Schlange stehen vor dem Drachen

Das Märchenfest auf Schloss Drachenburg feiert Premiere

Siebengebirge. Mehrere Tausend Besucher strömen am Sonntag zur Premiere des Märchenfestes auf Schloss Drachenburg in Königswinter.

Geduld, das merkten die zu spät Gekommenen schnell, war hier wahrlich die Tugend der Stunde: Brechend voll war es am Sonntag bei „Grimms Märchenfest“ auf Schloss Drachenburg. Dutzende Meter lange Schlangen erstreckten sich zur Mittagszeit vor Talstation und Schlosseingang, und auch am Nachmittag wollte der Besucherstrom partout nicht versiegen.

Entsprechend überwältigt zeigte sich Produktionsleiter René Frangenberg von der Siegburger „Klang & Gastro GmbH“: Dass einige Hundert Familien zur Premiere des Events kommen würden, habe er im Vorfeld bereits für eine optimistische Schätzung gehalten.

Am Ende aber tummelten sich, so Frangenberg, über den gesamten Tag verteilt wohl zwischen 3.000 und 4.000 Gäste auf den Wiesen und Wegen rund um das Märchenschloss. Und der Andrang war nicht unbegründet: Denn wer sich durch die teils enorm langen Wartezeiten nicht entmutigen ließ, den erwartete auf dem Märchenfest ein zauberhafter Spaß für Groß und Klein – zum Anschauen, Zuhören und sogar zum Anfassen.

Und das alles dank der Stars des Tages, allen voran die 25 Schauspielerinnen und Schauspieler des TalTon-Theaters in Wuppertal, die in ebenso aufwendigen wie prachtvollen Kostümen die Grimm'schen Kinder- und Hausmärchen zum Leben erweckten. Im rot-weißen Rosenkleid schmiss sich Dornröschen auf den Schlosstreppen in Selfie-Pose, während der Teufel höchstpersönlich mit zuckendem Schwanz, scharfen Klauen und drei goldenen Haaren am Scheitel durch die Menge flanierte.

Während Hänsel und Gretel den Weg nach Hause suchten, schleppte der Gestiefelte Kater einen Sack voller Korn, die böse Königin beäugte selbstverliebt ihr Spiegelbild – „Na, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ – und Rapunzel präsentierte stolz ihren meterlangen goldenen Zopf.

Nachwuchs-Abenteurer bezwingen den Feuerdrachen

Freudig quietschend bezwangen derweil waghalsige Nachwuchs-Abenteurer die Feuerdrachen-Rutsche, kämpften sich an den großen Zähnen vorbei in den Schlund des Ungeheuers, um dann über dessen Rücken wieder in Sicherheit zu schlittern. Die Hüpfburg war gerettet – und die Herzen der ein oder anderen jungen Prinzessin erst recht erobert.

Während sich die einen nach Herzenslust austobten, kramte Märchenerzähler Andreas vom Rothenbarth, schon von Weitem am weißen Rauschebart zu erkennen, in seinem Geschichten-Repertoire. Deutsche Klassiker wie Rotkäppchen gab es hier einmal für die jungen Zuhörer, einmal für die Eltern interpretiert, dazu auch englische Märchen à la „Fräulein Maus“ – Hauptsache, mitreißend, fesselnd und spannend. Das Erzählen, „die Urform der Kommunikation“, sei schließlich fürs Märchen wie geschaffen – „es entsteht einfach eine ganz andere Atmosphäre, wenn ich Kindern in die Augen schauen und gestikulieren kann“.

Und der Jugend die Originalgeschichten zu vermitteln, sei umso wichtiger in einer Zeit, in der die meisten noch nie von Grimms Märchen gehört hätten: „Idealerweise müsste es keine professionellen Erzähler geben“, so der Wortschmied, „weil alle die Märchen schon aus dem Elternhaus kennen“.

Doch genau das war ja der Sinn des Märchenfestes: Nicht nur schicke Kostüme und spannende Geschichten, sondern auch Kulturvermittlung. Während die einen erzählten, setzte das „L'una Theater“ auf Schauspielkunst, und das Figurentheater Köln ließ wortwörtlich die Puppen tanzen.

Ein Rätselpfad informierte über die Historie der Gebrüder Grimm und ihrer Erzählungen, und auch die etlichen Figuren, die um und durch das Schloss huschten, gaben gerne Auskunft über die Zeilen, denen sie entsprungen waren. „Das“, erklärte etwa Frau Holle einer verwundert dreinschauenden Besucherin, „sind Goldmarie und Pechmarie. Die eine schüttelt mein Kissen immer ganz fest aus, die andere ist dauernd zu faul dazu. Hier, möchtest du auch mal?“

Da ließ sich keiner zwei Mal bitten: Zusammen mit Goldmarie – „war ja klar, dass Pechmarie sich wieder drückt“ – durfte der Nachwuchs das große Kissen über den Mauerzinnen so fest ausschütteln wie möglich. Frau Holle fuhr indes größere Geschütze auf und half mit einer Schaumkanone nach. Und als der weiße Schneesturm über die Blumenbeete und Wiesen wirbelte und die ersten Besucher einschneite, da wurden die Magie und Behutsamkeit der Grimm'schen Werke erst recht greifbar.