Siebengebirgsgymnasium

Deckname "Ananas" - Bericht von Verfolgung durch die Stasi

Manfred Haferburg liest im Sibi aus seinem Buch "Wohn-Haft".

BAD HONNEF. "Maßnahmen: Beobachtung wird aus dem Publikum heraus fortgesetzt." Über diesen Gag konnten die mehr als 200 Besucher in der knubbelvollen Aula noch schmunzeln. Aber ansonsten ließ die Thematik eher Entsetzen und Gänsehautgefühle zu.

Der Stasi-Offizier erteilte die "Dienstanweisung zur operativen Personenkontrolle." Und sein Kollege schnarrte im typischen Stasi-Jargon: "Erste auffällige antisozialistische Umtriebe sind an einer weiblichen Person zu beobachten... Sie erhält den Decknamen ,Ananas?...  Auffallend: Sie trägt Strickpullover mit unübersehbarer kapitalistisch-imperialistischer Symbolik. ,Ananas? ist sofort durch den informellen Mitarbeiter ,Ahorn? zu observieren." Mit einem gelungenen Sketch leiteten Schüler des Siebengebirgsgymnasiums die Lesung von Manfred Haferburg aus seinem Buch "Wohn-Haft" in der Sibi-Aula ein.

Philipp Schwirz und Viktor Danninger spielten die Stasi-Leute. Hannah Lux schlenderte als das nichtsahnende "Observierungsobjekt Ananas" über die Bühne.

Als schließlich der Autor zum Pult schritt, erfolgte postwendend die "Anweisung" durch die Stasi-Leute: "Maßnahmen: Beobachtung wird aus dem Publikum heraus fortgesetzt." Über diesen Gag konnten die mehr als 200 Besucher in der knubbelvollen Aula noch schmunzeln. Aber ansonsten ließ die Thematik eher Entsetzen und Gänsehautgefühle zu.

Corinna Franz, Geschäftsführerin der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus, die den Abend in Zusammenarbeit mit dem Sibi und der Buchhandlung Werber organisiert hatte, meinte in einer Einführung, Konrad Adenauer sei teilweise vorgeworfen worden, gegen die deutsche Einheit zu sein. "Das stimmt nicht. Er wollte die deutsche Einheit in Frieden und Freiheit." Manfred Haferburg hauche in seinem Roman dem Begriff Diktatur Leben ein. Sibi-Lehrerin Ursula Schröder betonte, dass der Leser das Gesicht einer Zeit kennenlerne. Schülerin Leonie Mänken, die einen Prolog sprach, war sich am Schluss der Lesung mit ihren schauspielernden Klassenkameraden einig: "Was da passiert ist, das ist krass. Durch die beschriebenen Einzelschicksale ist alles besser vorstellbar." Ein Sibi-Leistungskurs wird demnächst nach Berlin fahren und das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen besuchen - einen der Schauplätze des autobiografischen Buches.

Haferburg, im Roman die Figur Manni Gerstenschloss, saß dort bis Oktober 1989 in Haft. Er war im Mai jenes Jahres beim Versuch, die DDR mit falschen Papieren über die Tschechoslowakei per Eisenbahn zu verlassen, gefasst worden. Seiner Frau gelang die Flucht in einem anderen Waggon. Sie wartete dann in Bad Honnef auf ihren Mann.

Wie er den 9. November und den Mauerfall erlebte, wurde Haferburg gefragt. "Meine Frau schickte mich aus dem Zimmer mit dem Fernsehapparat, denn ich hatte ganz rote Augen, ich war emotional schockiert, ich konnte die Bilder fast nicht verarbeiten." Als "kleiner Feigling" habe er sich zunächst durchzumogeln versucht in der DDR. Als er nach einer Blitzkarriere im Kernkraftwerk Greifswald in die SED eintreten sollte und einige Ereignisse ihn aufrüttelten, wurde er zunehmend rebellischer, wurde schließlich vom "widerborstigen Aufrührer zum feindlichen Element". 30 IM waren auf ihn angesetzt.

Haferburg, seit Jahren in Paris lebend, schilderte auch das aufwühlende Schicksal seines jungen Mitgefangenen Bartschi, dem die tschechischen Grenzer das Knie kaputt geschossen hatten, als er zu seiner Freundin in den Westen flüchten wollte. Er habe das Erlebte bis heute nicht verkraftet. "Bartschi hat die Mauer umgeworfen. Diejenigen, die weg sind, haben den Einsturz der DDR bewegt. Sie haben Grauenvolles erlebt." Und er fragte sich, wie es sein kann, dass Stasi-Funktionäre höhere Renten beziehen als die Opfer des Regimes und ehemalige Stasi-Leute sich gut etabliert haben. "Ich wollte gegen die Verhöhnung der Opfer anschreiben." Sein Roman soll vor allem der Jugend ein Lehrbuch sein.