Einzelhandel geht online

Honnefer Kiezkaufhaus startet

Bad Honnef. Noch ist die neue Online-Plattform für Bad Honnefer Geschäfte, Dienstleister und Unternehmen ganz am Anfang. Rund 20 Einzelhändler werden mit an den Start gehen. Befürworter werben dafür, die Chance für diese neue Form der Kundenbindung zu nutzen.

Die Termine stehen fest. Mitte des Monats erfolgt der „Softstart“ zum neuen Kiezkaufhaus als Online-Ergänzung des stationären Einzelhandels, Ende November der endgültige Startschuss. Das Interesse der Einzelhändler ist allerdings bisher verhalten. Nur etwas mehr als zehn Prozent der potenziell 170 Betriebe ist wohl vom Start weg mit dabei. Für Wirtschaftsförderin Johanna Högner, Projektleiterin Andrea Hauser und Centrums-Chef Georg Zumsande ist das kein Grund, die Flinte ins Korn zu werfen.

Hauser: „Es ist ein Strukturprojekt im Aufbau. Anders gesagt: Wir müssen starten, damit das Kind das Laufen lernt.“ „Das Projekt ist erklärungsbedürftig, bisher noch abstrakt. Da läuft ganz viel in Einzelgesprächen“, sagt Högner. Wie berichtet, hat Bad Honnef im Kreis eine Vorreiterrolle. Denn: Für ihr Online-Projekt bekam die Stadt den Zuschlag für einen 100 000-Euro-Zuschuss aus dem Landesprogramm „Digitalen und stationären Handel zusammen denken“.

Mindestens die gleiche Summe investiert die Stadt. Und kann bei der Umsetzung auf Projektleitung und weitere professionelle Unterstützung, unter anderem durch Workshops mit Fachreferenten setzen – wie an diesem Mittwoch (siehe Infokasten). Ein Einstieg bleibe jederzeit möglich, so Högner. Aber: Besser sei, den „Startvorteil“ wie durch die Förderung zu nutzen.

Die Idee entstand in Wiesbaden

Die Idee für das Kiezkaufhaus entwickelte die Agentur Scholz & Volkmer Wiesbaden, 2015 ging es dort an den Start. Ziel ist ein gemeinsames interaktives Einkaufsportal, mit dem der stationäre Handel gestärkt und stabilisiert wird. Kunden aus dem Stadtgebiet können dabei über die Internetseite der Plattform „Mein Bad Honnef“ ab November Waren bei den beteiligten Geschäften bestellen.

Die Händler zahlen einmalig 450 Euro für die Erstpräsentation des anfangs 80 Produkte umfassenden Sortiments, monatlich 25 Euro sowie zehn Prozent Provision auf die über die Plattform erzielten Umsätze. Wird die Plattform nur als Online-Schaufenster genutzt, sind 15 Euro fällig. Wenn die Bestellung bis 13 Uhr erfolgt, kann am selben Tag per E-Lastenrad geliefert werden. Dafür zahlt der Kunde fünf bis sieben Euro.

„Man darf nicht erst handeln, wenn man mit dem Rücken an der Wand steht“, begründet Högner die Notwendigkeit des Projekts. Zumsande: „Der Weg ist das Ziel. Centrum hat schließlich auch mal klein angefangen. Man muss heute schon an morgen denken.“ Das gelte auch für Unternehmensnachfolgen, „denn der Generationenwechsel kommt“. Ohne zeitgemäße Konzepte seien dann Nachfolger kaum zu finden – ein Abwärtstrend, der schlimmstenfalls überschwappe.

Mancher Einzelhändler hat Vorbehalte

Zugleich gibt es Vorbehalte, weiß Zumsande. Was etwa, wenn man online längst aktiv ist? Hauser: „Viele haben Shops, das ist toll. Aber das Marketing ist für den Einzelnen viel zu aufwendig.“ Hier gelte es, Vorhandenes einzubinden, vom Shop bis zur „Lebensart“-Seite. Ist nicht das Internet der Feind des stationären Handels? Högner: „Amazon & Co. sind doch längst da. Gerade darum muss man die Stärken so platzieren, dass der Kunde wieder in der eigenen Stadt kauft.“

Die Kosten sind neben dem zusätzlichen Aufwand – gerade im inhabergeführten Handel – ebenfalls für viele ein Gegenargument, weiß Zumsande. Högner: „Natürlich gibt es so etwas nicht zum Nulltarif. Aber vergleichbare Plattformen kosten deutlich mehr.“ Manche befürchteten, das Projekt können eine Eintagsfliege sein – dem widerspreche schon die Nachweispflicht für die Fördermittel. Eine „ultimative Antwort“ gebe es sicher nicht. „Aber man darf auch nicht weiter abdriften.“

Die Zurückhaltung der Geschäftswelt ist kein Honnefer Phänomen, wie Kreiswirtschaftsförderer Hermann Tengler jüngst sagte. Nur sechs von 19 Kommunen im Rhein-Sieg-Kreis haben wie berichtet ein solches Online-Portal, und auch dort gelte: Die Einzelhändler reagierten abwartend, aus unterschiedlichsten Gründen.

Appell, über den Tellerrand zu schauen

Ralf Heuchert-Magnier kann das nicht nachvollziehen. „Das ist kein Wunschkonzert, das ist die Zukunft“, ist der Inhaber vom „L'Atelier de Cuisine“ am Markt überzeugt. Für ihn stand eine Beteiligung am Kiezkaufhaus nie infrage. Und durch die „hervorragende“ Begleitung im Workshop sehe er sich bestätigt. „Wir müssen die Stühle noch näher zusammenrücken, gerade in einer kleineren Stadt, branchenübergreifend. Selbst wir Einzelhändler wissen ja nicht alles, was es in Honnef gibt.“

Die Vision: „Geschichten erzählen“, über den eigenen Tellerrand schauen, Netzwerke statt Einzelkämpfertum. Besuch meldet sich an? Warum nicht Rezepttipps, die zeigen, wo es das passende Kochgeschirr gibt, die Gewürze, das Öl oder den korrespondierenden Wein – und alles für denselben Tag vor Ort ordern? Oder Modenschauen, die die Stadt virtuell und reell zum Laufsteg machen? Die Kunden informierten sich online, hätten aber den Mehrwert von Beratung und Kauferlebnis vor der Tür.

Heuchert-Magnier: „Wir können zeigen, wie groß die Auswahl ist. So etwas haben wir bisher nicht. Und es gibt in Bad Honnef so viel, darauf können wir doch stolz sein.“ Nicht zuletzt, so ist er überzeugt: Alle hätten gemeinsam eine Verantwortung für eine prosperierende Stadt. „Die Frage ist: Sitze ich im ersten Zug oder renne ich hinterher? Es gibt für nichts Garantien. Aber hinterherrennen ist keine Lösung.“