Ratssaal in Bad Honnef

Schriftsteller Frank Günther stellt "Unser Shakespeare" vor

Flotter Erzähler: Frank Günther agierte meistens im Stehen und unterhielt sein Publikum aufs Beste. FOTO: FRANK HOMANN

Flotter Erzähler: Frank Günther agierte meistens im Stehen und unterhielt sein Publikum aufs Beste.

BAD HONNEF. "Unser Shakespeare", den Titel für sein Buch hat Übersetzer Frank Günther sehr geschickt gewählt. Da fühlt sich der Münchner genauso mitgenommen wie der Görlitzer und - Ja! - der Bad Honnefer natürlich auch.

Im Ratssaal also berichtet dieser Günther, Jahrgang 1947, auf Einladung von Kulturring, Buchhandlung Werber, Literatur im Siebengebirge und dem Förderverein der Stadtbücherei, was es auf sich hat mit diesem Meister der Feder und inwiefern dessen umfangreiche Werke heute immer noch den Menschen tangieren.

Vor allem aber demonstriert Frank Günther, der zunächst als Regisseur arbeitete, bevor er in den 1970er Jahren damit begonnen hat, Shakespeare zu übersetzen, eines: die Qualen eines Übersetzers. Was der Mann in Bad Honnef aufs Parkett legt, gleicht einem amüsanten Seelen-Striptease.

Mit Verve durchschreitet er zu Beginn den Saal, unterm Arm eine Ledertasche, und donnert ein Buch nach dem nächsten auf das Vortragspult. Der Werkzeugkoffer des Anglizisten offenbart sich dem Publikum aufs Staubigste: Wörterbuch, Schlegel-Übersetzung, ein bisschen was von Erich Fried, manches von Wieland, Selbstübersetztes.

Der Tisch ächzt, der Zuschauer lacht. "Ihnen wird das Lachen noch vergehen, wenn ich das alles vorlese", eröffnet Günther. Diese kölsche (also leere) Drohung des Schwaben bleibt unerfüllt. Stattdessen wird es lehrreich und an manchen Stellen "schmutzig bis ferkelig".

Der Gast des Abends, der beinahe alle Dramen Shakespeares ins Deutsche übertragen hat, muss sich von vielen Kritikern nämlich anhören, dass er diesen Auftrag wie ein spätpubertierender Sexprotz erfüllt hat: Wenn Frau und Mann unterm Mispelbaum liegen, "haben Sie da pornografische Fantasien?", fragt Günther.

Müsste man aber, denn im elisabethanischen Zeitalter war das ein ziemlicher klarer Hinweis darauf, was da vor sich ging. Anderes Beispiel, gleiche Richtung: Wo der Romantiker Schlegel mit Birnbaum übersetzte, lässt Frank Günther Mercutio sagen: "Ach, Romeo, wär sie ein Vögelbeerbaum doch/ Und du ihr Specht und hacktest froh dein Loch!" Das mit dem Übersetzen ist also eine ziemlich komplexe Angelegenheit.

Der Autor will sagen, er bemühe sich mit seiner Arbeit, dem modernen deutschsprachigen Leser zu vermitteln, was der Dramatiker seinerzeit wirklich meinte. Die Engländer, plaudert er, verstünden schon lange nicht mehr, was der mysteriöse Mann, der in diesem Jahr seinen 450. Geburtstag feiern würde, eigentlich im Einzelnen meinte. Denen fehlt die Übersetzung.

Bei allem Schmutzigen und Ferkeligen, was dieser Übersetzer von barocker Statur in deutsche Worte fassen musste, erlebte Frank Günther sein persönliches Waterloo bei einem Absatz, an dem er acht Stunden verzweifelt bastelte. Kurz bevor er das Handtuch schmeißen wollte, erinnerte er sich der deutschen Unsinnslyrik von Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz. In einer halben Stunde war der Text übersetzt. Am Schluss stand die Erkenntnis: "Es geht nicht, ohne die deutsche Sprache in den Irrsinn zu treiben."