Fall Anna

"Die Täuschung des Helfersystems ist gelungen"

Sein Gutachten stellt Christian Schrapper (3.v.l.) im Beisein der neuen Königswinterer Jugendamtsleiterin Bettina Linden (2.v.l.) am Dienstagabend dem Jugendhilfeausschuss vor.

KÖNIGSWINTER. Professor Christian Schrapper stellte das Gutachten zur Arbeit des Jugendamtes im Fall Anna vor: Zwei Jahre und zwei Monate nach dem gewaltsamen Tod des neunjährigen Pflegekindes Anna in Bad Honnef ging es am Dienstagabend im Jugendhilfeausschuss um die Verantwortung des zuständigen Königswinterer Jugendamtes.

Professor Christian Schrapper hat im Auftrag des Stadtrates die Arbeit der Behörde unter die Lupe genommen. Und seine Ergebnisse nun vorgestellt, obwohl das Ermittlungsverfahren der Bonner Staatsanwaltschaft gegen die zuständige Sachbearbeiterin noch nicht abgeschlossen ist.

"Die Täuschung des Helfersystems ist gelungen", sagte Schrapper. Die Pflegemutter, die im Herbst 2011 wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden war, habe es geschafft, das Bild von sich selbst als fürsorglicher Pflegemutter und das von Anna als schwierigem und traumatisiertem Kind zu vermitteln.

Zu einer ähnlichen Einschätzung war das Gericht im Prozess gegen die Pflegeeltern gekommen - auch was das Verhalten der Ärzte, der Psychotherapeutin oder des Mitarbeiters der Diakonie angeht, die sich alle von der Pflegemutter hätten an der Nase herumführen lassen.

"Diese Täuschung nicht durchblickt zu haben, kann nicht einer Mitarbeiterin zugerechnet werden, sondern lenkt den Blick auf die Konzeption und Arbeitsweise des Jugendamtes", sagte Schrapper. Der Gutachter, der an der Universität Koblenz-Landau lehrt, nannte viele Dinge, die das Jugendamt korrekt erledigt habe.

So seien die Aufgaben fristgerecht wahrgenommen worden, es habe eine intensive Begleitung und Unterstützung der Pflegefamilie gegeben, Hinweisen auch nach dem Polizeieinsatz im November 2009 sei zügig nachgegangen worden.

Allerdings sagte Schrapper auch, dass Annas Vorgeschichte "verloren gegangen" sei, als sie in die Pflegefamilie kam. "Es lag nicht daran, dass man nicht genug wusste, sondern dass das Wissen nach Annas Unterbringung in der Pflegefamilie nicht mehr genutzt wurde", so Schrapper.

So sei aus ihrer Zeit im Kinderheim nie berichtet worden, dass Anna traumatisiert sei, an einer Wasserphobie leide und zu autoaggressivem Verhalten neige - was die Pflegemutter behauptete und sich von ihren Ärztinnen attestieren ließ.

Gefehlt habe, so Schrapper, auch ein "Advocatus Diaboli" , jemand, der im Jugendamt auch mal gesagt habe, ob man den Fall nicht auch ganz anders sehen könnte. Eine hohe Erwartungshaltung laut Schrapper. Denn: "Man erwartet, dass ein Jugendamt zügig und effektiv arbeitet. Man erwartet aber auch, dass dort jemand ständig auf der Bremse steht."

Das sei eine große Herausforderung. "Es reicht nicht, das Jugendamt einmal schick zu machen. Das ist eine Daueraufgabe. Sie müssen sich jedes Jahr neu damit beschäftigen. Spätestens bei den Haushaltsberatungen."

Schrapper gab auch konkrete Empfehlungen: bereits realisiert ist die Trennung von Pflegekinderdienst und Allgemeinem Sozialen Dienst, die bei der Sachbearbeiterin in einer Hand lagen. Einen deutlichen Entwicklungsbedarf sieht er bei der Dokumentations- und Aktenführung im Jugendamt.