TV Eiche

Selbstverteidigungskurs - Der Böse verliert

Christian übt abrollen, Richter und sein Co-Trainer Andreas Moritz schauen zu.

BAD HONNEF. Ich bin der Böse. Der, der ausrastet und der auf Krawall aus ist. Einfach so, grundlos. Ein unsympathischer Kerl ist das, den ich da spielen soll, ein rüder Schläger. Wie man ihn aber überall treffen kann: in der Kneipe, auf dem Sportplatz, in der Straßenbahn.

Ich gehe auf den Mann, der einen Kopf kleiner ist als ich und somit scheinbar ein leichtes Opfer, zielstrebig zu, hole mit der rechten Hand aus, ohrfeige ihn, oder besser: versuche es. Sein linker Arm schnellt hoch, wehrt meine Hand ab. Seine rechte Faust schlägt fast zeitgleich auf meinen Solarplexus.

Was dann passiert, geht zu schnell, um es detailreich zu beschreiben. Ich weiß nur: Ich wirbele durch die Luft, liege bäuchlings auf der roten Gummimatte. Meinen rechten Arm hat mein Rivale nach hinten gedrückt. Ich bin kampfunfähig, lache, obwohl meine missliche Lage alles andere als lustig ist. Er könnte mir jetzt die Schulter auskugeln, mir den Arm brechen - doch er tut es nicht. Der Mann weiß, wann Schluss ist und dass dies hier gottlob nur eine Übung ist.

Der Mann, der alles andere als ein Opfer ist, heißt Thomas Richter, ist 46 Jahre alt und unterrichtet Selbstverteidigung beim TV Eiche und im Bornheimer Ortsteil Roisdorf. Die Kunst, die er beherrscht, ist eine Mischung aus den Elementen der Kampfsportarten Shaolin Kung Fu, Ju-Jutsu und Kung Fu Dju Su. Noch Fragen? Ich verstehe jedenfalls nur Japanisch, aber darauf kommt es ja gar nicht an: Ich will lernen, wie ich mich wehren kann, wenn einer austickt und mich verprügeln will. Nur deshalb bin ich hier. Und lerne meine Lektionen.

Lektion eins: Wer lernen will, sich selbst zu verteidigen, muss nicht erst verprügelt worden sein. Ob Viktoria oder Klara, Christian oder Alexander: Sie sind neun Jahre alt oder zwölf. Sie alle haben einen weiß-gelben Gürtel. Und ihre Mütter schauen zu. "Neulich hat sich Christian dank der Technik, die er hier gelernt hat, aus einem Schwitzkasten befreit", schwärmt seine Mutter. Andreas Moritz, der Co-Trainer, erzählt, dass er noch nie sein Können anwenden musste. Eine Rangelei, ja, die habe es mal gegeben, aber nichts Bedrohliches. Sonja ist 40 Jahre alt, 154 Zentimeter groß, arbeitet in einer Apotheke. Oft geht sie im Dunkeln heim. "Ich will vorbereitet sein, wenn mal was passiert", sagt sie.

Lektion zwei: Wer lernen will, sich selbst zu verteidigen, muss sich gut aufwärmen. "Die Zeit habt ihr bei einer Konfrontation natürlich nicht", gibt Thomas Richter zu, doch vor der Übung ist das Aufwärmen Pflicht. Richter gibt Vollgas, macht schließlich 30 Liegestütze in 30 Sekunden. Merke: Wer gelernt hat, sich zu verteidigen, hat eine enorme Schnellkraft.

Lektion drei: Wer lernen will, sich selbst zu verteidigen, muss anfangs viel einstecken. Wer nicht hören will, muss fühlen? Die Regel gilt hier nicht. Jeder muss fühlen, und den Täter spielen. Denn der Täter verliert immer, zumindest in dem mit Matten ausgelegten Übungsraum. Ich fliege und fliege, liege platt auf dem Boden, drei, fünf, am Ende sicher 15 Mal. "Wichtig ist, den Kopf zu schützen. Damit musst du denken, gerade in einer Stresssituation", rät Richter.

Lektion vier: Wer sich wehrt, sollte keine Spuren hinterlassen. "Wer blutet, ist für die Zeugen oft das Opfer", erklärt Richter. Außerdem sei der Solarplexus ohnehin viel effektiver. Der liegt zwischen den Brustmuskeln, am Übergang vom Brustkorb zur Magengrube. Trifft man seinen Angreifer dort, wird diesem mindestens schwindelig. Thomas Richter demonstriert es nur in Zeitlupe. Gut so: Durch die Fliegerei dreht sich bei mir eh schon alles.

Lektion fünf: Wer beim TV Eiche lernt, sich selbst zu verteidigen, lernt auch zu deeskalieren. "Man wird hier kein Rambo", spottet Richter, "auch wir können nicht jeden abwehren. Wenn hier zehn Hells Angels vor mir stehen, werde auch ich versuchen, Land zu gewinnen." Sie bringen uns bei, verbal zu schlichten, zu beruhigen.

Lektion sechs: Wer lernt, sich selbst zu verteidigen, geht selbstbewusster durchs Leben. "Angreifer suchen Opfer, keine Gegner. Allein die entsprechende Körpersprache schreckt potenzielle Täter ab", weiß Richter. Vermehrt fehle Kindern und Jugendlichen jegliche Körperbeherrschung. Er selbst sei drei Mal in eine heikle Situation geraten. Der 1,70-Meter-Mann blieb in der Auseinandersetzung stets unverletzt.

Lektion sieben: Wer lernen will, sich selbst zu verteidigen, braucht Geduld. Nach der ersten Übungseinheit überwiegt noch die Überforderung. "Nach zehn Stunden würdest du erste Fortschritte erkennen", sagt Co-Trainer Moritz, "und nach eineinhalb Jahren wirst du es in der Praxis anwenden können."

Bis dahin, das nehme ich mir vor, laufe ich lieber davon, wenn mich jemand angreift. Eine Schnupperstunde lohnt sich aber allemal. Denn eines kann ich versprechen: Die zwei Stunden vergehen buchstäblich wie im Flug.