Gut behütet von Meisterhand

Die Hutmacherzunft in Bad Honnef

Bad Honnef. Seit 49 Jahren fertigt die Modistin Hannelore Mertesacker in Bad Honnef Unikate für die Köpfe ihrer Kunden. Während die Hutmacherzunft bis ins 20. Jahrhundert eine Männerdomäne war, wird das immer seltenere Handwerk heute fast nur noch von weiblichen Auszubildenden erlernt.

Es ist ein verregneter Samstagmittag in Bad Honnef. Einige Passanten schlendern mit aufgespannten Schirmen durch die Fußgängerzone, das Angelusläuten der benachbarten Kirche Sankt Johann Baptist übertönt die Gespräche zwischen Obsthändler und Kundschaft direkt vor Hannelore Mertesackers Laden. Ihre Tür steht offen, aber nur wenige Menschen treten ein. Kein Wunder, so oft werden ihre Waren jetzt nicht gekauft. Anders als in einem Supermarkt gibt es bei der gebürtigen Linzerin keine Artikel des täglichen Bedarfs. Mertesacker handelt mit Hüten.

Die 66-Jährige fertigt viele Kopfbedeckungen selbst. Das hat sie gelernt und über die mittlerweile 49 Berufsjahre als Hutmacherin verfeinert. Wobei die Bezeichnung nicht ganz korrekt ist. Die elegant gekleidete Dame mit den kurzen rotblonden Haaren und den kleinen Lachfältchen um die blauen Augen ist eine Modistin, mit Meisterbrief. Was aber klingt wie einer jener zahllosen neuen Berufe, die im Mehrjahrestakt entstehen und den deutschen Arbeitsmarkt bereichern, ist eigentlich fast 750 Jahre alt.

Frauen waren für den "Aufputz" zuständig

Bereits 1363 gab es im fränkischen Nürnberg eine Hutmacherzunft, die Kopfbedeckungen aller Art aus Fellen, Stoffen oder Stroh herstellten. Ein Job für Männer – wäre Mertesacker damals zur Welt gekommen, hätte sie lediglich das „Gedöns“, wie sie es nennt, anbringen dürfen. Gemeint ist der sogenannte Aufputz, also alles das, was an den jeweiligen Hut befestigt wird. „Schleifen, Rüschen, Garnituren – was anderes durften Frauen nicht tun.“

Noch 1972, als sie auf die Meisterschule ging und es in ihrer Klasse nur zwei Frauen unter den 30 Teilnehmern gab, war das so. Doch mittlerweile hat sich der Beruf gewandelt. Unter den vielleicht nur noch 300 im ganzen Bundesgebiet tätigen Modisten, wie der Beruf seit 1969 genannt wird, sind die Herren in der Minderheit. Männliche Azubis gibt es so gut wie gar nicht.

Basis für das Studium des Textilingenieurs

Doch dass der Beruf ausstirbt, glaubt Mertesacker nicht. Sie würde auch heute noch jungen Menschen raten, ihn zu erlernen – aber nur als Basis, um sich weiterzubilden, beispielsweise über ein Studium zum Textilingenieur. Die würden auch gesucht. Und es sei dann wichtig, dass man eine Ahnung von Textilien und ihrer Verarbeitung hat. Oder man geht ans Theater, wie sie es ebenfalls lange Jahre in Bonn gemacht hat. „Dort traut man sich was“, sagt sie und lacht. Da könne es auch mal vorkommen, dass man ein Segelschiff auf einen Hut für die Aufführung drapiert. „Alles ist möglich.“

Und das mit Fertigungstechniken, die sich seit Jahrzehnten nicht geändert haben. Noch immer schneiden Modisten diverse Materialien in Form und fertigen mittels Wasserdampf, zapfenförmigen Aluheizstäben zum Weiten eines Hutes oder der guten alten Nähmaschine passgenaue Kopfbedeckungen für die Kunden an. Die Palette an Stoffen ist dabei groß, wie sie in ihrer Werkstatt im Rückraum ihres Geschäftes verdeutlicht. In mehreren Lagen drängen sich dort Ballen von Seide und Filz in gläsernen Vitrinen, aus einem Regal lugen Reste von Kanin aus einem prall gefüllten Bord, auch Stroh oder Bast kommen zum Einsatz. Baumwolle oder Tweed werden ebenfalls verarbeitet.

Eine Kopfbedeckung als i-Tüpfelchen der Eleganz

Dabei geht es gar nicht so sehr um ausgefallene Kreationen, wie sie alljährlich medienwirksam bei Anlässen wie dem berühmten Pferderennen von Ascot in England zu bestaunen sind. Wo die Damen Gebilde präsentieren, die alles andere als alltagstauglich sind. Kreationen, die bis zu 2000 Euro kosten und nur auffallen sollen. Im Rheinland, in ihrem Sprengel, wo Mertesacker zwischen Köln und Koblenz ein Alleinstellungsmerkmal hat, wäre so etwas nur schwer vermittelbar. „Ich mache doch hier keinen Karneval und verkleide die Leute“, sagt sie und erklärt, worum es bei ihrem Job wirklich geht. „Eine Kopfbedeckung kann das i-Tüpfelchen der Eleganz sein, es muss aber immer zur Person und zum Anlass passen und stimmig sein.“

Manchmal lassen sich Extravaganz und Stil aber auch verbinden – beispielsweise, wenn Mertesacker den Hut der örtlichen Rosenkönigin für das alljährliche Fest der Gewerbetreibenden ausstaffiert. Dann entsteht ein wunderschönes Gebilde, aus Rosen und Seide, passend für das weiße Kleid, dass sie ebenfalls gefertigt hat. Ein Job, den sie von ihrer Mutter übernommen hat und seit Jahren fortführt.

"Man braucht einen Schutz für den Kopf"

Es sind publikumswirksame Einzelaktionen, normalerweise stehe der nüchterne Alltagsnutzen für einen Modisten im Vordergrund. Vor allem im Sommer. „Man braucht einen Schutz für den Kopf, es kommen ja schon junge Menschen mit Hautschäden in meinen Laden“, sagt sie. Und ein breitrandiger Hut schütze einfach vor der Sonne. Sie selbst, so erzählt sie, flaniert im Urlaub mit den Augen auf Kopfhöhe und hat kaum einen Blick für Attraktionen – stattdessen beäugt sie, was die Leute auf dem Kopf tragen. Berufskrankheit.

Früher habe man zu jeder Jahreszeit eine passende Kopfbedeckung getragen, heute sei das nicht mehr so ausgeprägt. Vielleicht ein Hut für den Urlaub, eine Mütze für den Winter oder eine Baseball-Kappe für die Junggebliebenen – mehr brauchen die Menschen kaum noch. Und selbst, wenn durch Prominente wie Roger Cicero oder Jan Josef Liefers mal wieder ein paar spezielle Hutformen populär werden, dauert es keine drei Monate, bis asiatische Plagiate den Markt beherrschen.

Ein Hut als zeitlose Ikone

Vom immer recht kurzlebigen Hype kann sie dann gar nicht groß profitieren. Aber das sei auch nicht schlimm – schließlich gebe es immer zeitlose Ikonen, die sich gut verkaufen und nie aus der Mode geraten. Schirmmützen oder ein Stetson beispielsweise, der allein durch die Filmfigur Indiana Jones zu dauerhaftem Ruhm gekommen ist. Auch Zylinder gehen immer, oder ein Panama. Und solange das so ist, wird sie sich nicht in Rente begeben. Könnte sie ja längst. Aber sie liebt ihren Job, bezeichnet sich als feinsinnige Stoff-Fetischistin – und hat mit dem Altenteil noch lange nichts am Hut.