher, als Vereinsvorsitzender Stellung zu beziehen als als Vertreter einer Partei im Stadtrat. Es ist halt das Wesen des Vereins: Er ist überparteilich, wir setzen uns für unseren schönen Ort ein, frei von politischer Farbenlehre. Und das ist, denke ich, immer gelungen.

Ist der Verein dennoch politischer geworden?
Haselier: Ja, aber nicht im Sinne von Parteipolitik. Es geht darum, als Verein, als Bürger zu sagen, wie wollen wir, dass unser Ort aussieht. Und dafür muss man auch mal unbequem sein. So gibt man den Verantwortlichen Impulse. In diesem Sinne ist der Verein schon politischer geworden.

Ein Impulsgeber war der Verein auch, als es um die Rettung des Weinbaus ging, Demo und Aktion "Rettet den Wein" inklusive?
Haselier: Und dafür gab es durchaus auch Kritik. Warum macht ihr das für zwei Winzerbetriebe?, wurden wir gefragt. Dabei, das ist meine Überzeugung, ging es doch immer um weit mehr: den Erhalt der Kulturlandschaft, den Identitätsstifter Nummer eins. Wir waren extrem gefordert, sowohl bei der Debatte im Verein als auch darüber hinaus. Wir mussten sehen, wie man einen Ausgleich schafft. Sich empören, gegen etwas sein, das ist immer der einfachere Weg. Ausgleichen, das ist viel schwieriger. Aber nur so kann man etwas bewegen und eine Lösung finden.

Dann war die Lösung auch ein Verdienst der Diplomatie?
Haselier: Eher der Hartnäckigkeit aller Beteiligten. Und wenn es nicht gelungen wäre, eine so breite Öffentlichkeit herzustellen, wäre es auch nicht gelungen, den Druck auf die Geldgeber auszuüben und aufrecht zu erhalten.

Ein Wermutstropfen ist die dauerhafte Sperrung eines Teils des mittleren Weinbergsweges?
Haselier: Vor allem was diesen Teilaspekt angeht, hätte die Kommunikation besser sein müssen. Wir haben von Anfang an ganz klar gemacht, dass die Erlebbarkeit der Kulturlandschaft wichtig ist. Das war auch der erste Auslöser für unsere Petition, die um die Rettung des Weinbaus erweitert wurde.
Dass jetzt ein Weg gekappt ist, bleibt ein Wermutstropfen - und ich bin mir ganz sicher, dass so etwas in einem anderen Bundesland anders gehandhabt worden wäre. Auch über die Ästhetik des Zauns braucht man nicht zu streiten.
Trotzdem: Wenn wir nichts unternommen hätten, wäre es sehr fraglich gewesen, wie viele Lesen es noch gegeben hätte. Wegducken war nicht, sondern Vollgas.

Auch die fehlende Barrierefreiheit am Bahnhof hat den Petitionsausschuss beschäftigt.
Haselier: Ich habe nicht den Anspruch, so etwas wie ein Petitions-Junkie zu werden. Aber das Thema ist sehr wichtig, alle Vereine, die Kirche, die Feuerwehr, der ganze Ort unterstützt die Petition. Und auch die Reaktion der Vorsitzenden des Petitionsausschusses, Rita Klöpper, die an unserer Seite ist, zeigt: Inklusion ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Der Erfolg ist bislang ausgeblieben. Verliert man da nach Jahren nicht irgendwann die Lust?
Haselier: Was den Bahnhof angeht, waren wir schon immer realistisch, weil die Bahn mit den geringen Fahrgastzahlen argumentiert. Sehr positiv ist, dass Bürgermeister Neuhoff dem Rhöndorfer Bahnhof Priorität eingeräumt hat. Auch sonst hat die Stadt ihre Hausaufgaben gemacht, ein Grundstück zur Verfügung gestellt, Pläne priorisiert. Vertreter des Kreises, etwa Landrat Schuster als VRS-Verbandsvorsteher und Kreistagsmitglied Oliver Krauß, der Mitglied der NVR-Zweckverbandsversammlung ist, werden ebenfalls hinschauen. Und die Rhöndorfer bleiben am Ball.

Das gilt auch für positive Dinge wie die Heimatstube?
Haselier: Das ist etwas, das mir ganz besonders am Herzen liegt. Wir machen als nächstes die Weinbauausstellung. Grundsätzlich schwebt mir kein Heimatmuseum im herkömmlichen Sinne vor, sondern ein frischer, funktionaler Raum. Das wäre eine tolle Verbindung, oben die Dauerausstellung Penaten, ein Stück Wirtschaftsgeschichte, unten ein Raum für wechselnde Präsentationen. Und dann wäre da noch Chance 7, die Weinbergpfirsiche am Adenauer-Weg. Auch dieses Projekt ist mir wirklich wichtig.

Das klingt nicht nach Abschied?
Haselier: Ich hatte 2008 nicht die Planung, das ewig zu machen. Und es ist doch so: Der Verein ist gut aufgestellt. Es gibt einen, auch verjüngten, sehr engagierten Vorstand, viele Leute, die mitmachen. Unseren Schriftführer Claudius Thiele zum Beispiel, der schon ein Insektenhotel und Steinkauzröhren mit Kindern gebaut hat. Er will eine Kinder- und Jugendgruppe im Verein aufbauen, die vorzugsweise draußen unterwegs ist. Und wenn das mal nicht geht, haben wir ja die Heimatstube.

Ein Amtsabschied also auch mit ein wenig Wehmut?
Haselier: (lacht) Meine Eltern haben mir, glaube ich, die Fähigkeit mitgegeben, mich in neue Sachverhalte einzuarbeiten. Wenn sie einen dann interessieren, umso besser. Insofern ist es ganz sicher dieses Ehrenamt, das einem am meisten zurückgibt. Aber wie gesagt: Der Verein ist gesund, es gibt tolle Themen. Und ich bin ja nicht aus der Welt.

Zur Person

Jörg Erich Haselier, geboren am 20. August 1968, kommt vom Niederrhein und lebt seit 2002 in Rhöndorf. Von 2004 bis 2014 saß er für die CDU im Stadtrat. Seit 2009 ist er direkt gewählter Kreistagsabgeordneter für Bad Honnef. Er studierte Geschichte, Politische Wissenschaften und Alte Geschichte in Aachen und Lüttich, arbeitete in der Region Aachen im Tagesjournalismus, hernach als hauptamtlicher Referent in der politischen Erwachsenenbildung. Heute ist er freiberuflicher Fachreferent für Betriebsverfassungsrecht und Arbeitsrecht