Grundschule Am Reichenberg

Erst- bis Viertklässler lernen in Bad Honnef gemeinsam

Bad Honnef. Seit vergangenem Schuljahr sitzen in der Grundschule Am Reichenberg Schüler von der ersten bis zur vierten Klasse gemeinsam auf der Schulbank. "Jahrgangsübergreifender Unterricht" heißt das Stichwort. Die Bilanz nach dem ersten Jahr fällt bei den Beteiligten durchaus positiv aus.

In der Tiger-Klasse ist gerade Frühstückspause. Bevor Laurin in sein Brot beißt, zeigt er Carmen Otto noch das Arbeitsblatt, mit dem er sich gerade beschäftigt. Thema: deutsche Grammatik. Die Lehrerin wirft einen prüfenden Blick auf das Ergebnis. „Gut gemacht“, lobt sie. Im Morgenkreis am darauffolgenden Tag will die Pädagogin gleich noch einige Besonderheiten der deutschen Sprache mit den Jungen und Mädchen besprechen: Wann man ein Wort mit „x“ schreibt, und wann mit „chs“, zum Beispiel.

Die Klasse, die ihr dabei gegenübersitzt, ist auf ihre Art auch etwas Besonderes, denn in der Gemeinschaftsgrundschule (GGS) Am Reichenberg lernen Erst- bis Viertklässler gemeinsam. Die Bilanz nach zwölf Monaten jahrgangsübergreifenden Unterrichts? „Positiv“, sagen Lehrer, Eltern und Schüler.

„Jedes Kind ist anders“ – das ist einer der Kerngedanken, den Schulleiterin Nicola Kiwitt und das Kollegium mit ihrem Konzept aufgreifen, dessen Planungen bereits 2012 begannen. Das Thema Inklusion, Schüler, die Lerninhalte schnell auffassen, andere, die mehr Zeit brauchen, Kinder mit Migrationshintergrund: Allesamt Aspekte, die in das neue Schulprogramm einflossen und zum Abschied vom herkömmlichen Klassenverband führten. „Eine Schule für alle Kinder“ lautete schließlich auch der Titel des Konzepts, das die Schulkonferenz im Herbst 2014 mit großer Mehrheit auf den Weg brachte und zum Schuljahr 2016/17 in die Tat umgesetzt wurde. „Ein Novum in Bad Honnef war das damals“, sagt Kiwitt.

Familienalltag auf Schule übertragen

Ein Schultag in der Tiger-Klasse könnte seitdem so aussehen: An einen gemeinsamen Morgenkreis, für den Lehrerin Otto täglich ein anderes Thema auswählt, schließen sich drei Stunden gemeinsame Lerngruppenzeit an. Jedes Kind erhält einen Arbeitsplan für Mathematik, Deutsch oder Sachkunde, den es zu erledigen gilt. Bei Fächern wie Musik und Sport kommen die Erst- und Zweitklässler sowie die Dritt- und Viertklässler zusammen. Dann gibt es noch Spezialunterricht, wie etwa das Radfahrtraining für die Viertklässler. Acht Klassen mit insgesamt 182 Jungen und Mädchen werden so in Anlehnung an das Konzept der Reformpädagogik von Maria Montessori unterrichtet.

„Ein bisschen ist es jetzt so, als würde der Familienalltag auf die Schule übertragen“, sagt Thomas Kollritsch, Vorsitzender des Fördervereins und selbst Vater von zwei Söhnen an der Schule. „Die Jüngeren lernen von den Älteren, gucken sich Sachen ab.“ Eine ähnliche Erfahrung hat auch Dorothea Römer gemacht, deren beide Söhne ebenfalls die GGS besuchen. „Häufig sind die Älteren sogar stolz, wenn sie den Kleinen mal was zeigen können.“

Bewusst habe sie sich damals für dieses Schulmodell entschieden: „Es geht darum, alle mitzunehmen. Die leistungsstarken Kinder müssen nicht auf dem Stand der anderen verharren, sondern können selbstständig weiterlernen.“

Die leistungsschwächeren Kinder hingegen würden gezielt gefördert. Noch ein Vorteil: Wer ein Schuljahr wiederholen muss, bleibt in seiner gewohnten Lerngruppe. Nesrin Calagan, deren Sohn eine Gehhilfe benötigt und mittlerweile die vierte Klasse besucht, ist gleichfalls von dem Konzept überzeugt. „Das jahrgangsübergreifende Lernen kannte ich bereits von Kölner Schulen“, erinnert sie sich. „Für die Kinder hier ist es ganz normal, wenn ein Mitschüler anders als sie selbst ist. Das läuft ganz harmonisch und mein Kind fühlt sich wohl.“

Auch kritische Töne

Bei allen positiven Rückmeldungen habe es dennoch auch kritische Töne gegeben. „Wichtig war uns von Anfang an, die Eltern mitzunehmen“, sagt Kiwitt. „Es war ein großes Stück Arbeit, Transparenz zu schaffen und zu erklären, warum wir das vorherige Schulkonzept, das ja den gemeinsamen Unterricht nur für die Erst- und Zweitklässler vorsah, aufbrechen.“ „Das ist ja wie bei meiner Oma mit der Zwergschule auf dem Land“, habe da schon mal ein Kommentar gelautet.

28 Anmeldungen habe es zum Schuljahr 2016/2017 gegeben, in den vorherigen Jahren seien es zwischen 40 und 50 gewesen. „Da kommt man dann schon mal ins Grübeln“, sagt Kiwitt. Zum aktuellen Schuljahr hingegen wurden wieder 40 i-Dötzchen eingeschult. Für die Schulleiterin ein Zeichen, dass die Entwicklung in die richtige Richtung geht.

Das findet auch Carmen Otto. „Jahrgangsübergreifender Unterricht erfordert von den Lehrern viel Flexibilität, Vorbereitung und Planung“, sagt sie. „Dennoch überwiegen die Vorteile.“ Und sie erzählt noch von der Geschichte, als sich neulich ein Viertklässler zu einem „Ersti“ umgedreht habe. „Kannst du mal was ruhiger sein, ich möchte etwas lesen“, habe er gesagt. Otto: „Kinder erziehen sich manchmal auch selbst, ohne dass die Lehrerin mit erhobenem Zeigefinger kommen muss.“