Sportstadt Bad Honnef

Der GA diskutierte mit acht Vertretern von Honnefer Vereinen

BAD HONNEF. Quo vadis Sportstadt Bad Honnef? Eine Betriebskostenbeteiligung für die Sporthallen würde die Vereine vor große Probleme stellen, die Hängepartie um den Hallenneubau in Aegidienberg bereitet ihnen Sorge. Im Interview hat der General-Anzeiger mit acht Vertretern von Honnefer Vereinen über die derzeitige Situation, die möglichen Konsequenzen und die Hoffnungen der Verantwortlichen gesprochen.

Der Slogan des größten Sportvereins in der Stadt lautet "TVE bewegt Dich". "Bad Honnef, beweg Dich!" So lautet der Appell des Sports an Verwaltung und Politik. Die Diskussion um eine Betriebskostenbeteiligung für die Sporthallen und die Hängepartie um den Sporthallenneubau in Aegidienberg bereiten den Vereinen Sorge. Quo vadis, Sportstadt Bad Honnef?

Das erörterten im Gespräch mit Claudia Sülzen und Hansjürgen Melzer der Vorsitzende des Stadtsportverbandes Karl-Gert Hertel, Vera Wattenbach (TVE), Claus Elbert (SFA), Florian und Katharina Hambuch (beide ATV), Christian Mäßen und Sebastian Schmidt (beide RTV) und Wilhelm Strohmeier (HCH). Einig waren sich alle: Beitragserhöhungen, um Löcher im Etat zu stopfen, kommen nicht in Frage. Und ein Beschluss für eine Mehrfachhalle in Aegidienberg ist überfällig.

Ist Bad Honnef eine Sportstadt?
Christian Mäßen: Gemessen am Organisationsgrad mit mehr als 8800 Aktiven: eindeutig ja.
Karl-Gert Hertel: Es sind sogar noch mehr Sporttreibende, nehmen Sie nur die vielen Nicht-Organisierten.
Katharina Hambuch: Das sieht man auch daran, was am Wochenende am Rhein und im Siebengebirge unterwegs ist.
Hertel: Und Bad Honnef ist seit zehn Jahren führend unter 19 Kreis-Kommunen bei den Sportabzeichen.

Würde eine Betriebskostenbeteiligung, wie sie diskutiert wird, die Sportstadt schädigen?
Wilhelm Strohmeier: Ganz sicher. Nach heutiger Berechnung müssten wir als HCH 35 Euro pro Mitglied und Jahr auf die Beiträge draufsatteln. Das ist illusorisch. Nicht zu vergessen: Viele Vereine haben eigene Sportstätten, nicht nur wir, auch der RTV oder der TVE. Ohne die ginge schon lange nichts mehr. Aber uns kostet nur die Unterhaltung unseres Platzes 15.000 bis 18.000 Euro pro Jahr, Hausmeister oder Schlüsseldienst noch nicht eingerechnet. Mehr geht nicht.
Vera Wattenbach: Die Entscheidung, eine eigene Halle zu bauen, war aus der Not geboren. Die städtischen Hallen reichen ja schon lange nicht mehr. Das geht schnell in die Hunderttausende, mit denen ein Verein die Stadt effektiv entlastet. Und wir betreiben noch einen Kindergarten, andere Vereine, wie der RTV, eine OGS. Wenn die Vereine jetzt auch noch mit Betriebskosten für die öffentlichen Hallen belastet werden, sind die Grenzen erreicht. Wir müssten an die Beiträge, zu Lasten von Familien. Und zwar, in Relation zu Musikschule und Bücherei etwa, zu Lasten einer viel größeren Zahl von Familien. Auch das muss bedacht werden.
Hertel: Ich habe Signale schon von zwei Vereinen, dass sie ihren Sportbetrieb einstellen müssten.
Sebastian Schmidt: Basketball ist wegen der hohen Schiedsrichterkosten ein teurer Sport. Unsere Mitglieder zahlen gegenwärtig bereits 180 Euro pro Jahr. Etwa 30 bis 40 Euro mehr, das wäre eine Riesenbelastung - zu groß für viele Familien. Das lehnen wir ab. Auch wir nutzen die Halle des Hagerhofs und eine eigene Halle, letzteres natürlich mit entsprechenden Kosten, die unsere Mitglieder tragen.
Claus Elbert: Wir zahlen 2000 bis 3000 Euro pro Jahr alleine für die Nutzung des Bürgerhauses, weil wir sonst sowieso nicht alle Angebote unterbringen könnten. Weitere Mehrkosten würden bedeuten, dass wir Angebote überdenken oder sogar einsparen müssten. Wir könnten uns schlicht nicht mehr alles leisten. Das Vereinsangebot müsste zurückgeschraubt werden. Darunter leiden alle. Dabei wächst Aegidienberg überproportional, und Sportangebote sind für Familien unverzichtbar.

Gibt es analog zu Bonn einen Gegensatz von Kultur und Sport?
Strohmeier: Die Situation Bad Honnef/Bonn ist nicht vergleichbar. Wir haben mit dem svb eine seit vielen Jahren erfolgreiche, ehrenamtliche Organisation, die die Interessen zusammenführt. Doch noch mal zu den Betriebskosten: Bliebe es beim Haushaltsbeschluss aus Juni, müssten wir für vier Monate Hallensaison 1700 Euro zahlen. Das ist grotesk. Wir wollen keinen Kampf Sport gegen Kultur. Aber es muss doch gesagt werden dürfen, dass das in keinem Verhältnis steht.
Hertel: Wilhelm Strohmeier hat Recht: Man muss sagen dürfen, das ist nicht okay. Wir sind uns nur nicht ganz einig, ob man dafür demonstrieren sollte. Ich finde, man muss Lösungen auf dem Gesprächsweg finden. Und es gibt mittlerweile durchaus Anzeichen, dass das auch möglich sein wird.
Wattenbach: Problem ist auch: Wenn wir den Mitgliedern erst mal mitteilen müssten, die Beiträge steigen, kämen die Austritte. Das wäre der Beginn einer Spirale. Weniger Mitglieder, weniger Beiträge, weniger Angebote und so fort.
Mäßen: Wir hatten Ende Juni unsere Mitgliederversammlung, dabei wurde auch unser Etat verabschiedet. Da wir das Haushaltsjahr neu geordnet haben, haben wir dieses Mal einen Etat für eineinhalb Jahre verabschiedet. Und dann hat man im Oktober Post im Briefkasten und es heißt plötzlich: Zahlt mal bitte 4,50 pro Stunde und Halleneinheit. Alleine für unseren Verein wären das, wegen der Dreifachhalle am Menzenberg, 10 000 Euro, die wir aber überhaupt nicht einplanen konnten. Das ist an dieser konkreten Sache für mich das Ungeheuerlichste. Man kann sicher darüber reden, wie sich die Vereine etwa an der neuen Halle in Aegidienberg beteiligen könnten. Da ist vieles möglich, eine Art Sportgroschen pro Mitglied oder sogar eine für mehrere Jahre befristete Erhöhung der Beiträge. Aber nicht so, indem man mal schnell die Katze aus dem Sack lässt, um ein Haushaltsloch zu stopfen, das nichts, aber auch gar nichts mit dem Sport zu tun hat.
Hertel: Noch dazu kam das in einer Zeit, in der die Hallenzeiten für die Wintersaison ja schon feststanden. Es ist schon abenteuerlich. Das ist ein Überfall auf die Vereine gewesen. Man schaut nicht, wie sich die Zahlen wirklich im Verhältnis darstellen. Man macht es umgekehrt: Es fehlen 20 000 Euro, und die werden mal schnell dem Sport aufgebürdet. Was mich ärgert, ist auch die gleichgültige Haltung von Politik und Verwaltung gegenüber dem Sport. Alle sehen, der Sport ist wichtig, die Vereine holen die Kinder von der Straße. Aber daraus zieht man nicht den Schluss, wir müssen etwas für den Sport tun. Sportler sind im Sportausschuss übrigens unterrepräsentiert.
Strohmeier: Wir haben schon eine Notbremse gezogen und unsere Hallenzeiten für den Monat Oktober zurückgegeben. Wenn das andere Vereine auch machen würden, immer mal von Monat zu Monat, dann hätte die Stadt ein Problem. Das würde Eindruck machen.
Mäßen: Oder, um beim bisherigen Umgang mit den Vereinen zu bleiben: Die anderen Vereine müssten mehr zahlen.
Wattenbach: Nicht mit uns! Wir haben jetzt schon den ganz klaren Beschluss gefasst: Wir werden keine Hallenzeiten übernehmen, die von anderen Vereinen zurückgegeben worden sind. Und wenn wir sie noch so dringend brauchen könnten. Wir sind mit den anderen Vereinen ganz solidarisch.

Auch beim Thema "Neue Sporthalle" appellieren die Vereine an Verwaltung und Politik. Ein eindeutiger Beschluss dazu sei überfällig.

Wird eine neue Halle in Aegidienberg gebraucht?
Wattenbach: Wir brauchen eine Mehrfachhalle, ob in Aegidienberg oder im Tal ist egal. Ich glaube schon, dass unsere Sportler nach Aegidienberg fahren würden.
Elbert: Wo übrigens auch 2002 schon ein solcher Neubau geplant und beschlossen war. Der Bedarf ist nicht neu.
Hertel: Zudem gibt es im Tal gar keinen Platz, an dem eine neue Halle entstehen könnte. Darauf, dass im Honnefer Süden etwas passiert, warten wir ja auch schon ewig.
Wattenbach: Vor allem die Ballsportarten Basketball, Handball, aber auch Hockey brauchen eine Mehrfachhalle.
Hertel: Die dreiteilbare Zweifachhalle reicht dafür aus. Was mich ärgert, ist dieser halbherzige Beschluss der Mehrheit, alles noch mal zu prüfen. Denn ernsthafte Finanzierungsbemühungen können doch erst beginnen, wenn ein Beschluss steht.
Mäßen: Genau. Wenn man kein Projekt hat, wird auch kein Sponsor bereit sein, Geld zu geben.
Strohmeier: Auch uns fehlen pro Woche etwa sechs Stunden. Zur Halle: Der Förderkreis Honnefer Sport steht seit einem halben Jahr in den Startlöchern, will loslegen. Aber ohne Beschluss sind uns die Hände gebunden.

Was passiert ohne neue Halle?
Wattenbach: Es geht nicht ohne große Halle. Uns fehlen jetzt schon sechs Stunden pro Woche für die Handballer. Wir können keine neuen Sportler aufnehmen. Überspitzt gesagt: Wir können nicht einmal eine Weihnachtsfeier machen. Da kann schon der Gedanke aufkommen: Wenn Vereine jetzt notgedrungen Hallenzeiten zurückgeben, weil sie sich das einfach nicht mehr leisten können, wer braucht dann noch eine neue Halle? Will man so das Problem lösen?

In welchem Zustand sind die vorhandenen Hallen?
Katharina Hambuch (lacht): Grauenvoll. Wir nutzen jetzt schon ganz viele private Dinge vom Verein und Geräte, die eigentlich schon gesperrt sind.
Florian Hambuch: Nehmen Sie das Beispiel Halle Bergstraße. Ich will gar nicht wissen, wie da die energetische Bilanz aussieht.
Wattenbach: Das Stichwort energetische Sanierung passt. Wir kennen doch die Berechnungen, was eine neue Halle an Betriebskosten kosten würde. Wenn man das mit den von der Stadt angesetzten Kosten für die Menzenberger Halle, die die Vereine plötzlich mit stemmen sollen, setzt: Das steht doch in keinem Verhältnis. Und sagt etwas aus über den Zustand der Hallen.
Elbert: Stimmt alles. Aber eine schlechte Halle ist besser als gar keine Halle. Noch mal zurück zum Beispiel Bürgerhaus. Dort wird auch gefeiert. Mit allen Begleiterscheinungen. Es riecht nach Bier, Glasscherben liegen manchmal herum. Optimal ist das wirklich nicht.
Hertel: Die Sportpauschale, die die Stadt vom Land bekommt, geht seit Jahren alleine für Reparaturen drauf. Eine Mängelverwaltung, gewiss. Aber dann sollte es wenigstens eine faire Mängelverwaltung sein. Ich bin da so etwas wie Cato der Ältere, aber ich sage es trotzdem: Es gibt eine verfassungsmäßige Pflicht, den Sport zu fördern. Trotzdem gibt es in Bad Honnef keinerlei Eigenleistung der Stadt.
Strohmeier: Auch wenn es hierbei nicht um die Hallen geht: Wir sind der einzige Verein im Westdeutschen Hockeyverband ohne Kunstrasen. Alle Vereine verziehen erst mal das Gesicht, wenn sie zu uns kommen und auf Naturrasen spielen sollen. Das wird irgendwann auch beim Verband aufstoßen. Das ist ein Riesenhandicap. Ein Kunstrasenplatz könnte das ganze Jahr über bespielt werden. Dann bräuchten wir vielleicht gar keine Hallenzeiten mehr.

Wie viel Leistungssport kann sich ein moderner Verein noch leisten? Die Kosten sind erheblich, besser stellen sich die Clubs, wenn sie nur Breitensport anbieten. Wie halten es die Sportvereine mit dem Leistungssport?
Schmidt: Wir wollen nicht nur Leistungssport bieten, der ohnehin nur noch bedingt durch das Ehrenamt zu leiten wäre. Darum sind die Bereiche auch getrennt. Wir sind ein klassischer Breitensportverein.
Mäßen: Und natürlich sollen alle unsere acht Herrenmannschaften und unsere Jugend die Möglichkeiten haben, die sie brauchen.
Wattenbach: Bei uns hat der Breitensport Priorität. Aber das eine oder das andere geht nicht. Breitensport braucht Leistungssport und Leistungssport braucht Breitensport. Wir brauchen die Motivation durch Wettbewerbe, nur so schaffen wir es, die Kinder von der Straße zu holen und ihnen im Verein zu geben, was sie in ihrer Entwicklung so dringend brauchen.
Katharina Hambuch: Genau. Es ist doch immer ein großer Ansporn für die Kinder, auf Meisterschaften zu gehen, sich mit anderen messen zu können. Leistung fordert und fördert. Das ist soziales Lernen.
Florian Hambuch: Der ATV ist sehr breit aufgestellt, als Familien- und Breitensportverein. Aber um das Beispiel Boxen zu nehmen: Wir haben diese Abteilung vor Jahren aufgebaut, immer mehr Kinder und Jugendliche kamen hinzu. Und die Jugendlichen selbst waren es, die mehr wollten und auf Meisterschaften gehen. Dann waren sie so gut, dass wir schnell auf internationaler Ebene unterwegs waren, bei Meisterschaften in Tschechien oder anderswo. Das kostet natürlich Geld. Mittlerweile beträgt das 20 bis 25 Prozent unseres Gesamtbudgets. Hinzu kommt, dass es sich um Kids handelt, die sehen sie nicht beim Basketball oder beim Hockey. Wir haben 23 Nationalitäten beim Boxen. Das ist gelebte Integration. Bei Zusatzkosten für den Verein müssten wir das Angebot aufgeben.
Katharina Hambuch: Es geht bei weitem nicht nur um den Sport. Es geht darum, soziale Kompetenzen zu lernen. Wir bewahren Menschen vor Hartz IV. Und sparen der Gesellschaft Geld.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen den Vereinen entwickelt?
Wattenbach: Das hat sich unglaublich verändert. Früher war man schon mal mit dem Messer in der Tasche unterwegs. Jetzt gibt es eine große Solidarität.
Florian Hambuch: Wir erfahren das auch, gerade in der Diskussion jetzt um die Hallenkosten, durch die Unterstützung von Vereinen, die selbst nicht betroffen sind.

Haben Sie Nachwuchssorgen im Ehrenamt?
Elbert: Wir suchen seit Mai einen neuen Geschäftsführer. Und das, wo gerade Überweisungen und Lastschriften auf das neue SEPA-Verfahren umgestellt werden müssen. Wir suchen und suchen und finden keinen. Ein pensionierter Banker hat mir sogar gesagt: Tut mir leid, damit bin ich überfordert.
Florian Hambuch: Wir suchen sogar schon seit zwei Jahren einen neuen Geschäftsführer.
Mäßen: Ohne unsere Ehrenamtlichen wäre es nicht möglich, dass die Tribüne in der Menzenberger Halle von mittags bis zu den Abendspielen aufgebaut wird. In früheren Bundesligazeiten hatten wir dafür noch bezahlte Kräfte. Das gilt auch für die Parkplatzwächter. Das Geld haben wir schon lange nicht mehr. Ohne Ehrenamtler wären wir aufgeschmissen. Auch unsere Übungsleiter erhalten ja nur eine Aufwandsentschädigung. Das ist also auch eher ein Ehrenamt.
Wattenbach: Ein Verein wie der TV Eiche mit über 2400 Mitgliedern braucht heute eine hauptamtliche Kraft, allein um zu schauen, wie man noch an Gelder kommen kann. Das lässt sich ehrenamtlich nicht mehr leisten. Es wird zugleich immer schwieriger, an Ehrenamtler ranzukommen.
Katharina Hambuch: Wir können zum Beispiel keinen Rehabilitationssport anbieten, weil wir dafür eine versierte Fachkraft bezahlen müssten. Und selbst wenn man sie hätte, hätten wir keinen geeigneten Raum dafür. Das ist doch gerade in Bad Honnef, das sich Gesundheitsstadt nennt, sehr traurig.