Autorin Heli Ihlefeld las im Willy-Brandt-Forum Unkel

"Der Rasen ist da, um betreten zu werden"

Mit Spannung erwarten die Besucher Heli Ihlefelds Ausführungen zu Willy Brandt.

Mit Spannung erwarten die Besucher Heli Ihlefelds Ausführungen zu Willy Brandt.

UNKEL. Die Sitzreihen im Willy-Brandt-Forum sind komplett besetzt. Es werden zusätzliche Hocker organisiert, um dem großen Andrang gerecht zu werden. Eine erwartungsvolle Spannung ist den Teilnehmern der Veranstaltung anzusehen. Schließlich schreitet eine adrett gekleidete Dame herein. In ihren Händen ein Buch. Die Anwesenden beginnen spontan zu applaudieren. Heli Ihlefeld wird aus ihrem Buch "Auch darüber wird Gras wachsen" lesen.

Es ist ein erneuter Versuch, dem Menschen Willy Brandt ein Stückchen näher zu kommen. Diesmal aus der Perspektive Ihlefelds.

Christoph Charlier, Vorsitzender des Forum, begrüßt die Gäste und gedenkt als erstes der kürzlich verstorbenen Mitarbeiterin Verena Thöle.

"Helden und Legenden" lautet das Motto des rheinland-pfälzischen Kultursommers 2015. "Helden sind in aller Regel keine Zeitgenossen", sagt Charlier. Willy Brandt lebt nicht mehr, in ihm einen Held sehen, tun sicherlich viele. Umso größer das Interesse an den Anekdoten jener, die Willy Brandt persönlich kannten, ob Sohn, Ehefrau oder langjährige Wegbegleiterin.

Als eine solche könnte man Heli Ihlefeld wohl benennen. Als Bonner Korrespondentin der Münchener Abendzeitung in den 60ern kannte sie die Akteure im politischen Betrieb der damaligen Hauptstadt gut - so auch Brandt.

"Mit Willy Brandt zog einer neuer Stil ins Kanzleramt."

In Andenken an den kürzlich verstorbenen Richard von Weizsäcker beginnt Ihlefeld ihre Lesung mit kleinen Geschichten, die von dem Alt-Bundespräsidenten und Brandt erzählen. So habe der damalige Bundespräsident Brandts 75. Geburtstag zum Anlass genommen, ihn in die Villa Hammerschmidt zu laden. "Willy Brandt half uns zu verstehen, dass unser Wohlstand uns nicht nützt, wenn wir nicht lernen, anderen zu menschenwürdigen Lebenschancen zu verhelfen", zitiert Ihlefeld von Weizsäcker.

Es braucht nicht viel an Kreativität, um aus diesem Zitat einen Bogen zu heutigen asylpolitischen Debatten zu spannen. Überhaupt schien Ihlefeld darauf bedacht, Anekdoten von und über Brandt zu erzählen, deren Inhalt tagesaktuell erscheinen. Allein das große Themengebiet rund um die Brandt'sche Ostpolitik, die auf Entspannung und Ausgleich angelegt war, lud ein, den Ukrainekonflikt in der Lesung zu thematisieren.

"Die heutigen Politiker könnten sich von ihm eine Scheibe abschneiden", kommentiert Ihlefeld. "Bei der derzeitigen Ostpolitik, bekommt man ja Angst."

An anderer Stelle zitiert sie Brandt mit den Worten: "Abgeschlossen ist der Prozess des Zusammenwachsens erst, wenn wir nicht mehr wissen, wer die neuen und wer die alten Bundesbürger sind." - "Ein wahrhaft visionärer Satz angesichts unserer heutigen Wirklichkeit", so Ihlefeld.

Sie erzählt viel vom Humor des ehemaligen Bundeskanzlers. Wie er ihm half, diplomatische Schwierigkeiten überbrückte, Dinge, "durch die Blume" sagte und zur allgemeinen Entspannung und Erheiterung sorgte. Aber auch, wie er den Humor instrumentalisierte, um Distanz zu sich, seiner Umwelt und zu Verletzungen zu wahren.

Eines der Kapitel im Buch heißt: "Der Alte und sein junger Herausforderer". "Mit Konrad Adenauer und Willy Brandt trafen zwei große Anekdotenmacher aufeinander", so die Autorin. Unter anderem erzählt Ihlefeld die Geschichte, wie Brandt sich heimlich in ein Auto schummelte, in dem Kanzler Adenauer und Otto Suhr, damaliger Bürgermeister Berlins, vermeintlich alleine fuhren. Brandt saß neben dem Fahrer und lauschte, wie Adenauer Suhr vor Brandts Ambitionen, ihn vom Thron zu stürzen, warnte.

Geschichten wie diese sind es, die den Menschen Willy Brandt dem Leser näherbringen. "Mit ihm zog ein neuer Stil ins Kanzleramt", sagt Ihlefeld.

Das Werk trägt einen Titel, der zugleich ein Zitat Brandts ist und eine seiner bezeichnendsten Anekdoten in sich birgt. In seiner ersten Amtshandlung hob er das "Park-Verbot" auf, das unter Vorgänger Konrad Adenauer noch strikt galt. Bedenken gegen die Aufhebung des Gebotes "Rasen betreten verboten" kommentierte er bei seiner ersten Gartenparty im Kanzleramt mit: "Auch darüber wird Gras wachsen". Zu "mehr Demokratie!", habe Brandt die Gäste jener Party aufgefordert. "Also rauf auf den Rasen. Der Rasen ist da, um betreten zu werden."

Zur Person

Heli Ihlefeld ist 1935 in Hannover geboren. Sie studierte Soziologie und Volkswirtschaftslehre und arbeitete unter anderem in den 1960er Jahren als Bonner Korrespondentin der Münchener Abendzeitung und als Reporterin für den "Stern".

Sie war persönliche Mitarbeiterin der ersten weiblichen Bundestagspräsidentin, Annemarie Renger. In der Folge leitete sie die Presseabteilung des Bundespostministeriums und erhielt die Stabsaufgabe Gleichstellung im Telekom-Konzern. Im Jahr 2000 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für "ihren beispielhaften Einsatz für die Chancengleichheit von Frauen und Männern, wie in der Gesellschaft überhaupt".