Fall Anna

Neue Standards beim Jugendamt

"Die Maßnahmen dürfen kein Strohfeuer bleiben": Gutachter Professor Christian Schrapper (Bildmitte) stellte im Jugendhilfeausschuss seinen Bericht zum Fall Anna vor.

07.02.2014 KÖNIGSWINTER. Die Frage, ob das Pflegekind Anna noch leben würde, wenn das Jugendamt in Königswinter bereits vor vier Jahren nach den heutigen Standards gearbeitet hätte, kann niemand beantworten. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass das Martyrium des Mädchens in ihrer Bad Honnefer Pflegefamilie früher aufgefallen wäre, ist recht groß.

Zu diesem Ergebnis kam Professor Christian Schrapper bei seinem Bericht am Donnerstagabend im Jugendhilfeausschuss. Das Gremium hatte den Fachmann von der Uni Koblenz-Landau mit der Aufarbeitung des Falles beauftragt.

In Klausurtagen wurden mit den Mitarbeitern und der Leitung des Jugendamtes im vergangenen Jahr Abläufe für Hilfeplanverfahren und für den Fall einer möglichen Kindeswohlgefährdung entwickelt.

"Wir können nicht ausschließen, dass so etwas noch einmal passiert. Wenn wir nach diesen Verfahrensstandards gearbeitet haben, kann uns aber keiner mehr vorwerfen, dass wir uns nicht richtig verhalten hätten", sagt Christian Weuthen vom Jugendamt. Für die Mitarbeiter des Jugendamtes bedeutet die neue Struktur nach dem Tod des ihnen anvertrauten Mädchens Sicherheit für ihre tägliche Arbeit.

Die Einstellung des Strafverfahrens gegen die damals zuständige Sachgebietsleiterin wegen geringer Schuld hat auf den Prozess im Jugendamt keine Auswirkungen. "Die Frage, wie wir unser Jugendamt aufstellen, damit die Erfahrungen nachhaltig wirksam sind und die Maßnahmen kein Strohfeuer bleiben, ist auch in Königswinter eine Daueraufgabe", meinte Schrapper. Auch wenn sein Gutachten zu dem Ergebnis gekommen sei, dass formal keine Fehler gemacht wurden, so sei doch etwas erheblich falsch gelaufen.

"Alle Beteiligten haben sich von der Pflegemutter täuschen lassen." Gleichzeitig respektvoll mit den Menschen in Familien oder Pflegefamilien umzugehen und doch wachsam zu bleiben, sei eine dauerhafte Anforderung. "Die allermeisten Pflegefamilien sind ein Segen für die Kinder, es gibt aber auch dort, wie in normalen Familien, Übergriffe", so Schrapper. Der Stadt bescheinigt er, erhebliche Anstrengungen unternommen zu haben, um qualifizierte Instrumente im Umgang mit einer möglichen Kindeswohlgefährdung einzuführen.

Der Düsseldorf-Stuttgarter Kinderschutzbogen, den die Stadt einsetzt, genieße in diesem Zusammenhang bundesweit die größte Anerkennung. "Es geht dabei nicht nur um eine technische Checkliste. Sie setzt Beobachtung, Gespräche und Hausbesuche voraus", so Schrapper. Auch bei der Fallberatung, Diagnostik, Dokumentation und Aktenführung, regelmäßigen Risikoberichten oder der Trennung von Allgemeinem Sozialen Dienst und Pflegekinderdienst leiste die Stadt gute Arbeit. Der Experte zeigte sich beeindruckt, wie strukturiert diese Aufgaben in Königswinter verbunden und gestaltet werden.

Bei Weuthens Darstellung der neuen Verfahrensabläufe zeigte sich, dass in den verschiedenen Stadien nach Meldung einer möglichen Kindeswohlgefährdung immer wieder ein intensiver Austausch mehrerer Fachkräfte im Jugendamt stattfindet. Das war im Fall Anna noch anders. "Wie wäre der Fall abgelaufen, wenn es das heutige System damals schon gegeben hätte?", fragte Jörg Pauly (Fraktion Freie und Linke).

"Die Historie wäre abgebildet gewesen", antwortete Weuthen. Dann hätten dem Jugendamt etwa die Berichte aus dem Kinderheim, in dem Anna vorher lebte, vorgelegen. "Dann wäre vielleicht auch mehr Aufmerksamkeit für ein Kind, das solche Briefe schreibt, da gewesen", sagt Schrapper. Die Briefe, in denen Anna schrieb, dass sie nicht zu ihrer leiblichen Mutter zurückkehren wollte, wurden dem Mädchen von ihrer Pflegemutter diktiert, was aber niemandem auffiel.

Schrapper nahm die Jugendamtsmitarbeiter aber auch in Schutz. "Bei einem Fall wie Anna weiß man rückblickend, wo der Fehler war", meinte er. Christian Weuthen versicherte, dass heute bereits dem kleinsten Hinweis nachgegangen würde. "Wir fahren lieber einmal zu viel raus als zu wenig." Auch personell schlägt sich der Wandel im Jugendamt nieder. Der Allgemeine Soziale Dienst wird um eine auf dann sieben Stellen aufgestockt. Zurzeit läuft die Ausschreibung. "Sie sind auf einem guten Weg", attestierte Schrapper den Königswinterern. (Hansjürgen Melzer)