Mysteriöser Todesfall Bleck

Die Suche nach der Wahrheit

BONN/BAD HONNEF. Der mysteriöse Tod des 19-jährigen Jens Henrik Bleck wirft immer mehr Fragen auf. Die Ermittler schweigen.

Das lernt jeder Nachwuchs-Polizist während der Ausbildung: Auffahrunfall mit Blechschaden auf belebter Kreuzung, sieben befragte Augenzeugen - und nicht selten sieben sich widersprechende Aussagen, auch unter am Geschehen völlig unbeteiligten Zeugen. Erst recht bei besonders dramatischen, emotional aufgeladenen Ereignissen wird die Zeugenbefragung oft zum Rätselraten. Aus Gründen, die Psychologen und Mediziner besser erklären können, setzt das Gedächtnis aus, schafft sich das menschliche Gehirn eine Scheinrealität.

Schock, Trauma, die (freiwillige oder unfreiwillige) Einnahme von Rauschmitteln sind nur drei von vielen möglichen Gründen. Selbst wenn ein Zeuge bewusst die Unwahrheit oder nur die halbe Wahrheit erzählt, muss dies nicht ursächlich mit einem Verschulden des Ereignisses im rechtlichen Sinne zusammenhängen. Möglicherweise ist dem Zeugen ein Detail furchtbar peinlich, oder die volle Wahrheit würde ein schlechtes Licht auf den eigenen, sorgsam gehüteten guten Ruf (oder auf jenen eines nahestehenden Menschen) werfen. Besonders schwierig wird das Erinnern, wenn das Geschehen schon Wochen oder Monate zurückliegt.

Oder mehr als ein Jahr. Seit mehr als einem Jahr wartet das Bad Godesberger Ehepaar Alma und Torsten Bleck vergeblich auf die Beantwortung der Frage, unter welchen Umständen ihr Sohn Jens in der Nacht zum 9. November 2013 nach dem Besuch der Bad Honnefer Diskothek "Rheinsubstanz" ums Leben kam. Am 20. Oktober 2014 berichtete der General-Anzeiger ausführlich darüber. Einige der damals recherchierten Antworten werfen inzwischen völlig neue Fragen auf.

Zum Beispiel, was Silvia Schmitz, die Geschäftsführerin der Diskothek, dazu bewogen hat, damals auf Anfrage des General-Anzeigers zu sagen: "Nein, Flatrate-Trinken gibt es gar nicht bei uns. Hat es auch noch nie hier gegeben. Auch nicht im November 2013. Schon mal Sonderangebote, Wodka-Energy für 99 Cent. Aber kein Freitrinken gegen eine Eintrittspauschale. Das lässt schon unser Kassensystem nicht zu."

Inzwischen liegt dem General-Anzeiger ein Auszug der Facebook-Seite der Diskothek vom 8. November 2013 vor. Dort steht wörtlich: "All you can drink. Wir rufen die Trinkflat wieder ins Leben! Heute gibt es 4h lang eine Rundumversorgung. 22-02 Uhr, Getränke laut Aushang. Ladies zahlen 12 Euro und Gents 15 Euro (inkl. Eintritt). Einlass ab 22 Uhr. Eintritt ohne Trinkflat: 4 Euro."

Die Polizei hat sich nach der Veröffentlichung des General-Anzeigers nicht mehr bei den Eltern gemeldet. "Wir haben aber auch schon seit dem 24. November 2013 keinen Besuch mehr von der Polizei gehabt", sagen Alma und Torsten Bleck. An jenem Tag hatte man die Leiche ihres Sohnes im Rhein gefunden, rund 50 Kilometer flussabwärts, in Stammheim im Nordosten Kölns. In den vergangenen Wochen haben sich unzählige Leserinnen und Leser in der Redaktion des General-Anzeigers gemeldet. Um ihr Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen; aber auch, um Hinweise zu geben.

So erinnert man sich aus den Reihen der Rettungskräfte daran, dass drei Zeugen in der Nacht zum 9. November 2013 bereits um 02.46 Uhr die Polizei davon in Kenntnis setzten, dass man von der Brücke zur Insel Grafenwerth soeben einen im Hochwasser treibenden, mit den Armen um sich schlagenden und um Hilfe rufenden Menschen gesichtet habe - aber die auf Rhein-Rettung spezialisierte Feuerwehr Königswinter erst fast eine Stunde später alarmiert worden sei. Und die für den Abschnitt Oberwinter bis Bornheim-Widdig zuständige DLRG Bonn mit ihrem flussabwärts am Beueler Ufer stationierten, 70 km/h schnellen Rettungsboot erst bei einer neuerlichen Suchaktion eine Woche später: Samstag, 16. November. Wie berichtet, führte der Rhein in der Nacht zum 9. November Hochwasser; das Wasser fließt dann mit rund zehn Kilometern pro Stunde zu Tal.

In der Redaktion meldeten sich außerdem reihenweise Eltern, deren Kinder Opfer von K.o.-Tropfen in Diskotheken wurden - wenn auch nicht explizit in der Bad Honnefer Diskothek. Aber das geschilderte Verhalten der Opfer ähnelt frappierend dem Verhalten des 19-jährigen Jura-Studenten in jener Nacht. Und ein Paar aus dem Siebengebirge meldete sich. Die jungen Leute waren bis vor einem Jahr Stammgäste der Bad Honnefer Diskothek: "Oft stand die lange Theke komplett voll mit bereits vorbereiteten Mixgetränken aus Wodka und Red Bull, in die dann nur noch Eiswürfel gekippt werden mussten. Damit das für das Thekenpersonal schneller ging. Da hätte jederzeit jemand unbemerkt K.o.-Tropfen reintröpfeln können."

Wir unterliegen der irrigen Vorstellung, dass ein ganz bestimmtes Opfer vom Täter ausgewählt sein müsste. Dem ist nicht so. Wer Betonblöcke von Autobahnbrücken wirft, will auch nicht einen bestimmten, ihm bekannten Autofahrer treffen. Die Identität des Opfers spielt unter Umständen überhaupt keine Rolle. Vorvergangene Woche berichteten Rechtsmediziner der Universität Freiburg in der Fernsehsendung "Stern TV" von neuen, synthetischen Designerdrogen, die völlig legal im Internet zu bestellen sind, weil sie noch nicht gelistet wurden, aber wesentlich gefährlicher sind als herkömmliche Drogen. Die Konsumenten verhalten sich panisch und leiden unter einem temporären Gedächtnisverlust.

Seit einem Jahr verkehrt das junge Paar nicht mehr in der Diskothek. Seit dem 31. Oktober 2013. Eine Woche vor Jens Henrik Blecks mysteriösem Tod. Denn da lag spätabends ein Gast auf dem Parkplatz der mitunter von 500 Menschen bevölkerten Diskothek. Blutüberströmt. Fürchterlich zusammengeschlagen. "Drinnen und draußen - das sind dort zwei verschiedene Welten", sagt das Paar. "Drinnen ist gewöhnlich Friede, Freude, Eierkuchen. Draußen vor der Tür aber ist die Hölle."

Die Polizei verweist wie schon im Oktober auf die Staatsanwaltschaft als Herrin des Verfahrens. Der Anwalt der Eltern von Jens erhielt kürzlich Post von der Bonner Staatsanwaltschaft. Darin steht, dass die Staatsanwaltschaft den damals ermittelnden Kriminalhauptkommissar aufgefordert habe, die in der Ermittlungsakte fehlenden Fotos aus der Überwachungskamera zu ergänzen.

Auf Anfrage des General-Anzeigers gibt sich Oberstaatsanwalt Robin Faßbender einsilbig. Die Frage, ob es inzwischen neue Erkenntnisse im Fall Bleck gebe, beantwortet er mit: "Das kann ich weder kommentieren noch bestätigen noch dementieren." Dass aber neuerdings der Leiter der Abteilung Kapitalverbrechen für Medienanfragen in der Causa Bleck zuständig ist, beantwortet die Frage möglicherweise indirekt.

Wie GA-Chefreporter Wolfgang Kaes auf den Fall Bleck aufmerksam wurde, hat er vor Erscheinen seines Artikels "Die Suche nach der Wahrheit" im Interview mit ga-bonn.de verraten: