Willy-Brandt-Forum

Vom Brückenschlag der Geschichte

Christoph Charlier, Geschäftsführer des Forums, begrüßt Brigitte Seebacher in Unkel.

Christoph Charlier, Geschäftsführer des Forums, begrüßt Brigitte Seebacher in Unkel.

UNKEL. "Zwei Stränge waren schon immer in ihm verankert: das unbefangene Verhältnis zur eigenen Nation und die Überzeugung, dass man für den Frieden weit über den Tellerrand hinausschauen muss." Brigitte Seebacher war von 1983 bis 1992 Ehefrau von Willy Brandt (1913 bis 1992).

Bis zu seinem Tod lebten sie in Unkel. Das Unkeler Willy-Brandt-Forum, dem Seebacher seit dessen Gründung sehr verbunden ist, hatte die Historikerin jetzt zu einem Vortrag eingeladen. Thema des Abends: Willy Brandt, die deutsche Einheit und die Globalisierung.

"Es ist immer wieder schön, nach Unkel zurückzukommen", so Seebacher. "Daher war es auch nicht schwer, mich zu überreden, hierher zu kommen." Seebacher begann mit einem Hinweis auf die Rede Siegmar Gabriels zur 150 Jahr-Feier der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vor zwei Jahren, die "ganz fabelhaft war, keine Frage". Dennoch habe sie sich gefragt, warum Gabriel seine Rede so abrupt habe enden lassen, ohne zu artikulieren, "was die Geschichte der SPD für die Partei heute bedeutet. Was bedeutet sie für uns?"

Eine Frage, die Seebacher immer wieder aufgriff. Seebacher ist Historikerin. Selbstredend habe Geschichte für sie und Menschen ihrer Profession einen Wert an sich. Aber sie fragte in die Runde, welchen Wert das Rekapitulieren vergangener Zeiten und Zusammenhänge hat, wenn nicht den, eine Lehre oder zumindest eine Lesart für die Gegenwart zu bieten. Seebachers Vortrag bot genau das, und er sprudelte über vor historischen Schauplätzen, gesellschaftlichen Umbrüchen und Anekdoten.

Sie zog die Zuhörer in den Bann, kenntnisreich und lebendig, gespickt mit Komponenten wie dem Brandt-Zitat "Nichts wird, wie es war" - ein Zitat, so Seebacher, "welches zu verstehen mich jahrelang beschäftigt hat". Die Historikerin rief zudem Vieles in Erinnerung, das zum Verständnis Brandts unerlässlich ist. Seine Scham gegenüber Nazi-Deutschland etwa, die seinem Nationalstolz aber nicht entgegenstand. Oder seinen Einsatz für den Nord-Süd-Ausgleich, der zu schwerwiegenden Missverständnissen geführt habe. Denn dass er über den nationalen Tellerrand geschaut habe, habe viele Zeitgenossen zu dem Fehlschluss verleitet, er interessiere sich nicht mehr für die innenpolitische Lage Deutschlands.

"Schon immer war für Willy Brandt ein Weltfrieden nicht nur abhängig von der Verteilung der Atomwaffenkontrolle unter den damaligen Großmächten. Der Weltfrieden war für ihn auch abhängig von Hunger, Umweltzerstörung und Klimawandel", so Seebacher. Der Tag, an dem die Mauer fiel, sei "die Vollendung seines Lebenswerkes gewesen", sagte Seebacher.

Zwar habe er den Begriff Wiedervereinigung "gehasst": Für ihn sei das Ereignis keine Rückkehr zu einem imaginären Status quo vor dem Bau der Mauer gewesen. "Es hat dieses Wort stets vermieden. Einige Male hat er Neuvereinigung gesagt - ein hässliches Wort, das auch keinen Anklang fand." Jedoch: Für ihn sei es kein "Wieder" gewesen, weil sich zu viel geändert habe. Darunter die Demokratie, eine, die so verankert war, dass sie für Brandt "keinen Unterschied machte zu denen in England oder Frankreich". Nicht zuletzt das Eingebettetsein in europäische und globale Zusammenhänge habe es in dieser Form zuvor nicht gegeben.

Wie sie in Unkel gelandet seien, fragte Christoph Charlier, Geschäftsführer des Forums, stellvertretend für Hunderte Gäste. "Ich fürchte, ich muss Sie alle enttäuschen", so Seebacher: "Es war reiner Zufall. Wir haben eine Anzeige im General-Anzeiger gelesen." Jedoch: Einmal in Unkel, habe Willy Brandt dort sofort Wurzeln geschlagen. "Es gefiel ihm sehr, auf dieser Seite des Rheins zu leben, eine Distanz zum politischen Leben in Bonn zu haben."

Und was konnte man nun - ganz im Sinne Seebachers - in die Gegenwart transportieren? Es ist wichtig, über den nationalen Tellerrand zu blicken. Kriege überall auf der Welt erreichen längst die Mitte der hiesigen Gesellschaft. Und um erneut mit Willy Brandt zu sprechen: "Nichts wird, wie es war."